Vor wenigen Wochen zeigte die Google-Tochter Sidewalk Labs die Pläne ihrer Modellstadt in Toronto: Auf dem Hafenareal der Eastern Waterfront soll ein vernetzter Stadtteil mit modularen Gebäudeeinheiten entstehen, die sich wahlweise in Laden- oder Wohnflächen umfunktionieren lassen. Taxibots sollen die Leute von A nach B kutschieren, Lieferroboter autonom Pakete liefern, Müllroboter in unterirdischen Tunneln das Abfallmanagement und Recycling übernehmen. Mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Kameras sollen den Verkehrsfluss beobachten und "durch Nutzung dynamischer Signale, flexibler Straßenmöbel und Anweisungen von Smartphone-Apps" den Fußgängerverkehr steuern. Die Stadt solle nicht vom "Reißbrett", sondern vom "Internet" her gebaut werden, heißt es. Im Rahmen des Projekts Link NYC hat Sidewalk Labs in New York bereits 7.000 ausrangierte Telefonzellen zu Internethotspots umgerüstet.

Auf ersten Entwürfen ist eine Tech-Idylle wie in Googles Hauptquartier zu sehen, in der Menschen in gläsernen, lichtdurchfluteten Räumen wohnen (und arbeiten). Zwischen den Gebäudeblöcken verkehren Schwebebahnen, Dachgärten dämmen die Gebäude, Familien flanieren an der Promenade eines künstlich angelegten Sees, wo Angler und Kajakfahrer ihre Freizeit verbringen; auf einer Baustelle werden mit einem Hydraulikarm Container und Baumstämme aufeinandergestapelt. Das Ökotopia erinnert an den gleichnamigen Roman von Ernest Callenbach aus dem Jahr 1975, in dem auf dem ehemaligen Gebiet von Oregon, Nordkalifornien und Washington ein "stable-state" von Bioregionalismus entsteht, in dem jedes Territorium sich autark versorgt.

Technologie-Konzerne entwickeln zur Zeit sehr gern Modellstädte. Das japanische Elektronikunternehmen Panasonic baut in Berlin-Adlershof das Wohnquartier Future Living Berlin, ein Ensemble von 69 Wohneinheiten, dessen Strom- und Wärmefluss automatisch in einem Kreislaufsystem reguliert werden soll. Der Microsoft-Gründer Bill Gates hat vor Kurzem einen Landstrich in Arizona erworben, wo auf einer Fläche von 20 Quadratkilometern eine Hightech-City mit Hochgeschwindigkeitsnetzen, Datenzentren und autonomen Fahrzeugen entstehen soll. Und im Wüstensand von Saudi-Arabien soll in den nächsten Jahren unter der technischen Leitung des ehemaligen Siemens-Chefs Klaus Kleinfeld eine 500 Milliarden Dollar teure Mega-City (Neom) aus dem Boden gestampft werden, in der Passagierdrohnen verkehren und Häuser aus dem 3-D-Drucker konstruiert werden.

Stadtplanung als reine Programmierung

Für Tech-Konzerne sind Städte eine Art Labor, in dem sich gesellschaftliche Utopien und soziale Experimente erproben lassen. Der Sidewalk-CEO Dan Doctoroff, ehemals stellvertretender Bürgermeister von New York und Chef von Bloomberg LP, sagte auf einer Konferenz 2016: "Wenn man in der Lage wäre, eine Stadt von Grund auf neu zu bauen, könnte man auch bestehende Konzepte der Sozialpolitik und der politischen Führung komplett neu erfinden und ganz neue Ideen eines datengetriebenen Managements testen."

Doch was ist mit dem Bürger in der Smart City? Ist er nur das Versuchskaninchen eines gigantischen Feldversuchs? Ein laufendes Messgerät? Ein Datenpaket? In der Optik der Sozialingenieure erscheint das Stadtgeschehen wie eine Sim-City-Simulation: Man weist in einem gitterartigen Netz Bauflächen für Industrie- und Wohngebiete aus, zieht ein paar Kraftwerke hoch, legt Leitungen und Stromtrassen und stellt die Parameter des Gemeinwesens ein: Steuern, Ausgaben fürs Abfallmanagement, Bildungsetat etc. Stadtplanung ist reine Programmierung. Ein paar Mausklicks, fertig ist die Modellstadt nach dem Baukastenprinzip.

Die Bürger sind in dieser Simulation lediglich Avatare, die festgelegten Trajektorien und mithin einem Determinismus folgen. Denn aus jeder Aktivität – Taxifahrten, Restaurantbesuche, Fußgängerwegübertritte – lassen sich Regelmäßigkeiten ableiten, die dann zur Berechnungsgrundlage weiterer Simulationen gemacht werden. Weil Person X hier aufkreuzt und bestimmte Datenpunkte produziert, wird sie am nächsten Tag genau jenen Vektoren folgen. Es ist ein rein mathematisiertes, computerisierteres Stadtbild. Die Stadt Boston etwa hat einen City Score, auf dem die Datenanalysten die "Performanz" der Stadt in Echtzeit ablesen können: wie viele Schlaglöcher es gibt, wie die Ampelschaltung funktioniert, wie viele Besucher sich gerade in Bibliotheken aufhalten und sogar die Wahrscheinlichkeit von Schießereien oder Demonstrationen. Gewalt oder politischer Protest sind in dieser Logik bloß Ereignisse, die man wie das Wetter nach mathematischen Modellen berechnet.

Die Architekten im Silicon Valley, vor allem die Anhänger der Denkschule der Sozialphysik um Alex Pentland, sind von der Idee beseelt, dass sich soziale Interaktionen mit Big-Data-Methoden berechnen und vorhersagen lassen. Das Aggregat Gesellschaft wird kalkulierbar wie der Strombedarf. In diesem sozialdeterministischen, mechanistischen Weltbild ist der Bewohner lediglich ein Computer, der mit der vernetzten Stadt zu einem Großrechner verschaltet wird. Daher rührt auch die neoliberale Rhetorik von der "Performanz" der Stadt, als müsse man das urbane Leben irgendwelchen Messbarkeitskriterien zuführen. Der Intellektuelle, der im Straßencafé (analog) Notizen macht, wäre demnach unproduktiv, weil er gar keine Daten generiert.