Man kann sich viele Quellen vorstellen, die plumpe rassistische Klischees verbreiten. Dass dieser Vorwurf aber einmal Die Simpsons treffen würde, kommt dann doch überraschend. Handelt es sich bei der von Matt Groening geschaffenen, seit 1989 laufenden Kultserie nicht um eine laufende Chronik amerikanischer Verhältnisse, die mit allen Wassern der Kulturkritik gewaschen ist und diese Kulturkritik auch noch auf progressive Weise ironisch reflektiert? 

Kürzlich hat Hari Kondabolu, ein amerikanischer Comedian indischer Abstammung, in einer selbst produzierten Dokumentation darauf aufmerksam gemacht, dass die Simpsons-Figur des indischen Supermarktbesitzers Apu rassistisch überzeichnet sei. Der Inhaber des berüchtigten Kwik-E-Markts reflektiere das archetypische Klischee des dümmlichen Inders: Er spreche einen komischen Akzent, verhalte sich minderbemittelt und erwecke den Eindruck, Menschen mit indischem Hintergrund seien nur als Servicekräfte zu gebrauchen. Man kennt das von der deutschen Comedyfigur Ranjid, die sich der türkischstämmige Kaya Yanar ausgedacht hat.

Hari Kondabolus Dokumentation heißt The Problem with Apu. Darin äußern sich mehrere Prominente mit südasiatischem Hintergrund (wie etwa Aziz Ansari aus der Erfolgsserie Master of None) über Apus Rollenklischee und bestätigen, dass sie im Alltag mit Zuschreibungen zu kämpfen haben, die von Fernsehsendungen wie Die Simpsons zementiert werden: also dass indischstämmige Amerikaner nur als Spätkaufbesitzer, Taxifahrer oder Ärzte in der Gesellschaft vorkämen. Dem Kwik-E-Markt-Besitzer wird eine besonders schädliche Rezeptionswirkung unterstellt, etwa vom Schauspieler Utkarsh Ambudkar aus der Comedyserie The Mindy Project: "Das Problem ist, dass unsere Minderheit in der Popkultur lange Zeit keine andere Repräsentationsfigur als Apu hatte. Daher ist diese Figur so gefährlich."

Verfolgt von Klischees

Gerade aus deutscher Perspektive könnte man den Vorwurf unverständlich finden: Ist es nicht etwas übertrieben, eine Sendung als diskriminierend zu bezeichnen, die über alles und jeden Witze macht? Die sich über die Normen der politischen Korrektheit geflissentlich hinwegsetzt und auch vor Verballhornungen der weißen, amerikanischen Mittelschicht nicht zurückschreckt? Leicht könnte man die Vorwürfe als übertrieben zurückweisen. Doch damit macht man es sich zu einfach. Denn wenn man den Protagonisten der Dokumentation genau zuhört, beginnt man zu verstehen, warum die Betroffenen so genervt und manchmal auch verletzt reagieren. Für sie ist Apu kein blöder Scherz, sondern ein Ausbund an Klischees, der sie überall hin verfolgt: auf die Arbeit, auf die Party, ins Fitnesscenter oder auf ein Date. Ihr Leben lang werden sie auf dieselben Stereotype reduziert. Immer wieder müssen sie sich mit denselben Rollenmustern auseinandersetzen, sich rechtfertigen und ihrem Umfeld beweisen, dass sie auch etwas anderes sein können als Servicekraft oder Taxifahrer oder Arzt. 

Als Kondabolu eine Gruppe indischstämmiger Amerikaner fragt, ob sie schon mal mit dem Apu-Akzent veräppelt worden seien, heben alle ruckartig die Hand. Da wirkt es nicht gerade erbaulich, wenn man erfährt, dass in der Originalversion der Simpsons Apu von einem weißen Amerikaner gesprochen wird, nämlich vom Schauspieler Hank Azaria, der den dümmlichen (und in der indischstämmigen amerikanischen Community tatsächlich gar nicht existenten) Apu-Akzent auch auf Veranstaltungen öffentlich parodiert. 

Zwar haben die USA als Gesamtgesellschaft ein größeres Problem mit Rassismus als wir in Deutschland, aber gerade deshalb sind sie auch weiter fortgeschritten im akademisch-öffentlichen Gegendiskurs, also in der Identifizierung von rassistischen und sexistischen Klischees. Gerade weil in den Vereinigten Staaten so viele kulturelle Minderheiten leben, ist das Bedürfnis größer, offen und vorurteilsfrei über rhetorische Grenzverletzungen zu diskutieren – auch und gerade weil Donald Trump die Rechte von Minderheiten mit Füßen tritt. Umso schädlicher wirkt es da, wenn der rassistische Witz mit dem Argument verteidigt wird, bei den Simpsons handele es sich um Satire und Satire dürfe alles. Das Argument ist schlichtweg banal und ignoriert das zerstörerische Potenzial von rassistischem Humor. Dieser Vorwurf trifft auch die deutsche Comedy-Landschaft.

