Acht Jahre lang habe ich als Escort gearbeitet. Man könnte auch sagen, ich habe Sexarbeit gemacht, aber die Bezeichnung "Escort" gefällt mir besser. Ich finde, sie trifft den Kern der Sache: Man begleitet Menschen beim Sex. Angefangen habe ich damit während des Studiums. Selten hatte ich mehr als zwei Verabredungen pro Woche und nie aus finanzieller Not. Das tat der Sexarbeit gut. Ich konnte mir meine Kundinnen und Kunden sorgfältig aussuchen. Die meiste Zeit verbrachte ich mit vier Stammkunden.

Seit ich im privaten Kreis offen darüber rede, melden sich bei mir die verschiedensten Leute, manchmal auch völlig Unbekannte. Sie alle überlegen, selbst als Escort zu arbeiten, und möchten von mir mehr darüber erfahren. Meiner Meinung nach beruht Sexarbeit vor allem auf eigenem Erkunden. Escort ist vielfältig. Es geht dabei oft, aber nicht nur, um Sex – immer geht es aber um Kommunikation. Wenn es überhaupt irgendeine von vornherein feststehende Regel gibt, dann die, dass sich alles im Prozess entscheidet. Man beginnt damit und findet allmählich heraus, was man mit wem machen kann und wie weit man gehen möchte. 

In den vergangenen Jahren habe ich mit gut 50 Menschen darüber diskutiert, warum sie den Beruf Escort so faszinierend finden. Zwei Grundsätze, die auch für mich selbst gelten, teilen die meisten: Wenn man es tut, dann nicht wegen des Geldes. Und auch um das Stillen einer versteckten Sexsucht geht es nicht.

Eher scheinen die vielen Interessierten von offenem, freizügigen und gefahrlosen Sex zu träumen. Sie sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, sehen auf verschiedene Weisen gut aus und kommen in ihrem Leben mit sich und anderen gut zurecht. Sie diskutieren polygame Lebensweisen und versuchen, ihr Leben so zu gestalten, dass sie aus Herausforderungen etwas lernen können. Meistens sind diese Menschen, wie auch ich, mit sich selbst und ihrer sexuellen Attraktivität im Reinen, sie kennen sich selbst und wissen sehr genau, was sie tun. Ihr sexuelles und kulturelles Kapital ist groß. Ist es da verwunderlich, dass sie versucht sind, dieses Kapital auch auf den monetären Sexmarkt zu tragen?

Wie gelingt ein Sexleben?

Interessanterweise unterschieden sich die Beweggründe, von denen mir die potenziellen Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter erzählten, gar nicht so stark von denen meiner Kundschaft. Die Mehrheit der an Sexarbeit Interessierten erhofft sich die Lösung eines zugleich privaten wie gesellschaftlichen Problems: Wie lässt sich die immer wieder behauptete, aber doch so schwierige Trennung von Sex und Liebe praktisch realisieren? Wie geht man damit um, dass Dating diese Trennung unterläuft, indem es immer die Option auf Sex und auf Liebe verheißt? Wie gelingt, kurz gesagt, ein Sexleben, das nicht sogleich vom Liebesleben mit all seinen Schwierigkeiten überlagert wird?

Wie sehr das Liebesleben in den vergangenen Jahrzehnten verunsichert wurde, hat die Soziologin Eva Illouz in Büchern wie Warum Liebe weh tut und Die neue Liebesordnung untersucht. E. L. James' Fifty Shades of Grey habe nur deshalb so erfolgreich sein können, schreibt Illouz, weil es eine Antwort auf die Krise der romantischen Zweierbeziehung bietet. In klassischen Groschenromanen oder Liebesfilmen sind die Rollen klar verteilt. Der Ritter erlöst irgendwann das Burgfräulein, und der krönende Kuss macht klar, was danach garantiert noch folgt. Heute hingegen, so Illouz' These, braucht es einen sexuellen Vertrag, damit zwei unabhängige, emanzipierte Individuen sich romantisch aneinander binden können.

