Die allermeisten Paare haben diese Möglichkeit der "gleichgestellten Elternschaft" aber nicht. Sie müssen mit dem Ungleichgewicht des Geborenhabens oder eben Nicht-Geborenhabens zurechtkommen. Es ist deshalb nachvollziehbar, wenn viele Paare, die Gleichberechtigung leben wollen, sich lieber auf soziale Elternschaft stützen und versuchen, die Biologie möglichst wenig zu thematisieren.

Allerdings ist auch im Bereich des Sozialen fraglich, ob Begriffe wie "Mutter" und "Vater" tatsächlich dasselbe bezeichnen, nur in einer weiblichen und einer männlichen Variante. Denn der klassische Vater hatte ja eine völlig andere Rolle. Der Pater Familias hat sich keineswegs im Alltag um seine Kinder gekümmert, er hatte bloß die rechtliche Befugnis, über sie zu bestimmen, und zwar ausdrücklich auch gegen den Willen der Mutter. "Vatertum" steht nicht etwa für eine Fürsorgebeziehung, sondern für eine Herrschaftsform, das Patriarchat, und die Zeiten, in denen das traurige Realität war, liegen nicht so weit zurück wie die Antike oder das Mittelalter. Das war erst kürzlich noch so, vor schlappen fünfzig Jahren. Und in vielen Regionen der Welt sind patriarchale Familienverhältnisse, in denen Väter das Recht haben, gegen den Willen der Frauen familiäre Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen, noch Realität.

Es ist zu bezweifeln, dass ein Begriff, der für 4.000 Jahre Herrschaft von Männern über Frauen und Kinder steht, für eine positive Bezeichnung sozialer Elternschaft taugt. Zumal in vielen Forderungen und Positionen von heutigen selbst ernannten Väterrechtlern tatsächlich immer noch klassische patriarchale Muster zu erkennen sind wie zum Beispiel die kaum verhohlene Geringschätzung von Weiblichkeit oder ein übermäßiges Pochen auf die eigenen formalen Rechte und Ansprüche. Traditionelles Vatertum braucht kein Mensch, und zum Glück wird es heute auch nur noch in der ganz rechten Ecke des politischen Spektrums explizit gefordert und gefeiert.

Viele Helfer für ein Kind

Längst gibt es ja auch für Männer, die Kinder haben oder mit Kindern zusammenleben, genug anderes zu tun. Auch wenn sie nicht schwanger werden und gebären können: Alle anderen Aufgaben, die traditionell den Müttern oder auch Frauen generell zugeschrieben wurden, stehen ihnen ja offen. In einer taz-Kolumne war kürzlich über ein Kinderlied zu lesen, das sehr hübsch, wenn auch etwas altbacken umschreibt, was das ist. Das Lied heißt Liebe Mama und war wohl in den 1980ern ein Hit in der DDR, wurde aber kürzlich neu gecovert: "Danke, dass du mich früh weckst / sonntags mit uns Kuchen bäckst / Auch fürs Stullen schmier'n und Puppen reparieren / Weißt du, wer mich morgens kämmt / Und hilft, wenn die Hose klemmt / Wer hält die Zimmer rein / das kann nur Mami sein. / Ist die Schule endlich aus / Riecht es gut bei uns zu Haus / Auch bei den Schularbeiten / Hilfst du uns beizeiten / Wenn du mich ins Bettchen bringst / Streichelnd ein Gut-Nacht-Lied singst …"

Das bringt die Bedürfnisse eines kleinen Menschen, der sich noch nicht selbst versorgen kann, ziemlich gut auf den Punkt. Eigentlich kann es gar nicht genug Menschen geben, die sich in diesem Sinne als "Mami" erweisen. Doch dem Kollegen Jürn Kruse bei der taz gefiel der Liedtext überhaupt nicht. Was hier über Mütter gesagt wird, schreibt er empört, das sei ja wohl "ein legitimer Grund, um die eigenen Kinder zur Adoption freizugeben". Er interpretiert das Lied als rückwärtsgewandte Beschreibung eines Geschlechterstereotyps, als Rollenanweisung für Frauen, nach dem Motto: "Eine Frau, die ein Kind geboren hat, muss all das hier tun."

Das Lied ist allerdings auch anders zu interpretieren, zum Beispiel als Beschreibung einer sozialen Notwendigkeit im Zusammenleben zwischen Erwachsenen und Kindern: Jedes Kind braucht eine Person, die ihm Stullen schmiert, Puppen repariert, hilft, wenn die Hose klemmt. Jedes Kind braucht eine Person, die sich für es zuständig fühlt, die die Verantwortung dafür übernimmt, dass dieses kleine Wesen versorgt wird und wachsen kann. Selbstverständlich können sich mehrere Personen diese Aufgaben teilen. Und selbstverständlich kann diese Person auch ein Mann sein, sofern er sich von alten Vaterbildern verabschiedet und keine Scheu davor hat, zu verweiblichen, wie es so oft heißt.

Eine Mutter ist nicht einfach ein weibliches Elternteil, und auf gar keinen Fall ist sie ein Pendant zum Vater. Eine Mutter ist eine Person, die sich bedingungslos für ein Kind verantwortlich fühlt. Jedes Kind braucht eine Mutter. Es können auch gerne zwei oder drei sein, welchen Geschlechts auch immer.