Meine Wohnung ist völlig lieblos eingerichtet. Ich bin zu Ikea gefahren und habe innerhalb einer halben Stunde alles gekauft, was man so braucht zum Überleben, also einen Korkenzieher und Vanilleduftkerzen. Wenn mich Freunde in meiner unfreiwillig minimalistischen, kleinen Altbaubox besuchen, gibt es nichts, was sie interessiert kommentieren könnten. "Oh, Vanilleduftkerzen", sagen sie dann und schauen mich etwas mitleidig an. Ich würde ja Geld für Möbel ausgeben, aber ich habe einfach keinen guten Geschmack. Er ist gerade so gut, dass ich merke, wie schlecht er ist.

Ich kann außerdem nix, keine Löcher bohren, keine Möbel zusammenschrauben und Do-it-yourself-Videos schaue ich nur zur Beruhigung, wenn ich nachts panisch aufwache. Wenn ich in schön eingerichteten Wohnungen stehe, empfinde ich, sehr deutlich: Neid. Es ist eine okaye Art von Neid, nur entfernt verwandt mit Missgunst: Ich will zwar auch schön wohnen, aber ich will nicht, dass meine Freunde in einer Altbaubox wie meiner wohnen müssen.

Neid hat einen miesen Ruf und ist in etwa so glamourös wie ein Dammschnitt. Neid macht keinen Spaß, Neid macht Bauchweh und Neider sind schwache Menschen. Nein, natürlich ist man nicht neidisch, dass Tatjana befördert wurde, man hätte sich nur eine Teamchefin mit mehr Webdesignerfahrung gewünscht. Und klar, man gönnt der Autorin, die mit einem Buch über den Darm seit zweihundert Jahren auf der Bestsellerliste steht, den Erfolg. Also irgendwie. Nicht richtig. Ich meine, es geht um den Darm. Den Darm! Wieso bekommt jemand, der saugut aussieht und einen Doktortitel trägt, so viel Geld für ein Buch über ein Verdauungsorgan? Die arme Autorin kann ja überhaupt nichts dafür, wie schlau und schön sie ist, und ich möchte ihr die vielen Millionen auch nicht wegnehmen, ich will nur das Gleiche. Mein Neid hat wenig damit zu tun, was ich habe. Immer nur damit, was ich gern hätte.

Neid hat gesellschaftliche Relevanz

Sie sehen: Nicht besonders schön, so ein Neid, und besonders gerechtfertigt ist er auch nicht. Mir geht es gut. Nur ist dem Neid das egal, denn er ernährt sich vom Vergleich. Ich bin zum Beispiel erstaunlich wenig neidisch auf den 13-Jährigen, der in seiner Doktorarbeit über einen Bremsklotz aus Urknallmaterie nachdenkt.

Und damit ist Neid ist nicht nur unangenehm, sondern hat auch eine Katalysatorfunktion. Worauf ich neidisch bin, verrät viel über meine Sehnsüchte. Und weil ich meinen Neid für rasend interessant halte, aber viele ZEIT-ONLINE-Leser berechtigterweise nicht: Neid ist nicht nur mein Privatvergnügen, sondern hat gesellschaftliche Relevanz. Denn Neid ist nicht nur unglamourös, sondern auch mächtig. An Neid zerbrechen Familien, Neid stürzt Regierungen, Neid schafft Revolutionen. Neid bringt einen Donald Trump ins Amt, Neid kann Kunst sein und Ungerechtigkeit aufzeigen. Neid befeuert Religion und Politik, schafft Fortschritt und behindert ihn.

Jede Diskussionsrunde bei Anne Will ist am Ende eine Neiddiskussion. Neid ist die Urkraft, zu der keiner steht. Und auch wenn Neid, wie jedes Gefühl, per se kein Argument ist, kann er doch sehr genau zeigen, wo Ungerechtigkeit empfunden wird.

Wenn die AfD in Sachsen ihre größten Erfolge feiert, mag es daran daran liegen, dass sich viele Bürger zurückgelassen oder benachteiligt fühlen. Auch wenn es objektiv nun mal nicht stimmt, dass Flüchtlinge hierzulande in Villen hausen, während ein Arbeitsloser aus Freital auf der Straße landet. Neid befeuert, kann ausgenutzt, instrumentalisiert werden, und das, obwohl dieses Wort ausschließlich verwendet wird, um ein Argument zu desavouieren. "Sie sind ja nur neidisch", sagt einer, und zack, liegt das Problem nur noch bei einem selbst und nicht in der Sache.