Nun hat die in Fifty Shades of Grey geschilderte Beziehung mit den Gepflogenheiten in der echten BDSM-Szene eher wenig zu tun. Dort beruht alles auf einer strengen Definition von Grenze und Grenzüberschreitung: Je klarer der zeitliche und örtliche Rahmen der Begegnung festgesetzt ist, desto lustvoller können die Spielpartnerinnen und Spielpartner sich darauf einlassen, ihr gewöhnliches Ich für eine Weile zu transzendieren.

So frei wie noch nie – und unsicherer als je

In Fifty Shades of Grey muss der Vertrag dafür herhalten, die komplexen Aspekte einer Liebes- und Gefühlsbeziehung zu regulieren. In modernen Beziehungen ist zum Glück der Beteiligten – oder zu ihrem Unglück – alles verhandelbar. Mister Grey und Miss Steele führen vor, dass eine vertragliche Regelung das Problem der Verlustängste und Kontrollzwänge zwar nicht ganz vergessen macht, dass sie aber doch eine zeitgenössische Antwort auf eine sehr dringliche Frage bietet: wie Liebe heute überhaupt noch funktionieren soll. 

Sexarbeit verspricht nun, das von Illouz benannte Problem nicht von der Seite der Liebe, sondern von der Seite des Sex zu lösen. Setzen wir in Illouz' These einmal Sexarbeit an die Stelle von BDSM: "Sexarbeit [vorher: BDSM] ist eine brillante Lösung für die strukturelle Instabilität des Sexlebens, gerade weil es sich um ein immanentes, in einer hedonistischen Definition des Subjekts verankertes Ritual handelt, das Gewissheit über Rollen, Lust [vorher: Schmerzen] und die Kontrolle der Lust sowie die Grenzen des Konsenses verspricht."

Sex zur Selbstverwirklichung

Trotz oder vielleicht gerade wegen der Orientierung auf Sex only, mit der die Menschen Plattformen wie Tinder oder Grindr nutzen können, sind sie im Vollzug ihres eigenen Sexlebens verunsichert. Theoretisch sind sie so frei wie nie zuvor, praktisch aber von all den Möglichkeiten überfordert, die sich ihnen bieten. Es mag etwas abenteuerlich klingen, aber wer als Sexarbeiter tätig ist, kann dieses Problem innerhalb einer geschäftlichen Routine lösen. Als Escort kann man sich sicher sein, dass zwei Dinge, die im Zwischenmenschlichen sehr unsicher geworden sind, immer gegeben sind: ein vereinbarter Rahmen, in dem der Sex stattfinden soll, und das Begehren, das zu diesem Sex führt.

Seit der sexuellen Revolution in den sechziger und siebziger Jahren ist die Sexualität zu einem der zentralen Räume für Selbstverwirklichung geworden. Aber wer lebt heute wirklich in einem Umfeld, in dem so offen über sexuelle Dinge gesprochen werden kann wie zum Beispiel über kulinarische Vorlieben? In welchen gesellschaftlichen Räumen kann ein sexuelles Begehren ohne jedes Tabu thematisiert und ausgelebt werden? Wahrscheinlich ist eine solche Offenheit den Frauen noch viel weniger gestattet als den Männern (was Männer allerdings nicht davon befreit, sich zu fragen, auf welcher Machtstruktur das beruht).

