Zwei Tage vor meinem 11. Geburtstag kapitulierte die 6. Armee im Kessel von Stalingrad. Wie jung die Soldaten und Offiziere waren, die dort umkamen oder in Gefangenschaft gingen, stellt man sich nicht vor. Viele waren noch halbe Kinder. Der Kessel ist ein Beispiel für den "organisatorischen Aufbau eines kollektiven Unglücks". Ein Staat schickt seine bewaffneten Leute aus und kann sie nicht zurückholen: Das zerbricht die Autorität. So etwas ist nichts bloß Militärisches, es ist etwas Emotionales.

Im Folgenden arrangiere ich Texte und Bilder zum Untergang der 6. Armee, der in der Nacht zum 2. Februar 1943 endgültig wurde. Das ist jetzt 75 Jahre her. Ich war Ohrenzeuge (unter dem Tisch, elfjährig), als die Stimmen der Erwachsenen, die darüber sprachen, bitterernst wurden.

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Zwei Brüder, Experten für das Reparieren von Motoren, zogen 1941 nach Rußland. Sie hatten versprochen, einander zu beschützen, bis in den Tod. In Stalingrad stirbt einer der beiden in der Kälte. Der Überlebende kann den Toten vor Kannibalen nicht retten. (Aus der Filmsammlung: Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd)

Zwei Brüder

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Der Zuhörer unter dem Tisch

Über dem Tisch, der "die Trinkecke" hieß, war eine schwere Brokatdecke ausgebreitet, die bis zum Boden reichte. Darüber erst die weißen Tücher, die aufgedeckt wurden, wenn Gäste kamen, darauf die Flaschen und Gläser der lustigen Gemeinde, welche die Kriegsverhältnisse einschätzte, eine Menge Worte tauschte, sich gegenseitig durch die Plauderei ermutigte. Eine Menge Geheimwissen kam in einer solchen Kleinstadt zusammen, wenn Fremde und Freunde, das Reich durcheilend, in der Trinkstube Station machten.

Ich selbst saß unter dem Tisch, verborgen seit dem frühen Abend. Dass ich die Reden verstanden hätte, kann ich nicht behaupten. Ich wollte sie hören, auch ohne sie zu verstehen, weil die Eltern diese Gespräche liebten; dann war für mich gleich, was sie bedeuteten.

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In die Uniform eines deutschen Majors hat dessen Frau 10.000 Reichsmark eingenäht. Für den Notfall. Als der Mann damit einen Piloten der Luftwaffe bestechen will, um als Leichtverwundeter aus dem Kessel von Stalingrad ausgeflogen zu werden, wird er ertappt und zum Tode verurteilt.

Ein Gespräch mit dem Medizinhistoriker Wolfgang Eckhart:

Die ärztliche Versorgung im Kessel

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Wigand Wüster berichtet aus seiner Zeit als Batteriechef in Stalingrad:

Batteriechef Wigand Wüster

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Nachricht

Eine Nachricht z.B. ist: "Ein Junge weint nicht." Das ist eine Nachricht über den Wirklichkeitssinn.

"Ein Unglück wie Stalingrad hat den Vorteil, dass es unmöglich mit zwei Augen zu sehen ist. So sah keiner von uns alles . . ."

"Ein Junge weint nicht."

"Der Oberst Gallus weinte, als 70 eigene Panzer, die nicht erwartet worden waren, 1943 einige Kilometer westlich seines bereits so gut wie verlorenen Haltepunktes erschienen. Er hatte geglaubt, er müsste seine verbliebenen Soldaten jetzt hier hoffnungslos festhalten. In Stalingrad weinte am 26. Januar der Rittmeister v. G., als drei Obergefreite seiner ehemaligen, jetzt aufgeriebenen Aufklärungsabteilung sich bei ihm meldeten; sie hatten sich von einer Einheit, der sie zwangsweise zugeteilt worden waren, unerlaubt entfernt. Noch am gleichen Abend nahmen die drei eine feindbesetzte Ruine ein, die den Gefechtsstand des Rittmeisters bedrohte."

"'Seien Sie doch vernünftig', sagte Oberst i.G. Ali Mencken in der katastrophalen Rückzugsnacht von O. zu einem jüngeren Stabsoffizier im Hauptmannsrang, der sich nicht fassen konnte oder wollte. 'Was ist das für eine Vernunft', antwortete der Hauptmann, 'die die Leute davon abhält, in einer solchen Situation einfach auseinanderzulaufen?' Von dem Vorfall erfuhr niemand. Oberst Selle, der aus dem Kessel zuletzt im Flugzeug entkam, war nach seiner Genesung von Kameraden nicht zum Schweigen zu bringen. Auf offiziösen Gesellschaften begann er zu weinen; er erhob gegen die obere Führung Beschuldigungen, die er nicht beweisen konnte. Kameraden warnten ihn. Zuletzt verurteilte ihn das Kriegsgericht wegen Durchbrechung der verordneten Nachrichtensperre."

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Kein Vorwärts. Kein Zurück. Unerwartet brechen die Russen an den Flanken der 6. Armee durch. Den Deutschen fehlt die Kraft. Der Angriff versickert in dieser riesigen Ruinenstadt.

