Es ist schon dunkel, als ein Mann in Berlin-Moabit gegen die Nacht anschreit, die, dringender als an anderen Tagen, ja jetzt bald kommen muss. Schwarzer Anorak, Flatterjeans, Kippe, Bier und Plastiktüte. Er steht mit leichter Unwucht einen halben Meter zu weit in der Fahrbahn, dort wo die Heilandskirche wie eine Zitadelle aus der Stadt ragt.

"Alles wolltet ihr mir unterstellen, alles! Aber nichts davon konntet ihr mir nachweisen!"

Auf der anderen Seite der Straße ist gerade der Gottesdienst zu Ende. In Schüben kommen die Besucher aus der Kirche und drängen sich auf dem kleinen, mit Lichterketten abgesteckten Platz zusammen, wie Erdmännchen unter einer Wärmelampe. Ein paar Minuten harren sie so aus, bevor sie sich losreißen, um in kleinen Gruppen in alle Richtungen zu verschwinden. Auf den Mann im Anorak scheint niemand von ihnen zu achten.

"Nichts. Konntet. Ihr. Mir. Nachweisen. Nichts!", schreit er noch einmal, weicht einem heranfahrenden Auto aus und hangelt sich, Unwucht wieder, an der Dunkelheit entlang in Richtung Spree.

An jedem anderen Tag im Jahr hätte ich all das nicht weiter beachtet. Ich hätte es abgetan als etwas, das eben passiert, extremer Ausschlag auf der Thermometerskala einer eh schon neurotischen Stadt. Was man so sieht, während eines Spaziergangs in Berlin. Doch heute ist nicht irgendein Abend und das ist nicht irgendein Spaziergang. Es ist Heiligabend.

Vor ein paar Jahren gaben in einer Umfrage drei Prozent aller Teilnehmer an, dass sie Weihnachten allein verbringen. Rein statistisch gesehen dürften an diesem Datum nicht mehr Leute allein sein als an anderen Tagen im Jahr. Aber vielleicht sind mehr Leute einsam. Ob Bing Crosby in White Christmas, Wham in Last Christmas oder Elvis Presley in Blue Christmas – sie alle singen davon, dass an Weihnachten die Abwesenheit anderer Menschen eigentlich unerträglich ist. Wie kein anderes gesellschaftliches Ereignis im Jahr definiert sich dieses über Zusammenkunft, Beisammensein oder die Angst davor, dass sich all das nicht einstellen könnte. 

Elende Tannenzweighäufchen

Ich sollte jetzt in Niederbayern sein, in einer Kleinstadt an der A93. Ich sollte im Wohnzimmer meiner Mutter sitzen und langsam versinken in Sofakissen, Kinderpunsch und Vergangenem. Stattdessen bin ich in Berlin, allein. Ich hatte bei der Dienstplanung Anfang Dezember nicht schnell genug "Ich nicht!" gerufen. 

So spaziere ich also am Nachmittag des 24. Dezember die Turmstraße hinunter in Richtung Rathaus Tiergarten. Vom Rathaus wehen Melodiefetzen die Straße herauf, eine Blaskapelle drängt sich neben einen schmucklosen Weihnachtsbaum auf dem Balkon. Weihnachtslieder, leicht aus dem Takt. Etwa fünfzig Menschen, ältere Paare zumeist, stehen in losen Gruppen auf dem kahlen Platz davor und schunkeln.

Ein Blumenladen an der Ecke hat noch offen. Auf einer Palette vor dem Geschäft liegen die Reste von etwas, das vor wenigen Tagen ein duftender, einladender Haufen Tannenzweige war. Die Zweige wurden inzwischen in die Wohnzimmer getragen. Öffentliche Adventsstimmung muss nur bis zum 23. Dezember halten. Danach ist sie privat.

Zumindest fast. Die Hölle, das sind die Instagram-Stories der anderen. Im Minutentakt landen Bilder aus deutschen Haushalten auf dem Bildschirm meines iPhones: Weihnachtskrippen, Weihnachtsbäume, Weihnachtsgeschenke und immer wieder: Kaminfeuer.

Antonio Gramsci muss, als er in den 1930er Jahren den Begriff der "kulturellen Hegemonie" prägte, Weihnachtsfoto-Filter auf Facebook und Instagram vorhergesehen haben. Hegemonie, schreibt er in seinen Gefängnistagebüchern, entsteht, wenn eine Idee ohne Zwang von großen Teilen der Gesellschaft als erstrebenswert akzeptiert wird. An Weihnachten herrscht die Hegemonie der Holzöfen in christlich geprägten Stuben. Plötzlich verstehe ich es emotional und nicht nur gedanklich, was fear of missing out im Zusammenhang mit Social Media bedeutet: Ich habe nicht nur Angst, etwas zu verpassen. Ich verpasse hier gerade wirklich etwas. Kurz überlege ich, den armseligen Tannenzweighaufen anzuzünden und auf Instagram zu posten, lasse es aber dann bleiben.