Wie eine Daunenfeder im Himmel sieht sie aus. Strahlend weißes Jackett vor blauer CDU-Parteitagskulisse, so steht sie da und erinnert an Rita Süssmuth in jungen Jahren. Annegret Kramp-Karrenbauer hält auf dem Sonderparteitag eine Rede, in der sie so tun muss, als ob sie sich für den Posten der Generalsekretärin bewerben müsse. Muss sie aber nicht. Personalentscheidungen werden in der CDU traditionell nicht diskutiert, sondern exekutiert.

Sie steht also da und könnte reden, was und wie sie will. Sie beginnt irgendwo bei Adam und Eva. Dass sie eine Ministerpräsidentin sei, die mit soundsoviel Prozent bestätigt wurde. Dass irgendwer irgendwen anrief und irgendetwas fragte. Sie will eigentlich sagen: "Ich habe es nicht nötig, als Generalsekretärin zu arbeiten, ich mache es trotzdem." Während man ihr zuschaut und etwas mitfiebert, weil man ihre Nervosität spürt, bemerkt man, dass sie bereits die gleichen auffälligen Knöpfe auf der Brust trägt, wie man sie vom Kanzlerinnenjackett kennt.

Die Minuten ziehen sich. Unter dem Mikrofonständer ist ein Slogan angebracht. Das ist ja immer so, dass auf Parteitagen irgendwo in der Kulisse ein paar Worte herumstehen. Direkt unter Kramp-Karrenbauers Mund liest man: "Aufbruch. Dynamik. Zusammenhalt."

Der Saal tobt

Zu hören bekommt man Gedanken wie diesen: "Wir alle erleben und spüren es, dass wir in einer Zeit leben, die so unruhig ist, und deshalb kommt es im Leben …", man diszipliniert sich und ist willens zuzuhören, wozu es im Leben kommt, aber die Konzentration verheddert sich in den Wortschleifen. Stabilität. Man hört es fünfmal hintereinander. Kramp-Karrenbauer dekliniert den Begriff durch. Die Menschen sehnen sich nach Stabilität. Alles solle stabil bleiben. Möglicherweise handelt es sich um Yin und Yang. Stabilität und Aufbruch. Na gut, warum nicht. Der erste Teil endet mit dem rhythmischen Versprechen "Ich kann, ich will und ich werde!". Der Saal tobt. Männerüberschuss. Jubel in Bariton.

Sie wolle sich in den Dienst der Partei stellen, weil sie denjenigen etwas zurückgeben wolle, denen sie alles zu verdanken habe. Sie stutzt kurz und merkt, dass dieses Bekenntnis etwas dicke rüberkommt und präzisiert. Politisch, fügt sie an. Sie habe alles, was sie politisch erreicht habe, der Partei zu verdanken. Zum Beispiel denjenigen, die vor dem Werktoren Flugblätter verteilten. Na ja, Flugblätter vor den Werktoren verteilen, ist vielleicht nicht ganz so anstrengend, wie hinter den Werktoren an den Maschinen zu arbeiten. Aber man will als Zuhörer nicht kleinlich sein.

Der Jubel von eben trägt sie. Sagt sie auch gleich. Sie dankt denen, "die mich trugen". Vor allem aber dankt sie, und das ist wirklich eine Überraschung, den "stillen Helden an den Stammtischen". Warum dankt sie den stillen Helden an den Stammtischen? Weil sie sich "nicht zurückgezogen haben, auch wenn die Angriffe unter die Gürtellinie getragen sind". Wir sind hier auf einem Sonderparteitag der CDU, und da ist es nie verkehrt, den Stammtisch zu loben. Grund und Anlass, egal! Grammatik auch.

Wie wird es in Europa, und was hält uns zusammen? Kramp-Karrenbauer skizziert, was "die Menschen" bewegt. Das ist ja neuerdings eine olympische Disziplin unter Politikern wie auch unter Politikberichterstattern. Jeder meint zu wissen, was "die Menschen umtreibt". Und weil die künftige Generalsekretärin jetzt nicht alle Fragen erörtern kann, die man sich "da draußen stellt", fasst sie zusammen: "Menschen stellen Fragen, wir müssen antworten."