Einige türkische Knallblätter wie Takvim, Haber und andere konnten es in ihren Onlineausgaben kaum fassen. Mit eigenen Händen habe er Tee serviert! Mit eigenen Händen. Eigenhändig. Er selbst. Kaum ein Artikel, in dem die Hände nicht erwähnt werden. Das Foto diente als Beweis. In seinem (eigenen) Haus hält er, Sigmar Gabriel, die traditionelle zweiteilige Edelstahlkanne (oben Tee, unten Wasser), beugt sich dem türkischen Amtskollegen entgegen und ist drauf und dran einzuschenken – Grundgütiger, er ist es wirklich selbst, Gott segne seine Hände!

Der geschäftsführende deutsche Außenminister Sigmar Gabriel serviert im Wintergarten seines Goslarer Eigenheims dem türkischen Außenminister einen Tee und veröffentlicht das Bild über die sozialen Netzwerke. Wie er das macht? Natürlich mit seinen eigenen Händen!

Leider hört das Foto kurz über der Tischplatte auf, sodass man nicht sehen kann, ob die beiden Herren – wie es sich für eine traditionelle orientalische Teezeremonie im privaten Kreis gehört – die Straßenschuhe gegen ein solides Paar ortsüblicher, in diesem Fall also niedersächsischer Hausschuhe, gefüttert mit Heidschnuckenfell, getauscht haben.

Möglicherweise hat der ausländische Gast ein Paar patiks mitgebracht? So ist es zumindest beim türkischen Teeklatsch Sitte. Die Frauen treffen sich zum cay, essen scharfen kısır, was das Pendant zum deutschen Blechkuchen wäre, und bringen sich gehäkelte patiks mit, Hausschläppchen also, statt Blumen oder Kristallfigürchen, wie in Magdeburg oder Marburg üblich.

Tulpenform und Goldrand

Kein Zweifel, dieses Foto ist einfach göttlich. Es ist, als schaue man auf eines von Pierre-Auguste Renoirs Gemälden, in denen Tee getrunken wird. Je länger man guckt, desto fündiger wird man. Die Palme beispielsweise. Dezent wedelt sie vom rechten Bildrand in die Teezeremonie und verbreitet in der Harzer Stube einen Hauch von Orangerie, wie wir es aus der Potsdamer Parkanlage Sanssouci kennen. Hinter dem Fenster erstreckt sich ein Stück kurz gemähter deutscher Rasen mit Heckeinfassung. Strahlend schön auch die weißen Polster auf dem Rattanmobiliar im Teehaus Gabriel.

Zwar wird der Tee aus einer Originalkanne, wie man sie in jedem türkischen Ausstattungsgeschäft für weniger als 20 Euro bekommt, serviert. Auf dem Tisch selbst stehen aber nicht die typischen Teegläser mit Tulpenform und Goldrand, oder wie man sie in der türkischen Mittelschicht verschmitzt nennt, "mit weiblicher Taille". Statt ihrer erkennen wir ein solides Porzellankaffeeservice und sind erleichtert, dass "die da oben" nicht aus vergoldeten Hirschhörnern trinken.

Das vielleicht wichtigste Detail in diesem sicher in die Ikonografie berühmter Teeszenen eingehenden Bild: Im Hause Gabriel drückt man für den Kaffee keine Aluminium-Kaffeekapseln in eine Maschine, sondern lässt den Kaffee durch eine Filtermaschine seufzen und füllt ihn in eine Thermoskanne um. In einer solchen Warmhaltekanne wird selbstverständlich niemals Kamillentee oder Hühnerbrühe aufbewahrt, sondern immer nur Filterkaffee. Weil sich nur so das für Thermoskannen typische Aroma von Gumminippeldichtungsring mit einer Packung frisch geöffneter Krönung vereinigen kann. Falls jemand das spezifisch Deutsche am Deutschsein sucht, das ist es! Ein Geschmack, so einzigartig und unique, dass es eigentlich ins Unesco-Weltkulturerbe gehört. Alles in allem ist es jedenfalls ein Bild, das von Vertrautheit zeugt, von Wärme, Freundschaft, Zuneigung, kurz: von Familie.

Die Zeitung Takvim, Zeitung bitte in Anführungszeichen denken, titelte vor einigen Monaten noch, dass es sich bei Sigmar Gabriel um einen "Minister für Drecksangelegenheiten" handele. Für besonders begriffsstutzige Leser hieß es in der Unterzeile, Gabriel sei "wie FETÖ", also wie Fethullah Gülen, der sich gemeinsam mit Abdullah Öcalan, dem Anführer der PKK, den Titel "Staatsfeind Nummer 1" teilt. Dann dachte man sich den Namen "Lügner Gabri" für ihn aus. Das stand neben einem Foto mit seiner Ehefrau Anke und der Meldung, dass die Drohungen gegen seine Frau sich als Lüge herausgestellt hätten. Davor hieß er "Unverschämter Gabri", wegen irgendetwas anderem. Und irgendwann wurde nur noch sein Foto gezeigt, ohne Amts- und Namensnennung und als grenzüberschreitend und arrogant dargestellt. Wegen – egal! Da hatte man ihn schon als Feind aufgebaut.

