Im Nachhinein fällt es einem auf: Zwei Themen zogen sich in Markus Feldenkirchens sagenhafter Spiegel-Reportage über Martin Schulz und seine Zeit im Wahlkampf wie ein roter Faden durch den gesamten Text. Da ist der Zweifel. Und die Wurst.

Sehr detailliert wurde beschrieben, wie Martin Schulz Umfragewerte über seine Partei oder Person in direkten zeitlichen Zusammenhang mit seinen Reden stellte. Er eilte vom Marktplatz weg, wo er gerade eben noch sprach und erkundigte sich sofort nach Reaktionen. Als ob das alles so einfach messbar sei. Als handele es sich im Wahlkampf um Mathematik, in der bestimmte Formulierungen wie "Ja zu Europa" oder "Mehr Netto von Brutto" automatisch soundsoviel Prozent Wählerzuwachs bedeuten.

Politik ist Reden und Handeln, Biografie und Sprechmelodie, Aussehen und Kampagne. Waren die Umfragewerte gefallen, nahm Schulz sich ganz fest vor, alles so zu machen, wie er es ursprünglich geplant hatte. Dann aber flüsterten ihm noch drei Berater etwas zu und also knickte er wieder ein und, na ja, so ging es eben bis zum Schluss weiter.

Zweifel können inspirierend sein. Ansporn, Nachdenken, reflektieren, revidieren. Das ist ein Vorgang, der im Wesentlichen alleine abläuft. Vorausgesetzt, man delegiert das Nachdenken, die Auftritte und die Reden nicht komplett an Berater.

Die Nerven liegen blank

Nie ging es Martin Schulz während des Wahlkampfes um Politik. Immer ging es um "Wie kam ich an?" und "Was wollen die Leute?". Was aber will er?  Will er überhaupt etwas? Also so richtig? Von ganzem Herzen? So wie Willy Brandt, der Versöhnung wollte und dafür sogar auf die Knie ging? Will er was wie die Obamas, die von der ersten bis zur letzten Minute immer von Bildung sprachen? Für einen Politiker wie Martin Schulz muss es die Hölle auf Erden sein, immer nur die innere Überzeugung mitzuteilen und dabei in Kauf zu nehmen, nicht anzukommen.

Und dann war da noch die Wurst. Immer nahm er sich vor, sie nicht zu essen. Sich gesund zu ernähren. Der Wahlkampf ist kräftezehrend. Die Nerven liegen blank. Dann kamen die Umfragewerte und wieder lag eine Wurst auf dem Teller.

Man wird den Eindruck nicht mehr los. Er ist wankelmütig. Zermürbende Zweifel und Orientierungslosigkeit. Je mehr sich seine Parteikollegen schützend vor ihn stellen, umso sichtbarer wird, wie dünnhäutig und uninspirierend er ist. Es fiel einem nicht auf, als er noch im Europaparlament war. Denn wer dort Politik betreibt, ist sprichwörtlich nicht auf dem Schirm. Nicht umsonst war es jahrelang deutsche Sitte, dass man Politiker zur Rehabilitation ins Europaparlament entsandte, damit sie abseits der Scheinwerfer in Vergessenheit gerieten, vor allem, wenn sie in Skandale verwickelt waren. Brüssel ist eben einfach weit weg. Wer schaut schon das Europamagazin sonntagmittags im ARD, wenn zeitgleich die Bundesliga-Spiele übertragen werden?

Der unbedingte Wille, beklatscht zu werden

Martin Schulz’ Geschichte ist in vielerlei Hinsicht tragisch. Er war der Instantkandidat der SPD. Einer, den man für den Bundestagswahlkampf aufstellte, weil sich kein anderer fand. Alle klugen Parteiköpfe wussten, dass es unmöglich ist, sich in wenigen Monaten ein Profil zu erarbeiten, eine maßgeschneiderte Kampagne entwerfen zu lassen, an Sprache und Auftritt zu feilen. Also jubelte man ihn hoch und warf ihm Konfetti hinterher, um darüber hinwegzutäuschen, dass da jemand gerade ein Opfer bringt. Aus Eitelkeit. Aus Naivität. Aus Geltungsdrang. Aus, so richtig weiß man es nicht. Die berühmten Worte aus seiner Ruckrede "Ich strebe keine große Koalition an. Ich strebe keine Minderheitsregierung an. Ich strebe keine Neuwahlen an. Ich strebe gar nix an" werden in die Geschichte der wohl nicht großen, aber sicher der richtungweisenden sozialdemokratischen Reden eingehen.

