ZEIT ONLINE: Herr Dündar, die deutsche Presse kennt gerade kaum ein anderes Thema als die Freilassung von Deniz Yücel. Wird der Fall in der Türkei überhaupt wahrgenommen?

Can Dündar: Fünf Minuten lang war es eine große Story, doch dann kam gleich die nächste Nachricht, dass drei Journalisten zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Mehr oder weniger aus den gleichen Gründen wie Yücel: Sie haben Artikel geschrieben und Interviews geführt. Solche Meldungen sind in der Türkei mittlerweile so alltäglich geworden, dass sie leider wirklich kein großes Thema mehr sind.

ZEIT ONLINE: Welches Signal sendet Yücels plötzliche Freilassung Ihrer Meinung nach aus?

Dündar: Es markiert das Ende einer unabhängigen Rechtsprechung in der Türkei. Deniz Yücel hat ein Jahr lang auf eine offizielle Anklage gewartet und dann wird er von einem Tag auf den anderen entlassen. Der Sultan hat Deniz Yücels Verhaftung angeordnet und der Sultan hat beschlossen, dass er freigelassen wird. 

ZEIT ONLINE: Also ist auch seine Freilassung letztlich ein Akt der Willkür Präsident Erdoğans?

Dündar: Die Rechtsprechung ist in den Händen von Erdoğan und niemand anderem. Wie können wir uns verteidigen, wenn die Gerichtsbarkeit völlig abhängig von der Politik ist?

ZEIT ONLINE: Vor einem Jahr haben Sie in Deutschland die Plattform Özgürüz ("Wir sind frei") gegründet. Dort berichten auch viele Journalisten aus der ganzen Türkei über die Situation im Land. Welchen Gefahren und Widrigkeiten sind Ihre Kollegen ausgesetzt?

Dündar: Sie werden zum Beispiel nicht zugelassen zu bestimmten Veranstaltungen, ihnen werden Informationen vorenthalten, Gesprächspartner wollen ihnen keine Interviews geben. Es gibt Tausende Probleme. Alle Journalisten und Journalistinnen in der Türkei, die die Wahrheit sagen, befinden sich in Gefahr und riskieren ihr Leben.

ZEIT ONLINE: Selbst in Deutschland spüren Sie und Ihre Kollegen den Druck der türkischen Regierung.

Dündar: Ja, man versucht, uns auch hier zu bestrafen, die Regierung bezeichnet uns als Verräter. Das ist als Botschaft an ihre Anhänger hierzulande zu verstehen. Daher ist es nicht nur in Deutschland, sondern überall gefährlich für uns.