Der Hang, gar der Zwang, allein unter dem wählen zu wollen, was es bereits gibt, muss als menschlich betrachtet werden. Der sogenannte Turbokapitalismus hat ihn sich lediglich zur Beute gemacht und liefert emsig immer mehr Produkte: 30 Millionen verfügbarer Songs allein bei Spotify, über viereinhalbtausend Filme und elfhundert Serien bei Netflix, geschätzte 10 Millionen Partnersuchende bei Parship. Und so fort.

Ebenso menschlich wie algorithmenfreundlich ist das Bedürfnis, die eigene Wahlfreiheit zu bändigen und ihr den Boden des Unermesslichen zu entziehen. Und zwar indem alles Verfügbare entlang eigener Vorlieben ausgewählt und konsumiert wird. Das Futur II unserer personalisierten Wahlfreiheit besagt: Ich gucke, esse, bereise und besteige, was mir gefallen haben wird.

Auch ein populärer Parship-Slogan propagiert die Abschaffung der Welt als alles, was der Fall sein kann: "Klar kann ich auf den Zufall warten. Mach ich aber nicht." – Schade eigentlich. Denn mittels der Wahlfreiheit, wie der Kapitalismus sie definiert und der Algorithmus sie strukturiert, verkaufen wir uns selbst für blöd. The future is unwritten, lautet der Titel eines Filmes, den Julien Temple über den früh verstorbenen Joe Strummer gedreht hat. Die Zukunft steht auf einem eigenen Blatt. Nicht auf dem mit der Liste unserer To-dos und Vorlieben oder dem, was wir dafür halten mögen. Wir können dem Ungewissen nicht mit unseren Vorlieben kommen und ernsthaft glauben, das einzig Erstrebenswerte sei der eigene Saft, in dem wir schmoren werden.

Die gleichen Meinungen zu Gott

Der Zufall ist ein Baustein des Abenteuers, wie jede Wahl ein Baustein des Experimentes ist. Abenteuer und Experiment wiederum sind dem offenen Ausgang verpflichtet. Das haben sie mit der Liebe gemeinsam: Wir wissen nicht, was uns erwartet – am Ende und unterwegs.  

"Freedom of Choice, is what you got. Freedom from Choice, is what you want", wussten Devo bereits 1980 zu singen. Der Fetisch der Wahlfreiheit und die damit verbundene Abschaffung des Zufalls machen uns zu tautologischen Geschöpfen. Ich wähle, was mir gefällt, weil es mir gefällt. Das Gegenteil dieses Verständnisses von Freiheit wäre Bevormundung. Wer jedoch wären wir, uns im privaten Raum Vorschriften machen zu lassen? Das wäre ja noch schöner! Und ja, vielleicht wäre es das. Vielleicht liegt die Bevormundung  ja genau in jenem tautologischen Prinzip, demzufolge Identität aus Vorlieben gemacht ist. Und Beziehungen aus der Kompatibilität der jeweiligen Vorlieben. Ab 90 Prozent Übereinstimmung gibt es kein Vertun?

Vielleicht bevormundet uns ja unser eigener Geschmack aufs Äußerste, weil er uns einen anderen zu haben verunmöglicht. Vielleicht ist es schließlich gar nicht so toll, unser eigener Programmdirektor, Stylist, DJ und Chef zu sein. In von unseresgleichen bewohnten Häusern und Nachbarschaften zu leben. Unsere Kinder auf Schulen für ihresgleichen zu schicken. Unserer Playlist bei dem individuell auf uns zugeschnittenen Fitnessprogramm zu lauschen. Unsere Lieblingsgerichte für kulinarisch Gleichgesinnte zu kochen, während wir unsere gleichen Meinungen zu Gott ("gibt es nicht") und der Welt ("aus den Fugen geraten") und irgendjemandes Inneneinrichtung ("too eamsy") durchkauen.

Vermutlich ist auch Siegen bald weg

"Das ist meine Schlangenlederjacke. Sie ist Ausdruck meiner Individualität und meines Glaubens an persönliche Freiheit", sagt Nicolas Cage alias "Sailor" in Wild at Heart, als ihm vorgehalten wird, er sehe aus wie ein Clown.

Lebenswelten, denen wir, ob wir es wollen oder nicht, einfach ausgesetzt sind, mit denen wir klarkommen müssen, schaffen wir sukzessive ab. Ob Großfamilie, heterogene Hausgemeinschaften, hierarchische Arbeitsstrukturen oder Restaurants ohne vegetarische Gerichte oder alternative Menü-Zusammenstellung. Leben ist nicht länger, was auf den Tisch kommt und dem Leitspruch gerecht werden könnte, nach dem der Appetit beim Essen komme.

Wahrscheinlich, dachte ich an jenem Dezemberabend, wahrscheinlich wird auch Siegen bald abgeschafft. Die Stadt verströmt jenes gewisse Garnichts, aus dem sich schwerlich Vorlieben, allenfalls Sachzwänge basteln lassen. Der Sachzwang ist, wie jeder Zwang, der natürliche Feind der Vorliebe. Natürlich hat in Wahrheit auch er und nicht mein freier Wille mich hierher verschlagen. So wie er mich in Form eines unbändigen Hungers in diese erste Subway-Filiale meines Lebens verschlagen hat. Er hat mir das "Nein" des Sandwich-Artisten auf meine Bitte hin, er möge doch entscheiden, beschert. Das mich zu einer so glück- wie geschmacklosen Zusammenstellung verleitet hat. Und zu äußerst gierigen Blicken auf die Subs der Mädchen gegenüber.

Eine veritable Überraschung  gab es obendrauf: Auf den spitzen Aufschrei "Ihhh, Zwiebeln!" hin klappte das eine, zwiebelaffine Mädchen ihr Sub in aller Ruhe zusammen, hielt es der Freundin hin und sagte: "Probier doch mal." Sie tat es. Und ließ sich zu einem abschließenden, gar nicht so abweisenden "Joah" hinreißen. Das Gegenteil von Vorliebe ist Aufbruch.