Ich kann im Rückblick auf meine Schulzeit an einem Bonner Mädchengymnasium immerhin sagen, dass ich in der 13. Klasse sehr viel Zeit zum Lernen hatte. Das war auch leicht. Denn meine Mitschülerinnen beschränkten sich im Umgang mit mir auf kühle Höflichkeit. Besonders unangenehm war der Moment morgens beim Betreten des Klassenzimmers. Bloß nicht hinsehen, auf dass sich unsere Blicke nicht treffen mögen. Einfach hinsetzen, nach vorne schauen. In der Pause dann Kakao holen und in die hinterste Ecke des Oberstufenraums verschwinden. Abhängen auf dem Schulhof oder gar in der Raucherecke wäre viel zu riskant gewesen. Zumindest wenn ich vermeiden wollte, dass hinter meinem Rücken laut gelacht, gelästert oder Buh gerufen wurde.

Der Grund übrigens, warum sie mir das Leben ein Schuljahr lang zur Hölle machten, ließe sich in einem riesigen Pfeildiagramm darstellen, aber ich kürze hier mal ab. Es ging um einen Jungen. Der mir bei den Physik-Hausaufgaben half, aber eben nichts von einer gewissen Mitschülerin wollte und dafür laut Ansage der Verschmähten von allen ignoriert gehörte. Und weil ich das wiederum ignoriert hatte und gewiss auch eine Prise Neid im Spiel war, sollte ich, wie mir erklärt worden war, büßen. Zu keiner Party eingeladen werden, bei keiner Lerngruppe mitmachen dürfen, im Sportunterricht grundsätzlich als Letzte gewählt werden.

Caroline Rosales, geboren 1982 in Bonn, arbeitet als Redakteurin der Funke Mediengruppe. Zudem ist sie Autorin von zwei Sachbüchern. Im Jahr 2012 gründete sie den Blog "Stadtlandmama.de", der bis heute zu den größten Elternblogs in Deutschland zählt. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in Berlin und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Aram Pirmoradi

Im Moment wird viel geschrieben und noch mehr gesprochen über toxische Männlichkeit, über sexuellen Machtmissbrauch von Männern gegenüber Frauen, noch mehr über #MeToo, #TimesUp und Catherine Deneuve und Catherine Millet, denen das alles wiederum zu weit geht. Eine Debatte, die laut Oprah Winfrey den Vergleich mit der schwarzen Bürgerbewegung nicht scheuen muss, weil sie das gesamte Spektrum der Verbrechen und deren Grauzonen beleuchtet – von Vergewaltigung bis zum Jobangebot dank ausgesprochener fuckability der Bewerberin. Es wird viel geredet über die Gründe einer patriarchalisch geprägten Arbeitswelt und unserer sexistischen Gesellschaft allgemein, doch nie über den Nährboden, der das Wachstum solcher männlich-dominierten Machtstrukturen begünstigt.

Gemeint ist die ewige Missgunst, die verlogene Freundlichkeit, die besonders fiese bitchiness unter Frauen. Die Eigenschaft, einander im Sprachduktus auf einer ständig passiv-aggressiven Ebene zu begegnen und sich nicht einen Meter Land, das bisschen mehr Erfolg, den emanzipierteren Mann oder das klügere Kind zu gönnen. Frauen schmieden selten Netzwerke, sie züchten keine Nachfolgerinnen, formieren sich nicht zu Geheimorden. Nein, sie hoffen aus einem kämpferischen Gedanken heraus, den sie mit Emanzipation verwechseln, es als Einzelgängerin gegen die ganze Welt schaffen zu können.

Dieser Prozess beginnt in der Schule – nichts kann die besagte Grausamkeit von Mädchencliquen auf dem Schulhof toppen. Wer abschreibt, wird verpetzt, wer später in der Oberstufe besagten Schwarm der anderen datet, wird auf dem Schulhof ignoriert und hart geschnitten. Es wird sich bis aufs Blut gebattelt, um die Beliebtheit bei Lehrern und Jungs, das coolere Outfit, das bessere Elternhaus. Und das ständig.

Das beschreibt auch die Psychologin Mechthild Erpenbeck in einem wissenschaftlichen Artikel über Frauen und Konkurrenz. Männer neigen demnach zum Auskämpfen von Oben-unten-Positionen. Ist die Rangordnung geklärt, könne man sich dem nächsten Kampf widmen. Frauen fühlten sich in der Regel allerdings schneller persönlich angegriffen. Wenn Frauen kämpfen, geht es laut Erpenbeck schneller um "Vernichtung" und eine "existenzielle Bedrohung". Folglich sind auch die Konstellationen von Mädchencliquen je nach aktueller Beliebtheit der einzelnen Mitglieder fragil und ständig im Wandel begriffen.

Später, wenn wir Mütter sind, nimmt der Konkurrenzkampf erneut Fahrt auf. "Schläft das Kind schon durch?", wird zwischen karierten Deckchen auf Sommerwiesen unschuldig gefragt. "Spricht deins schon Drei-Wort-Sätze?" Subtext: "Meins schon. Aber du bist ja auch nicht die Hellste." In den USA werden solche passiv-aggressiven Unschuldsfragen, ausgetragen im Kindercafé oder am Sandkastenrand, längst mit dem Begriff mommy wars betitelt.