Wo, wann, was und zu welchem Preis

Wie kompliziert es sein kann, sexuell offen zu leben, erfährt man in Internetforen wie Joyclub: Singles und Paare, die sich hier zum sexuellen Austausch zusammenfinden, sind oft sehr angestrengt damit beschäftigt, ihre vermeintlich größere Freiheit zu verwalten. Aufwendige Verhandlungen führen zu streng reglementierten Dates, bei denen zum Beispiel nicht geküsst und ansonsten nur Analsex durchgeführt werden darf. Natürlich nur einmal im Monat oder nur einmal mit jeder Person, damit kein Übersprung aus diesem festen Rahmen ins äußere Leben stattfindet. Wäre es da nicht einfacher, die eigene Sexualität gleich im Rahmen von Sexarbeit zu organisieren? Wer was von wem verlangen darf, ist dann Teil einer finanziellen Transaktion, die im Idealfall von allen Teilnehmern einvernehmlich eingegangen wird.

Natürlich ist mir bewusst, dass ich aus der Position eines weißen, männlichen und wirtschaftlich abgesicherten Escorts über Prostitution spreche, und dass auch die Menschen aus meinem Bekanntenkreis, die sich für Escort interessieren, solche Privilegien teilen. Niemand zwingt uns dazu, es zu tun, weder ein gewalttätiger Zuhälter noch die blanke wirtschaftliche Not. Viele Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter genießen solche Privilegien nicht, sie sind unfreiwillig in die Prostitution geraten oder aus Geldnot darauf angewiesen, möglichst viele Kunden zu bekommen. Für mich war käuflicher Sex immer nur das, was er idealerweise sein sollte, für viele Prostituierte aber leider nicht ist: eine geregelte Dienstleistung unter vielen.  

Wenn man Sexarbeit in diesem Sinn ausführt, dann ist man als Escort in einer ziemlich starken Verhandlungsposition. Wo, wann, zu welchem Preis, was genau man mit welchem Kunden tun möchte und was nicht: Mit ein wenig Erfahrung lernt man, die Begegnungen so zu gestalten, dass man sein eigenes Verlangen zuverlässig befriedigen kann. Für mich gehörte dazu auch, dass ich mit Menschen Sex hatte, die meinem üblichen Attraktivitätsschema nicht entsprachen oder denen ich in meinem gewöhnlichen Umfeld nie begegnet wäre. Reiche, aber auch arme Menschen, gläubige, neurotische, desintegrierte oder sehr erfolgreiche Menschen, Menschen mit Behinderungen oder sozialen Kontaktproblemen. Wenn man sich darauf einlässt, kann man mit fast jeder Person intensive, intime Momente erleben. Und neben alledem hat man, auch wenn es einmal nicht so spannend gewesen sein sollte, noch gutes Geld verdient.

Den Weg von der Fantasie zur Realität gehen wenige

Man könnte nun einwenden, dass nur eine spontan entstandene Leidenschaft den besten Sex ermöglicht. Ich habe bestimmt nichts gegen spontanes, unvoreingenommenes Kennenlernen. Aus meiner Zeit als Escort weiß ich aber, dass für mich persönlich der sexuelle Austausch gegen Geld eine ganz andere, viel direktere Art der Hingabe ermöglicht. Viele moralische Bedenken aus der Lebenswelt spielen keine Rolle mehr: Kann ich meiner Vorliebe für Dirty Talk direkt nachgehen oder muss ich mich dafür schämen? Muss ich die Person wirklich erst im Restaurant bei mir um die Ecke kennenlernen? Kann ich nachher trotzdem allein einschlafen? Kann ich zu bestimmten Dingen nein, zu anderen aber ausdrücklich ja sagen?

Auch der Akt der Bezahlung hatte für mich immer ein erotisches Moment der Anerkennung. Wer kennt dieses Gefühl nicht: Ein Handwerk, das man zuvor als Hobby für oder mit Freunden betrieben hat – sei es ein Instrument zu spielen, Nähen oder Kochen – wird plötzlich von jemandem bestellt und bezahlt. Das eigene Können wird auf einer höheren Ebene bestätigt. Sexarbeit verlangt eine ganz besondere Zugewandtheit. Jemanden auszuführen und einen Abend mit guten Gesprächen, Anzüglichkeiten, Verführungen und einer finalen Ekstase zu erleben, ist eine komplexe soziale und körperliche Herausforderung. Wenn man sie gut meistern will, dann muss man nicht nur auf eine bestimmte Weise heiß, man muss auch taktvoll, witzig und empathisch sein. Wer für solches Können bezahlt wird, ist offensichtlich begehrenswert. Ich jedenfalls hatte an der Sexarbeit nicht nur Spaß, ich empfand durch sie auch eine immense persönliche Bestätigung.

