"Alternative Fakten" ist das Unwort des Jahres 2017, das hat eine Jury aus Darmstadt gerade entschieden. Die Wahl fühlt sich ein bisschen verspätet an, denn los ging es mit der Rede vom "Postfaktischen" schon 2015. Donald Trump begann einen Wahlkampf, in dem er Gefühle und Gerüchte als Tatsachen ausgab. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, wäre er damit in der Unterhaltungsbranche geblieben. Nach seiner Amtseinführung vor fast genau einem Jahr verpasste seine Sprecherin Kellyanne Conway seiner Art des Redens dann eine erkenntnistheoretische Grundlage: Wenn das Team Trump Dinge behauptet, die von sämtlichen Medien als falsch nachgewiesen werden, dann handelt es sich da nicht um Lügen oder Unwahrheiten. Nein, sagte sie, Trump und seine Leute haben Zugriff auf "alternative Fakten".

Da musste der Reporter, dem sie das erzählte, erst mal kurz lachen. "Alternative Fakten", das scheint eine alternative Bezeichnung für "definitive Unwahrheiten" zu sein. Sie sind die überbietende Antwort auf das, was man seit Al Gore eine unbequeme Wahrheit nennt: Wenn etwas nicht passt, dann wird es eben passend geredet. Das Mittel gegen diesen Post- oder genauer: Alterfaktizismus des Team Trump schien längst eingeübt zu sein. Man kennt es seit vielen Jahren aus amerikanischen und seit wenigen auch aus unseren Talkshows: Fact-Checking. Alles, was ein Politiker äußert, wird auf seine Stichhaltigkeit überprüft. Es soll nur das gelten, was wirklich wahr ist.

Das Problem ist nur, dass man mit dieser Art der faktischen Überprüfung gegen jemanden wie Trump wenig ausrichten kann. Einfach all die Lügen, Falschbehauptungen und Unwahrheiten, die er als Kandidat oder Präsident von sich gegeben hat, auflisten, so als würde er sich damit schon von selbst erledigen – genau das haben die New York Times, die Washington Post und Buzzfeed getan. Irgendwann im Lauf des Jahres 2017 sind ihre Listen dann eingeschlafen. Nicht, weil Trump aufgehört hätte, Unwahrheiten zu verbreiten. Sondern weil das Prinzip sich abnutzt.

Ein bisschen Unschärfe ist immer dabei

Es regt sich der schlimme Verdacht, dass es auch die Kultur des gnadenlosen Faktenchecks gewesen sein könnte, die dem Postfaktizisten Trump den Weg bereitete. Es klingt erst mal paradox, aber vielleicht war auch der Hyperfaktizismus beteiligt, als die faktenbewährte Sachlichkeit aus der Politik vertrieben wurde. Denn wenn es eine populistische Erkenntnis aus der Kultur des Fact-Checking gibt, dann die, dass wirklich alle Politiker – wenn auch nicht alle in demselben Ausmaß – hin und wieder nicht ganz bei den Tatsachen bleiben. Wenn man sie nur in ausreichend feiner Auflösung betrachtet, dann lassen sich in den Aussagen aller Politiker sachliche Fehler finden.

Das liegt gar nicht mal so sehr daran, dass sie lügen oder taktisch mit der Wahrheit umgehen wollen (auch das kommt natürlich vor). Sondern es liegt an der Funktion menschlicher Kommunikation: Ein bisschen Unschärfe ist immer dabei. Wenn man nur tief genug gräbt, dann findet man in der Rede aller Politiker Selbstwidersprüche, Ungenauigkeiten, Auslassungen. Populisten haben das verstanden und spielen es gnadenlos gegen die etablierten Parteien aus. Seinen Gegnern vorzuwerfen, sie seien Fake News, dürfte die Wendung sein, die Trump 2017 am häufigsten auf Twitter versendet hat.

Das bedeutet natürlich gerade nicht, dass zwischen dem obsessiven Falschredner Trump und einem Parteisprecher, der geschickt mit der Wahrheit hantiert, überhaupt kein Unterschied besteht. Diesen Unterschied zu verwischen, genau darin liegt die populistische Geste. Aber man kann trotzdem folgern, dass die bloße hyperfaktische Genauigkeit zur Gestaltung von Politik wenig Konstruktives beigetragen hat. Das Erkennen von Wahrheit ist zunächst einmal kein politischer Vorgang, sondern einer der Erkenntnis. Die eigentliche politische Arbeit beginnt erst danach. Sie ist nicht die Sache der Fact-Checker. Eine Kultur, die sich vor allem auf die Entlarvung des Falschen konzentriert, bringt deshalb nicht schon etwas Richtiges hervor.