Die USA sind nie auserzählt, dieses seltsame Land, das so unendlich faszinierend ist in seinen Widersprüchlichkeiten. Auch im Blick von außen wird es nie ganz erfassbar – so groß, so mächtig, so verwirrend bleibt es. Der Schweizer Ludovic Balland, von Hauptberuf Grafikdesigner und Gestalter, hat es in den Monaten bereist, die im Rückblick schicksalhaft erscheinen und weiter unerklärlich, obwohl sie in unzähligen Reportagen und Büchern mittlerweile erschöpfend analysiert wurden: Balland ist im Spätsommer und Herbst 2016 kreuz und quer durch die USA gefahren, in jener Zeit kurz vor und kurz nach Donald Trumps Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Balland hat damals Menschen fotografiert und interviewt, ohne womöglich schon selbst zu ahnen, wie richtig er mit seiner grundsätzlichen Fragestellung lag: Noch bevor die Wendung "Fake News" durch Trumps Benutzung inflationär wurde, wollte Balland wissen, wie Amerikanerinnen und Amerikaner die Nachrichten verfolgen, ihr Land durch die Wahrnehmung der Medien betrachten. Nun ist dieses Konvolut an Bildern und Gesprächen in einem umfangreichen Band mit dem Titel American Readers at Home im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen. Konzeptionell wohl durchdacht, auf Zeitungspapier im Tabloidformat, ein faszinierendes Zeitdokument der Widersprüchlichkeiten.

Man kann ihn als Ergänzung betrachten zu den wesentlichen Büchern, die zur Lage der amerikanischen Nation und zu Trumps Wahl bereits veröffentlicht wurden. Etwa als fotografische Bestätigung von George Packers Die Abwicklung. Packer, im Hauptberuf Reporter beim New Yorker, hatte schon im Jahr 2013, lange bevor Trump überhaupt seine Kandidatur bekannt gegeben hatte, die Voraussetzungen dafür geschildert, die es später brauchte für den Sieg eines Außenseiters und Rechtspopulisten. Er porträtierte eine Gesellschaft, deren innerer Zusammenhalt sich bereits in Auflösung zu befinden schien; die immensen ökonomischen Ungleichheiten zwischen wenigen Superreichen und einer wachsenden Zahl von Abgehängten waren längst unübersehbar, ebenso die tiefen ideologischen Gräben, die sich auftaten zwischen den politischen Lagern. Es schauten halt nur wenige so genau auf dieses Land wie George Packer.

Der Blick aus dem Volk

Bald nach der Präsidentschaftswahl schilderten dann Jonathan Allen und Amie Parnes in Shattered die allmähliche Implosion von Hillary Clintons Wahlkampagne; die Kandidatin betrachtete sich selbst und ihr Scheitern in ihrem eigenen Buch What Happened naturgemäß in einem etwas anderen Licht. Joshua Green lieferte dann in Devil's Bargain die bislang umfassendste und hellsichtigste Analyse der Trump-Kampagne und der mittlerweile längst aufgelösten Verbindung zwischen Steve Bannon und Trump auf dem Weg ins Weiße Haus.

Ludovic Ballands Bildband vermittelt nun eben keinen Insiderblick auf das Kampagnengeschehen wie Green einerseits und Allen und Parnes andererseits. Wenn sich sein Weg durch die USA mal mit dem etwa Hillary Clintons kreuzte, ein paar Tage vor der Wahl in North Carolina, dann hat Balland aus der Perspektive der Zuhörer von Clintons Wahlkampfrede fotografiert. Er stand da unten zwischen den Wählern, er hatte und wollte keinen privilegierten Zugang zu den politischen Protagonisten, den viele Journalisten oder Fotoreporter gesucht haben. In dem Sinne ähnelt Ballands Methode eher derjenigen von George Packer, nur eben mit der Kamera.

Ballands Interviews wiederum mit oft ganz normalen, wenn auch nie durchschnittlich wirkenden Amerikanern, mit Ärztinnen, Weinverkäufern, Künstlerinnen, Architekten, Professorinnen, Gewerkschaftern, DJs, Lokalreportern, beschreiben zwar letztlich keine zusammenhängende große Erzählung wie die von George Packer, keinen Überbau und keine letztgültige Erklärung Amerikas. Doch die Gespräche ermöglichen an den besten Stellen einen kurzen Blick in so etwas wie den Seelenzustand Amerikas zum Zeitpunkt einer Wahlentscheidung, von der auch heute noch niemand sagen kann, was sie eigentlich bedeutet – und wohin sie letztlich führen wird. Amerika ist nie auserzählt.

"American Readers at Home" ist erschienen bei Scheidegger & Spiess, hat 548 Seiten und kostet 68 Euro.