Der unbedingte Wille, beklatscht zu werden, vernebelt ihm seine Instinkte. Wer am Wahlabend vor die Öffentlichkeit tritt und sagt, dass man für eine Koalition mit der CDU nicht bereit stehe, kann nicht wenige Wochen später Sondierungen betreiben und ein Papier, in dem die SPD politisch nicht vorkommt, als Erfolg darstellen. Es sei denn, man hat Lust auf politischen Suizid.

Schulz hätte es schlauer anstellen müssen. Er hätte sagen müssen: "Was jetzt kommt, ist ein Opfergang. Wir gehen diesen Weg, um Neuwahlen zu verhindern, bei denen die AfD empfindlich an Kraft gewänne. Wir tun das, um die Demokratie zu retten. Wir sind bereit, eine Politik zu betreiben, die wir unter anderen Umständen nicht mitgetragen hätten. Wir wissen, dass wir bei der nächsten Wahl noch weniger Stimmen erhalten werden. Wir tun das, weil wir uns damit schützend an die Seite der Flüchtlinge, der Minderheiten und der Anständigen in diesem Land stellen. Sie sollen wissen, wir lassen sie nicht allein." Da hätte Pathos reingehört. Sakko aus. Schweißinseln in den Achselhöhlen. Das ganze Podium, Gabriel, Barley, Schwesig, alle tränenüberströmt. Kurz: Ganz viel Wurst.

Gemüse unter Schokoladeneis

Und dann hätte er gehen sollen und dem Nachfolger Beistand und Unterstützung zusichern und Glück wünschen sollen. Hubertus Heil hätte nach vorne treten und alles übernehmen müssen. "Ich mach’s", hätte er tränenerstickt ins Mikro piepsen können. Und dann diese berühmte Sozengeste machen. Zwei Kumpelfäuste, die sich resolut über dem Kopf vereinigen.

Stattdessen diese Tingelshow mit Schulz und Nahles seit einigen Tagen. Wie sie das Sondierungspapier vermarkten. Unwürdig. Null Format. Als ob man Kindern unter einer Schicht Schokoladeneis Erbsen und anderes schlimmes Gemüse versteckt. Kinderzimmersound, Bätschi und so. Andrea Nahles ist jetzt zum Äußersten bereit. Gegner der Koalition bekommen neuerdings ganz doll Schimpfe. Ist vor allem an die Kevins von den Jusos gerichtet. Noch ein Wort und es geht ohne Essen ins Bett.

Zu den unerfüllten Wünschen im Leben zählt auf jeden Fall dieser: Man sähe einfach zu gerne ein sehr langes Interview mit Martin Schulz’ Beratern im Fernsehen an. Am besten drei Tage lang. In dem man jeden gesprochenen Satz einzeln durchgeht. Zum Beispiel den, mit dem Martin Schulz den Richtungswechsel bezüglich der Koalitionsverhandlungen begründete: "Wir werden im Bundestag keine Obstruktion betreiben um der Obstruktion willen." Kein Mensch weiß, was Obstruktion ist. Wer nur mit halbem Ohr hinhörte, und das tut man bei Schulz schon lange, weil es so schmerzhaft ist, hörte versehentlich "wir werden im Bundestag Obduktion betreiben", und glaubte es sofort. Denn die SPD ist tot. Weil die Arbeiter tot sind. Gut, das ist jetzt ein völlig anderes Thema, aber in dieser Obstruktionssache sah man ihn wieder ganz klar. Wie er hoffnungsfroh zu seinem Berater läuft oder gierig im Handy die Twitter-Reaktionen anschaut. Und am Ende? Hat er wieder eine Wurst auf dem Teller.