Jeder Satz ein Rätsel, eine abstrakte Behauptung oder ein Zitat. 150 Minuten lang lässt Susanne Kennedy in ihrem Theaterstück Women in Trouble an der Berliner Volksbühne ein Stimmplayback ablaufen, zu dem Schauspielerinnen stimmlos ihre Lippen bewegen. Die Gesichtshautmasken, in denen sie stecken, reduzieren das Minenspiel auf ein mechanisches Minimum. All das findet vor einem Bühnenbild statt, das sich wie ein riesiges Moodboard futuristischer Oberflächendesigner durch den Raum dreht – plastiniert, geriffelt, gekachelt und mit Blubbertapete.

Der Programmzettel zum Stück erzählt etwas von "posthumaner Realität". Um das Nachmenschliche, das Molekulare, um irgendeine Zukunft soll es also gehen – aber diese Begriffe sind, genau wie die raumschiffartige Drehbühne, nur eine semiotische Attrappe.

Alles an Women in Trouble ist erst mal falsch. Man sieht entfremdete Menschen, die den Text, den sie da mitsprechen, selbst nicht verstehen. Man sieht und hört einen ganzen Apparat optischer und textlicher Referenzen, die jeden Bezugspunkt verloren haben: Slogans aus dem Alten Testament, aus Gilles Deleuzes und Félix Guattaris Anti-Ödipus von 1972, aus dem Werbe- und Selbstoptimierungssprech der Gegenwart, dessen Botschaften so abgedroschen sind, dass sie nichts Konkretes mehr vermitteln, außer einen ziemlich vagen Eindruck. Vielleicht ist das hier der Vibe der Gegenwart. Vielleicht aber auch nur der Vibe einer Gegenwart, wie ihn vor allem die Gegenwartskunst in den vergangenen fünf bis zehn Jahren konstruiert und reflektiert hat.

Women in Trouble, die erste große Hausproduktion an Chris Dercons Volksbühne, handelt, entgegen der Behauptungen aus dem Programmheft, nicht wirklich von der Zukunft. Die Fragen, die Susanne Kennedys Stück aufwirft, zielen alle auf das Jetzt. Wie sollen wir diese Gegenwart überhaupt ertragen? Und auf die Frauen bezogen, die im Titel angesprochen sind: Worin besteht ihr Trouble und wie halten sie ihn aus?

Typisch weibliche Sprechsituationen

Nicht ganz mühelos findet der Zuschauer nach einer Weile heraus – oder liest es einfach im Beipackzettel –, dass dieses Theaterstück um eine Krebspatientin und ihre Doppelgängerinnen herum konstruiert ist, "die von einer Realität in die andere fallen". Diese Realitäten sind zunächst einmal Sprechsituationen, die als typisch weibliche markiert sind: Wie erkläre ich meiner Mutter, dass ihr Feminismus schon ganz in Ordnung war, ich selbst bei meinen Ambitionen aber nicht ganz so viele Kompromisse eingehen möchte? Wie reagiere ich auf den jovialen Casting-Direktor, der mir zwar keine sexistischen Fragen mehr stellt, mich aber trotzdem behandelt wie einen willenlosen Automaten? Was mache ich mit dem Boyfriend, der zwar oft von seinen großen Gefühlen spricht, damit aber immer nur sich selbst meint und der sich wirklich nie, nie festlegen will?

Wo die Probleme der Frauen liegen, das zeigt sich in Kennedys Stück an den Männern: Sie verhalten sich niemals so, als wüssten sie nicht, was sie wollten. Genervt, zielorientiert, desinteressiert, ungeduldig sind sie – aber nie unsicher. Die Inszenierung lässt ihnen nicht viel, aber ein kleines bisschen mehr Spielraum für Komik und persönlichen Ausdruck. Mit einer Welt, in der es kaum noch Gemeinschaft zwischen den Menschen zu geben scheint, haben die Softboys hier offenbar gar kein Problem. Die Gefühlsarbeit, die in dieser eigentlich emotionslosen Welt trotz allem noch anfällt, müssen weiterhin die Frauen leisten.

Wenigstens dem gängigen Klischee entsprechen

Und die Frauen nehmen es sich zu Herzen: Das Referenzchaos, auf dem das Theaterstück beruht, lassen sie nicht an sich abprallen, sondern auf sich wirken. Wer sie sind oder sein wollen, das wissen sie nicht. Dass sie eine cheerful Ausstrahlung haben, erfahren sie nicht aus sich selbst heraus, sondern aus der neurotischen Beobachtung ihres Umfelds. "Tell me that I'm hysterical because I'm pregnant", lautet so ein Satz irgendwo in der Mitte. Die Frau möchte von einem Mann bestätigt bekommen, dass sie wenigstens das gröbste seiner Klischees erfüllt. Aber der Mann, der da angesprochen ist, er dreht sich einfach angewidert weg.

Alles, was seit Dercons Übernahme an der Volksbühne passiert, bedeutet eine Inversion des diskursiven Spektakeltheaters, das Frank Castorf hier ein Vierteljahrhundert lang geprägt hat. Auf den ersten Blick kann man Susanne Kennedys Arbeit in genau diese Umkehrung einordnen: Expressivität, Emotion, Erregung, schauspielerische Überdrehtheit und Charisma – diese Attribute, in die sich das Ensemble der Volksbühne immer weiter hineingesteigert hatte, sie sind implodiert.

Diese extreme Reduktion der theatralischen Mittel macht es dem Zuschauer sicherlich nicht einfach. Sie macht Women in Trouble aber auch auf eine quälend interessante Weise subtil. Sicherlich hat das Stück Längen und bei vielen Mikrodialogen, die sich gleichförmig aneinanderreihen, kann man sich fragen, ob sie einen tieferen Zusammenhang nur simulieren. Aber allein, weil man das Stück mit solchen Fragen beladen kann, allein für die feine Wahrnehmung, die es dem Zuschauer abverlangt, lohnt sich der Besuch.

Auch an der alten Volksbühne gab es Langweile, endlose Textcollagen und Monotonie. Nur war die Temperatur dort höher und man konnte auf eine Erlösung durch theatralische Intensität hoffen (die allerdings nicht immer eintrat). Die Langeweile in Kennedys Stück ist von einer Sorte, die einen zweifeln lässt: Ist das jetzt wirklich nur zusammenhangloses Zitatgedresche oder habe ich mich nur nicht genug angestrengt, es zu verstehen? Die Beweislast liegt beim Zuschauer, und deshalb gibt es aus der Welt, die da behauptet wird, erst recht kein Entkommen: Sie ist fad, glatt und nicht besonders hoffnungsvoll. Alles in allem ziemlich krebserregend.