Der Historiker Christian Hartmann im Interview:

Der 19. November 1942

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Nach dem Heimaturlaub ging es zurück an die Front. Der Zeitzeuge Wigald Wüster berichtet:

Wie ich Stalingrad entkam und wieder hineingelangte


Die Divisionen sind regional zusammengesetzt

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Nachdem die Beteiligten in diesen hoffungslosen Winterkessel (unter Mitnahme tausendjähriger Organisation) geführt waren, fiel diese Führung infolge der Stöße des Gegners in sich zusammen; für wenige Tage, Wochen – nämlich bis zur Unterbringung unter die neue Organisation der Gefangenschaft oder des Erfrierens oder sonstiger Tode – erhielten sie Freiheit; hätten sie sie seit tausend Jahren erfahren, wären sie nie hierhergelangt oder hätten Auswege gewusst. In solche Not kann nicht die Natur bringen.

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Heimkehr zu meiner Batterie


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Hitler ist 16,5 Tage fern von seinen wichtigen Stäben:

Der Führer macht Urlaub

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"Natur, Sonne. Über die Augen eines vereisten Toten auf einer Anhöhe haben sich Krähen hergemacht. In der Steppe sind Vögel ungewöhnlich. Die kleine weiße Sonne, die durch eine weißliche Dunstschicht zu sehen ist, hat die vertraute Tünche abgelegt, hilft nicht. Ein tags offener Himmel bringt unbarmherzige Kälte, Luftmassen von Astrachan, die nicht bereit sind, sich auf menschliche Masse einzustellen."

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Der Referent für die vorbeugende Bekämpfung von Falschmünzverbrechen im Reichsjustizministerium, Regierungsdirektor König, nicht ausgelastet durch das Referat, prüfte als Hobby die Frage des Eigentums von Menschen an ihren eigenen Erfahrungen. Er hatte eine Stelle des römischen Rechtslehrers Ulpian gefunden, die sich auf das Eigentum und die Erbfähigkeit von Erinnerungen und eigenen Erlebnissen beziehen ließ. "Sie können nicht in dieser Form losschwadronieren", sagte Ministerialrat Böttcher, mit dem sich König besprach, "und behaupten, dass zum Beispiel ein völlig geheimer Vorgang, wie der Untergang der 6. Armee, in Privateigentum der Opfer, oder wie man es nennen will, steht. Das ist gewissermaßen öffentliches Eigentum, da ja ein solches Unglück in öffentlicher Weise über die Arme hereingebrochen ist." Daraus schloss er auf völlige Zensurfreiheit.

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Wigand Wüster berichtet über die Gefangennahme von Soldaten und sich selbst richtende Offiziere:

Die Kapitulation der deutschen Soldaten

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Die Suche nach den einzigen beiden Originalzeugen des Kessel-Schlusses

Es hieß, dass noch am letzten Tag des Kessels Gruppen nach Westen oder Südwesten aus dem Kessel ausgebrochen seien. Marschrichtung: auf die 200 km entfernten deutschen Stellungen zu. Gerade über die Vorgänge an den letzten vier Tagen, an denen keine Flugzeuge mehr Landungen oder Ausfliegungen hatten vornehmen können, bestand im OKH Unklarheit. Oberstleutnant i.G. Hinz hielt sich deshalb in Dnjepropetrowsk, ausgerüstet mit einem Fieseler-Storch, bereit, um bei Ankunft etwaiger Zeugen an der deutschen Front diese sofort zu vernehmen und im übrigen sicherzustellen, dass sie nicht Unbefugten berichteten. Insbesondere sollte er auch vermeiden, dass sie z.B. einer SS-Behörde in die Hände fielen und Unglaubliches über Zusammenbrüche in der Militärhierarchie, die sich in den letzten Momenten abgespielt haben könnten, zu Protokoll gäben.

Ende Februar gelangte der Unteroffizier Vieweg 350 km westlich des Kessels zur deutschen Frontlinie. Von 20 Ausbrechern war nur er übrig. Er hatte keine Ahnung, was aus der 6. Armee geworden war, da die Gruppe schon in der Nacht zum 30. Januar von dort nach Westen abrückte. Wenige Stunden später, er hatte sich nur etwas ausgeruht, wurde er in einem Unterstand von einer russischen Granate zerrissen. Hinz, der auf einem zehn Meter Auslauf gewährenden Äckerchen landete, kam zu spät.

Anfang März kam der Soldat Horvath bei Woronesch zu den deutschen Linien. Auch er sagte vorsichtshalber, dass er nichts wisse. Er wurde zum Ic der Division weitergeleitet, Hinz benachrichtigt. Obwohl er anscheinend nichts zu sagen wusste, auch am 1. Februar, dem Zeitpunkt seiner Gefangennahme im Nordkessel (danach sei er aus der Marschkolonne der Gefangenen geflohen, konnte hierfür aber keine Beweise beibringen), offensichtlich nur Eindrücke aus seiner engsten Umgebung erhalten hatte, die über das Schicksal der 6. Armee nichts besagten, war Hinz misstrauisch, ob es sich hier nicht überhaupt um einen Agenten handelte, der vom Gegner zur Verbreitung von Gerüchten eingeschleust war. Der Mann wurde isoliert gehalten, später in einer Nervenklinik untergebracht.

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Nach der Kapitulation wurden die Kriegsgefangenen zu Zwangsarbeitern.

In russischer Gefangenschaft

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