Ich gebe zu: Lyrik ist kein Cola-Automat und der Vergleich zu meinen Erfahrungen als Schulsprecherin hinkt. Vielleicht ist die drastische Wortwahl in diesem Fall ja gerechtfertigt. Wenn alle den Entschluss des Asta so schrecklich finden, muss doch was dran sein. Da wäre der Vorwurf der Zensur. Als "literarische Zensur" gelten "alle staatlich und kirchlich institutionalisierten sowie zum Beispiel durch sozialen oder ökonomischen Druck durchgesetzten Maßnahmen, die eine Überwachung, Hemmung und Kanalisierung von literarischer Kommunikation intendieren." Dazu gehört auch die "umfassende Kontrolle literarischer Produktions- und Distributionsprozesse." So definiert es das Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie.      

Derartige Zensur kann demnach nicht nur durch staatlichen, sondern auch durch sozialen Druck erfolgen. Was genau das wiederum ist, definiert das Lexikon leider nicht. Sozialer Druck könnte es sein, wenn die Aufführung oder Verbreitung eines Werkes verhindert wird, weil wirkmächtige Teile der Gesellschaft befinden, dass es moralischen oder ethischen Kriterien nicht entspricht. Sexuell als anstößig empfundene Bilder könnten etwa darunterfallen oder eben diskriminierende Inhalte.

Man kann den offenen Brief des Asta durchaus als einen Versuch begreifen, sozialen Druck aufzubauen. Der Verweis auf die Objektivierung von Frauen in der Öffentlichkeit und die daraus resultierende Angst vor sexuellen Übergriffen beschreibt eine Situation der sexistischen Diskriminierung. Solch ein Vorgehen wird gemeinhin gesellschaftlich geächtet, niemand will Rassist*in, Sexist*in etc. sein. Auch wurde die Verbreitung des Gedichts sozusagen "gehemmt", durch den Beschluss des Entfernens. Allerdings kann nicht von umfassender oder zielgerichteter Kontrolle der Distribution die Rede sein. Es wurde auch nicht zu legalen Mitteln gegriffen, niemand hat die Hochschule für ihre Fassade verklagt. 

Die oben stehende Definition von literarischer Zensur erfüllt der Vorgang allein deshalb nicht, weil er sich auf einen klar umgrenzten Raum bezieht – die Alice Salomon Hochschule – und auch nicht auf das Gedicht per se. Der Asta forderte nie, dass das Gedicht nicht mehr publiziert oder im öffentlichen Raum verbreitet werden solle. Es geht hier lediglich darum, ob das Gedicht als Aushängeschild dieser Hochschule geeignet ist.

Ist das Kunst am Bau?

Wie steht es mit dem Vorwurf, die "Freiheit der Kunst" sei in Gefahr? Nicht zur "Freiheit der Kunst" gehört ein Recht von Künstler*innen auf die Verbreitung ihrer Werke an Häuserwänden. Ebenfalls nicht zur "Freiheit der Kunst" gehört das Recht von Künstler*innen oder einer kulturellen Elite, die Rezeption eines Kunstwerks zu bestimmen. Einen Eindruck von oder eine Meinung über ein Werk kann jeder Mensch haben, unabhängig davon, ob er Literaturwissenschaft studiert hat oder nicht. Zudem gibt es neben der nun häufig angeführten hermeneutischen Interpretationsweise seit den 1970er Jahren eine Tradition feministischer Literaturkritik, die ebenfalls an Universitäten gelehrt wird und mit deren Methode man durchaus der Lesart des Astas folgen kann.

Mitbestimmung und Partizipation von Laien in der Kunst ist nicht zuletzt auch eine künstlerische Methode. Sie findet gern bei der "Kunst am Bau" ihre Anwendung, indem eben Nutzer*innen der Bauten befragt werden und die Ergebnisse in das Werk einfließen. Zu dem dient "Kunst am Bau" dazu, die "Akzeptanz und Identifikation der Nutzer mit ihrem Bauwerk sowie in der Öffentlichkeit zu stärken", wie es im Leitfaden der Stadt Berlin zum Thema heißt. Es ist also durchaus relevant, was diejenigen, die ein Gebäude nutzen, von der Kunst an ihrer Hauswand halten.

Angesichts dieser Tatsachen ist es mir unbegreiflich, wie Mitglieder der kulturellen, publizistischen und politischen Elite Deutschlands, die durchaus diskutablen, aber in keiner Weise skandalösen Vorgänge an der Alice Salomon Hochschule mit Barbarei und Terror vergleichen können. 

Über die Gründe für diese drastische Wortwahl kann ich nur spekulieren. Einige fühlen sich persönlich betroffen und reagieren eher emotional als rational. Die Empörungsmaschine wird zudem von konservativen und reaktionären Antifeminist*innen instrumentalisiert. Vielleicht spielt auch eine Portion Klassendünkel eine Rolle. Schließlich handelt es sich hier um eine Hochschule, die Studiengänge der Sozialen Arbeit, Pädagogik und aus dem Gesundheitsbereich anbietet. Diese gesellschaftlich wenig angesehenen und schlecht bezahlten Berufe studieren vergleichsweise viele sogenannte Arbeiterkinder, die sich nun anmaßen, über Kultur zu bestimmen.

Ich kann mir schwer vorstellen, dass irgendjemand Terror, Barbarei und Zensur geschrien hätte, wenn ein mittelständiges Unternehmen sich entschieden hätte, ein Kunstwerk am eigenen Bau durch ein anderes zu ersetzen. Diejenigen, die gerade vor lauter Aufregung nicht mehr klar denken können, sollten vielleicht kurz innehalten, um zu überlegen, mit welchen Worten sie denn reagieren wollen, wenn die "Freiheit der Kunst" tatsächlich in Gefahr gerät.