Das klassische Altertum ist schon seit langem entzaubert und zur griechisch-römischen Antike geworden. Man muss weit zurückgehen, um ernsthafte Versuche aufzuspüren, antiker Kunst und Literatur den normativen Charakter des Klassischen zuzusprechen und die platonische Trias des Guten, Schönen und Wahren wiederzubeleben. Einer der tatkräftigsten Totengräber des klassischen Altertums war Friedrich Nietzsche – nicht ohne Ironie, war Nietzsche doch selbst von Hause aus Altphilologe und Inhaber des Basler Lehrstuhls für Gräzistik. Nietzsche schwärmte vom "furchtbar-schönen Gorgonenhaupt des Klassischen", aber seine Begeisterung für die vitale Abgründigkeit der griechischen Kultur begrub die edle Einfalt und stille Größe, die Winckelmann und seine Jünger in antiken Statuen sahen.

Zugleich leistete auch Nietzsches Antipode, der wilhelminische Staatsphilologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, seinen Beitrag zum modernen Untergang des klassischen Altertums. Dem positivistischen Bestreben, das gesamte antike Material – von der Verwaltungsinschrift bis zum kleinsten Papyrusfetzen – zu erfassen, fiel letztendlich der klassische Kanon zum Opfer. Zwar beschwor Werner Jaeger in den 1930er Jahren noch einmal das klassische Bildungsideal, aber die Barbarei des nationalsozialistischen Deutschland raubte seinem "Dritten Humanismus" jegliche Legitimität.

Und doch ist die Präsenz der Antike in der Gegenwart nicht nur eine Parole, mit der Latein- und Griechischlehrer auf Elternabenden für ihre Fächer werben. Auch das litaneiartige Herunterbeten von Begriffen, die aus dem Griechischen und Lateinischen stammen – Politik und Republik, Fantasie und Kultur – und das ad nauseam vorgetragene Credo vom griechischen Ursprung der Philosophie und der römischen Prägung unseres Rechtssystems können nicht davon ablenken, dass gerade die antike Literatur einen festen Bezugspunkt in unserer Welt bildet. Um nur zwei Beispiele zu geben: Thukydides ist von den Vertretern des Politischen Realismus zum Ahnherren erkoren worden, seine Geschichte des Peloponnesischen Krieges ein kanonischer Text in amerikanischen Militärakademien. Geeigneter zur Werbung für den altsprachlichen Unterricht in alteuropäischen Elternhäusern dürfte die griechische Tragödie sein, die einen festen Platz im Repertoire unserer Theater hat. Ein eifriger Journalist zählte in den Spielplänen des vergangenen Jahres elf Antigone-Inszenierungen und erklärte die sophokleische Tragödie zum "Stück der Stunde".

Wie aber fasst man die anhaltende Signifikanz der Antike, ohne zum diskreditierten Begriff des Klassischen zurückzukehren? Als Formel hat sich das "nächste Fremde" etabliert, als das Uvo Hölscher die Antike in seinem "Selbstgespräch über den Humanismus" bezeichnete: Die antike Welt sei uns hinreichend fremd, um unsere Denkgewohnheiten infrage zu stellen, und zugleich nahe genug, um relevant zu sein. Wird die gegenwärtige Bedeutung der antiken Welt erörtert, dauert es nicht lange, bis diese Formel fällt und die Diskussion – gewöhnlich unter gefälligem Murmeln und konsensuellem Nicken – beendet. Kein Wunder, dass die Vertreter des Deutschen Altphilologenverbands das "nächste Fremde" wie eine Monstranz vor sich her tragen.

Das Verhältnis von Moderne und Antike

In der Nachbarschaft des "nächsten Fremden" gedeihen andere, aggressivere Formeln wie "Zukunft braucht Herkunft" oder "Rückblick für mehr Durchblick", und der eine oder andere mag, wenn er das "nächste Fremde" hört, ebenso unangenehm wie unwillkürlich an peinigende Konjugationstabellen erinnert werden. Aber auch die jüngere Generation von Philologen, die mit dem Interdisziplinaritätsgebot großgeworden und eingeweiht ist in die Finessen von Semiotik und Poststrukturalismus, beruft sich unbeirrt auf Hölschers Formel. Die Berliner Latinistin Melanie Möller etwa, unverdächtig jeglicher reaktionärer Tendenzen, stellt ihre Verteidigung des Latein- und Griechischunterrichts in der FAZ unter den Titel Alte Sprachen: Das nächste Fremde. In einem Merkur-Essay zur antiken Autobiografie variiert sie Hölschers Formel mit "Nähe auf Distanz", die "nicht nur charakteristisch für das antike Selbstverhältnis in seinen verschiedenen greifbaren Konfigurationen, sondern auch für das Verhältnis von Moderne und Antike" sei.

Dieser Artikel ist eine leicht gekürzte Fassung eines Essays aus der Januarausgabe des "Merkur".

Vergleicht man Möllers Plädoyer mit den Überlegungen von Hölscher, so zeigt sich als eine Stärke des "nächsten Fremden" sein dialektischer Charakter, in dem der eine oder der andere Pol hervortreten kann. In Hölschers Aufsatz spürt man die tiefe Erschütterung des humanistischen Weltbilds; nicht zufällig kehrt Hölscher immer wieder zu Nietzsche zurück und zitiert aus dem Vorwort zu Vom Nutzen und Nachteil der Historie: "Ich wüßte nicht, was die klassische Philologie in unserer Zeit für einen Sinn hätte, wenn nicht den, in ihr unzeitgemäß zu wirken." Auch wenn Hölscher Rom und Griechenland von China und Indien als das "nächste Fremde" absetzt, so wiegt ihm die Fremdheit doch schwerer: "In der Tat, der am Altertum Erzogene entfernt sich von der Gegenwart in einer Weise, die ihm die Gegenwart fragwürdig machen kann. Keine Vertiefung ins Französische oder Englische, oder ins Mittelalter, bringt ihn in solchen Abstand von seiner Zeit. Wohl wirkt auf ein vordergründiges Interesse auch am Altertum erstaunlich, was es 'auch schon gehabt hat'; aber in tieferer Weise gerade das, worin es anders ist."