Die gute, alte Stimmung

Nun sind einem solche Rufmordkampagnen aus der Boulevardberichterstattung geläufig. Aber darauf hinweisen muss man natürlich schon, dass diese Teezeremonie von sämtlichen türkischen regierungsnahen Zeitungen aufgebauscht wurde wie nur irgendwas. Flankiert durch die Erwähnung, dass der werte deutsche Herr Außenminister, das ist er jetzt nämlich neuerdings, niemals zuvor einen Staatsgast in seinem eigenen Haus begrüßt hätte.

Man muss der deutschen Regierung natürlich gratulieren, weil sie die türkische Befindlichkeit in dieser Sache nicht nur sehr gut begriffen hat, sondern sich auch nicht zu schade war, diese Operette genau so zu inszenieren, wie die Türken sie benötigen. So weit ist alles klar. Signal gesendet, Signal angekommen. Türkei und Deutschland jetzt wieder total baklava. Der Vorhang zieht sich zu, das Stück ist aus.

Nur zur Klarstellung: Dieses Bild ist nicht nur an die Türkei gerichtet. Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint. Die deutsche Wirtschaft ist ebenfalls darauf angewiesen, dass sich die Beziehungen entspannen. Die Türkei ist eine Art Außenstelle für deutsche Firmen geworden. Sie ist ein wichtiger Produktions- und Servicestandort. Entweder man produziert dort oder man hat sein Callcenter dort installiert.

Die deutsche Waffenindustrie und der türkische Kunde

Weiterhin kämpft die Türkei an zwei Fronten gegen die Kurden. Im Osten des Landes, der an den Irak grenzt und im türkischen Süden, also in Nordsyrien. In beiden Fällen werden die militärischen Einsätze mit kurdischem Terrorismus begründet. Tatsächlich treffen sie die Zivilbevölkerung. Es hat in der Türkei noch keine Angriffe gegen Kurden gegeben, in denen der Einsatz von deutschen Waffen keine maßgebliche Rolle gespielt hätte. Die deutsche Waffenindustrie und der türkische Kunde haben eine ganz eigene Geschichte.

Auch der Flüchtlingsdeal ist für beide Länder ideal. Flüchtlinge werden in der Türkei an ihrer Flucht gehindert und dort festgehalten. Die deutsche Innenpolitik wäre ohne die Instrumentalisierung der Flüchtlinge gezwungen, über Sozial-, Gesundheits- oder andere Politik nachzudenken. So aber schlägt sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie kann Angst schüren, ohne weitere Flüchtlinge aufnehmen zu müssen. Die Türken wiederum bekommen finanzielle Unterstützung, um die Flüchtlinge zu versorgen, die auch ohne den Deal da wären. Manchmal droht die Türkei, die Flüchtlinge "von der Leine" zu lassen. Ist aber Blödsinn. Wenn Griechenland die Flüchtlinge nicht aufnähme und die Türken sie losschickten, käme es im ägäischen Meer zur Katastrophe. Außerdem: Viele Flüchtlinge wollen nicht nach Europa, weil sie wieder in die Länder zurückwollen. Viele können sich die Überfahrten und Schlepper sowieso nicht leisten.

Die Türkei ist Nato-Partner. Der Militärstützpunkt Incirlik ist, wie es früher immer hieß, die östlichste Startbahn für die deutsche Bundeswehr, falls sie im Nahen Osten "zu tun hat".

Um diese Interessenspolitik weiter am Laufen zu halten – nicht, dass sie zu irgendeinem Zeitpunkt unterbrochen wäre – muss man aber die gute, alte Stimmung herstellen.

Ach ja. Und dann wäre da noch Deniz Yücel, der nur deshalb für die deutsche Politik eine Rolle spielt, weil sie begriffen hat, dass seine Kollegen und Freunde niemals Ruhe geben werden, wenn er nicht freikommt. Dummerweise arbeiten seine Unterstützer bei Zeitungen und geben keine Ruhe.

Wie dem auch sei. Ein sehr altes anatolisch-niedersächsisches Sprichwort lautet: Die Idylle ist ein Wintergarten in Goslar. Man muss nur eintreten und einen Schluck Tee trinken. Danach wird alles wieder gut.