Er hatte doch ganz seriös seine Assistentin geschickt und mich im Grunde höchst professionell um eine Terminvereinbarung gebeten. Zweimal bekam ich diese "Chance" zu einem persönlichen Treffen mit Harvey Weinstein, das erste Mal in Cannes 2011 bei der Amfar-Gala, das zweite Mal im Berliner Soho House 2014 nach der Premiere des Yves-Saint-Laurent-Films. Jedes Mal dasselbe Prozedere: Er schickte seine Assistentin, was beim zweiten Mal vollkommen absurd erschien, denn wir befanden uns in einer eigens für die Premierenfeier angemieteten Suite im Soho House.

Der Raum war überschaubar. Mr. Weinstein saß auf dem Sofa, Matt Damon mixte Caipirinhas und ich spielte Tischfußball mit den Hauptdarstellerinnen der YSL-Equipe. George Clooney war auch kurz da, er war betrunken. Die Assistentin kam natürlich nicht nur zu mir. Ob Harvey Weinstein wusste, dass er mich schon einmal zuvor hatte ansprechen lassen?


Beide Male hatte ich ein ungutes Gefühl, das sich noch verstärkte, angesichts der ihn umwehenden Gerüchte, seines zweifelhaften Rufs, um den man wusste in der Branche, nichts Konkretes allerdings. Diese Kombination aus Ahnungen führte dazu, dass ich mich auf keines der Treffen einließ. Beim ersten Mal hatte ich tatsächlich einen viel zu frühen Flug am nächsten Morgen, beim zweiten Mal erfand ich einen solchen.


Nach der zweiten Absage kamen mir immer wieder Zweifel. Tatsächlich fragte ich mich, wie man so blöd sein kann, gleich zwei Treffen mit dem Hollywood-Produzenten auszuschlagen. Wollte ich nun schauspielen oder nicht? Was maßte ich mir an? Jemanden aufgrund seines zweifelhaften Rufes und meines vagen Bauchgefühls geradezu vorzuverurteilen, ohne ihm wenigstens die Chance zu geben, sich doch als "seriös" zu erweisen? Was war eigentlich mit mir los?

Warum bin ich immer wieder drauf reingefallen?

Man muss vielleicht dazu sagen, dass mein ungutes Gefühl in Bezug auf Weinstein nicht vollkommen unbegründet war. Ich hatte zuvor in Deutschland die Erfahrung gemacht, dass männliche Produzenten, Regisseure und Redakteure durchaus dazu tendieren, als Arbeitstreffen gedachte Termine selbstbewusst in sehr persönliche Angelegenheiten umzuwandeln. So fand ich mich zum Beispiel einmal in einem Münchner Hotel wieder: Ich war mit einem deutschen Regisseur in der Lobby verabredet, unter einem Vorwand bat er mich auf sein Zimmer, ging ins Bad und kehrte nackt zurück. Ich lief entsetzt aus dem Zimmer, natürlich ohne je eine Rolle von ihm zu bekommen.

Birte Carolin Sebastian hat an der Sorbonne in Paris Komparatistik und Philosophie studiert und in München über die Rezeption Goethes promoviert. Heute lebt sie in Berlin, wo sie als Schauspielerin und freie Autorin arbeitet, unter anderem für "FAZ", "Vogue" und DIE ZEIT. © Veit van Helden

Nun kann man mir diesen Artikel auch als Eigenmarketing auslegen. Mit dieser Reaktion sehen sich ja zurzeit all jene Frauen konfrontiert, die es wagen, sich zu diesem Thema zu äußern. Ich möchte an dieser Stelle keine Namen nennen, weil ich denke, ich hätte die Sache damals gleich vor Ort klären sollen. Außerdem möchte ich fairerweise hinzufügen, dass es zahlreiche Männer in der Branche gibt, die sich gegenüber Frauen angemessen verhalten.

Ich weiß nur allzu genau, wie man – auch als intelligente, nicht vollkommen naive junge Frau, als die ich mich hier zu bezeichnen wage – in eine Situation geraten kann, von der man sich hinterher fragt, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie ich immer wieder auf ein "gemeinsames Arbeitsessen" hoffen konnte. Einem unsichtbaren Drehbuch folgend, bin ich im Laufe der Jahre in beinahe jedes erdenkliche Fettnäpfchen getappt.

Sexuelle Belästigungen geschehen offensichtlich in allen beruflichen Bereichen, wie wir im Moment beinahe täglich aus den Medien erfahren. Ich möchte mit in diesem Beitrag ganz auf die Filmbranche konzentrieren, da sich hier zusätzliche Schwierigkeiten auftun. Zunächst kenne ich keine Familie, keine Eltern, die ihre Kinder explizit dazu ermuntern würden, einen kreativen Beruf zu ergreifen, schon gar nicht den des Schauspielers. (Für alles, was ich hier sage, wird es auch Gegenbeispiele geben, nur kenne ich sie nicht.) Wenn man sich also als junger Mensch entgegen aller Ratschläge entschließt, Schauspieler werden zu wollen, wenn man sich in diesen "unsicheren" Beruf verliebt hat – und die Redensart zeigt doch, dass man sich in die Welt der Gefühle begibt, weitgehend weg von vermeintlich sicherem, weil rationalem Terrain – steht man erst einmal allein da.