Sind etwa alle Türken wie Erdoğan?

Das beste Beispiel ist Jan Böhmermann. Der Comedian und selbsternannte "Underdog" aus Bremen-Vegesack fühlt sich über jeden rassistischen und sexistischen Zweifel erhaben. Nicht ganz zu Unrecht: In seiner Show Neo Magazin Royale steht er für die Schwächeren ein, parodiert rechte Spinner und Spießer und beweist in bester Titanic-Tradition, dass dem Humor ein subversives, kritisches Potenzial innewohnt, wenn man ihn richtig zum Einsatz bringt. Dass er sich dabei gelegentlich auch rassistischer Klischees bedient, scheint Böhmermann dabei gar nicht zu bemerken (oder er stört sich nicht daran). Vielleicht fehlt ihm dazu die Sensibilität, weil seine Biografie als Beamten- und Polizistensohn durch und durch biodeutsch ist.

Es fällt ihm schwer, einen Schritt zurückzutreten und Vorwürfe nachzuvollziehen, wie sie ihm während der Erdoğan-Affäre begegneten: dass beispielsweise ein Begriff wie "Ziegenficker" nicht nur ein trefflicher Scherz sein kann, sondern eben auch eine rassistische Unterstellung – obgleich sie gegenüber einem Autokraten wie Erdoğan erhoben wird. Aus diesem Kontext herausgerissen, kann ein solcher Witz mehr Schaden anrichten, als er subversiven Nutzen hat. Denn auch alle Türken, die sich mit Erdoğan nicht gemeinmachen wollen, müssen das Rollenbild des hinterwäldlerischen, sodomitischen Muslim immer wieder von sich weisen. Das kann nicht im Sinne des Erfinders sein. 

Der Zusammenhang zwischen Rassismus und Humor

Wenn ein Mensch, so wie Jan Böhmermann, über eine höhere diskursive Macht verfügt, dann sollte man von ihm verlangen können, dass er sich in die Position des Schwächeren hineinversetzt. Wer zu so einer Empathieleistung fähig ist, könnte auch verstehen, warum Humor verletzend, rassistisch und herabwürdigend wirkt, wenn er auf gesellschaftlich Schwächere zielt. Hari Kondabolus sagt es selbst: Er will nicht die kathartische Wirkung des grenzüberschreitenden Humors unter Strafe stellen – denn Humor ist immer grenzüberschreitend –, sondern er will dazu anregen, dass sich Comedians über den Kontext ihrer Rede und die möglichen Kollateralschäden Gedanken machen. "Auf den Kontext kommt es an", sagt der Comedian zu Recht.

Vielleicht ist es ja tatsächlich etwas ganz anderes, wenn ein Angehöriger einer arabischen Minderheit beim Stand-up mit dem Rollenbild des Terroristen spielt, als wenn es ein weißer, westlich sozialisierter Mann tut. Vielleicht ist es etwas anderes, wenn eine Frau einen Blondinenwitz macht, als wenn es ein hochdotierter, alternder Entertainer tut. Denn während der oder die eine aus der Position des Schwächeren spricht und tradierte Erwartungshaltungen ad absurdum führt, bestätigt der andere mit einer solchen Aussage bloß seine eigene Machtposition. Und genau darin liegt der Unterschied zwischen Rassismus oder Sexismus und Satire.

Zur verhängnisvollen Beziehung zwischen Humor und Rassismus gibt es sogar Studien, etwa durchgeführt von der International Society for Humor Studies und einem Forscherteam um den Psychologen Thomas Ford von der Western Carolina University: Der Wissenschaftler hat die Auswirkungen von rassistischen Witzen auf die amerikanische Gesellschaft erforscht und in einer Studentenbefragung untersucht, inwiefern Witze zu einer Kultur des Mobbings und der Diskriminierung beitragen. Fords Ergebnisse zeigen, dass Menschen, die sexistische und rassistische Witze verteidigen, auch eine höhere Akzeptanz gegenüber sexistischen und rassistischen Straftaten aufweisen. Das allein beweist, dass man mit dem, was man sagt, vorsichtig sein muss. Auch wenn es nicht immer böse gemeint ist.