Frauen wollen Kontrolle

In meinen Gesprächen über Sexarbeit zeigte sich aber auch ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern. Männer, insbesondere die hetero- oder bisexuellen, scheinen ein besonders großes Bedürfnis zu haben, begehrt und bestätigt zu werden. Dieses Verlangen war sicher auch einer der Gründe, weswegen ich mich mit 22 Jahren bei Gayromeo anmeldete, um erotische Massagen anzubieten.

Bei den interessierten Frauen steht die Gewissheit, begehrt zu werden, seltener im Mittelpunkt. Viel eher geht es ihnen um die Möglichkeit, bestimmte Aspekte ihres eigenen sexuellen Verlangens selbstbestimmt ausleben zu können. Die Utopie, die diese Frauen auf die Sexarbeit projizieren, hat viel mit Kontrolle zu tun: das tun zu können, worauf sie Lust haben, und zugleich die Hoheit darüber zu bewahren, wann, wie, wo und mit wem es geschieht. Es erscheint wie ein Klischee aus dem 19. Jahrhundert, aber offenbar sehen viele meiner Gesprächspartnerinnen in der Sexarbeit eine Möglichkeit, selbstbestimmt und frei den eigenen sexuellen Neigungen nachzugehen. Für Männer besteht der Reiz der Sexarbeit eher darin, überhaupt einmal als das Objekt der Begierde zu gelten.

Wirklich ausprobiert haben es von den vielen interessierten Männern und Frauen dann nur sehr wenige. Wie bei allen sexuellen Dingen besteht wohl auch hier zwischen einem Phantasma und der lebbaren Realität eine sehr große Kluft. Diese Kluft sagt viel aus über die Gesellschaft, in der wir leben. Nicht nur die Angst vor Missbrauch oder Kontrollverlust spielt dabei eine Rolle. Sondern auch die Angst vor sozialer Ächtung durch Partner und Freunde.

Über weibliche Prostituierte wird härter geurteilt

Diese Angst ist sehr berechtigt. Auch ich habe meine Arbeit in den ersten Jahren heimlich gemacht, nur die engsten Freunde wussten darüber Bescheid. Als ich nach ungefähr zwei Jahren immer offener damit umging, bemerkte ich, wie positiv meine Mitmenschen reagierten. Sie fragten mich aus, fanden mich plötzlich sogar attraktiver. Aber, wie ich feststellen musste, leider nur deshalb, weil ich ein Mann bin. Meine Kolleginnen berichteten eher davon, wie Freunde und Partner sich mit der Zeit von ihnen abwandten.

Frauen, die sich aus freien Stücken prostituierten, wird auf verschiedene Weise unterstellt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Spricht man öffentlich über Sex und Sexarbeit, und dazu zählt die Arbeit als Escort genauso wie das Schreiben eines Artikels darüber, dann wird man zum Ziel missgünstiger Polemiken. Auch deshalb schreibe ich unter Pseudonym.

So schön die Vorstellung ist, sich durch Escort gewisse Freiräume schaffen zu können, so klar ist auch, dass die meisten Menschen solche Freiheiten nicht mit ihrem Leben vereinbaren können. Sexarbeit erscheint als Abbild einer mehr oder weniger bewussten Sehnsucht nach einem anderen gesellschaftlichen Zustand. Vielleicht bleibt deshalb die Sexarbeit der Raum, in dem die lustvollen Dinge wirklich lustvoll verhandelt werden.