Sie ist rund, sie ist fettig, sie ist lecker. Sie ist die Rettung des Betrunkenen in der Nacht. Sie ist der Alb- und Wunschtraum jedes Diäthaltenden: die Pizza. Und jetzt ist sie auch noch Weltkulturerbe. Streng genommen ist es ihre Zubereitung. Neben dem deutschen Orgelbau setzte die Unesco "die Kunst der neapolitanischen Pizzaioli" (Pizzabäcker) auf die Liste des dringend schützenswerten immateriellen Kulturerbes.

Dabei passt sie doch so gar nicht in unsere Zeit. Schließlich wollen wir uns alle gesund ernähren, vielleicht sogar vegan, low-carb, high-carb, paleo, auf jeden Fall bewusst. Pizza ist nichts für Leute, die durch ihre Ernährung im Einklang mit sich und ihrer Umwelt stehen wollen. Um sie zuzubereiten, geht man weder auf den Wochenmarkt noch auf den Bauernhof, und man steht auch nicht stundenlang in der Küche. Man holt sie sich in der Tanke aus der Tiefkühltruhe, beim Döner-/Pizzastand oder beim Lieblingsitaliener. Oder bestellt sie nach Hause, wenn man es sonntags nicht aus dem Bett schafft. Und dann verbrennt man sich vor lauter Gier den Gaumen am geschmolzenen Käse, der sich widerstandsfähig im zarten Mundraum festheftet.

Leistungswahn? Die Pizza macht da nicht mit

Das stimmt doch alles gar nicht, sagen Sie, während Sie ein Foto von ihrer 14-Euro-Pizza beim hippen neapolitanischen Pizzabäcker in Berlin-Prenzlauer Berg machen? Klar, auch vor der Pizza als prestigeträchtigem Soulfood wurde nicht haltgemacht. Ihr erging es damit wie dem Burger mit Pulled Pork oder dem Craft Beer. Man besann sich auf ihre ursprüngliche Zubereitung, ersetzte den Analog-Gouda durch richtigen italienischen Käse, die Champignons aus der Dose gegen welche aus der Region. Essen als Kunstform. Aber das ist doch nichts Schlechtes, sagen Sie?

Es ist grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, wenn Essen gut schmeckt und bessere Zutaten bekommt. Bei anderen Speisen, zum Beispiel Quinoasalat mit Süßkartoffeltopping, ergibt die feine Auslese durchaus Sinn. Aber bei der Pizza ist das etwas anderes. Der ganze Spaß hinter dem Produkt ist doch gerade, dass die Pizza ungesund ist, relativ billig und man sich nach dem Essen ein bisschen eklig fühlt. Durch diese Prämissen hat die Pizza eine ganz eigene Ikonografie in der Popkultur entwickelt: Sie ist ein Sinnbild geworden für I don't care: Ist mir egal, ob du tausend Kalorien hast. "Ich gönn' mir." Yolo und so was. Eine Gegenbewegung zum kapitalistischen Leistungswahn, der uns alle dazu bringen will, mit Stäbchen zu essen und Kleidergröße 36 zu tragen. Aber ich und meine Pizza, wir machen da nicht mit. 

Der fettige Halt in chaotischen Zeiten

Der leichteste Trick, damit die Hose nicht zu eng wird: Einfach keine anziehen. Auf dem Sofa ist es eh am schönsten. Die Pizza ist der Inbegriff der Wohlfühlzone, des Unprätentiösen. Wer Pizza isst, sagt: Ich muss mich nicht mit eurem Jetset-Life messen, ich bin glücklich hier mit meinem Leben, das so gar nicht nach coolen Hashtags schreit. Oder: Ich hab zwar voll das Jetset-Life, aber bin total auf dem Boden geblieben. Pizza ist der kleinste gemeinsame Nenner für die unterschiedlichsten Menschen. Sie ist der fettige Halt in einer chaotischen Zeit.

Und so gibt es auf Instagram, gerade da, wo sich sonst eher die #cleaneating-Fraktion rumtreibt, Tausende Memes und Fotos, die der Pizza ihre Liebe huldigen. Aber ob sich die dünnen Mädchen mit den "All I need is pizza"-Shirts wirklich so oft das angebetete Nahrungsstück gönnen? Es gibt jedenfalls glaubwürdigere Liebesbekundungen an die Scheibe, die die Welt bedeutet. Zum Beispiel der Spruch: "Warum verletzen uns immer die am schlimmsten, die wir am meisten lieben? So wie Pizza, wenn sie deinen Mund verbrennt." Oder ein Bild, das die Ernährungspyramide zeigt, daneben ein Pizzastück in der gleichen Form und die Bildunterschrift "close enough". Es gibt Schlafanzüge, Kissen und Schuhe mit Pizzaprint, Pizzakuchen, Pizzaverlobungsringe, pizzaessende Katzenemojis. Das Internet liebt Pizza. Schon Deichkind forderten: "Habt ihr nix zu fressen hier? Ich will Pizza!" Und die Band Antilopengang lobpreist sie mit den Worten "Die heilige Scheibe, die alle vereint / Die Weisheit der Menschheit, gebacken in Teig". Das NRW-Forum hat ihr sogar eine eigene Ausstellung gewidmet, die am 16. Februar eröffnet und Werke über und mit Pizza zeigt. Ihr treffender Titel: Pizza is God.