Wir leben in affektgeladenen Zeiten. Schon ein Wort, das ein klar umrissenes Weltbild in Frage stellt, kann starke, mitunter überzogene Reaktionen auslösen. Etwa: Volk. Deutsch. National. Diese Wörter rufen bei vielen Erinnerungen an die dunklen Seiten der deutschen Geschichte wach. Ein verlässlicher Trigger ist auch das Wort Heimat. Die einen denken dabei sogleich an Aufmärsche der SA und an Konzentrationslager, die anderen an schuhplattlernde Trachtengruppen oder Heimatfilme mit Rudolf Prack. Insofern kann es nicht überraschen, dass die Ankündigung, im neuen Bundeskabinett werde der künftige Innenminister − ausgerechnet ein Bayer − auch für das neue Ressort Heimat zuständig sein, im Internet Spott, Empörung oder gar Entsetzen auslöste.

Nun kann man sich durchaus ernsthafte politische Diskussionen über die Einführung eines Heimatministeriums vorstellen: Welches sollen seine konkreten Aufgaben sein? Warum nennt man es so? Wird das Wort Heimat hier instrumentalisiert, um aufgebrachte Bürger zu beschwichtigen und davon abzuhalten, die AfD zu wählen, in deren Grundsatzprogramm das Wort auf fast 100 Seiten allerdings auch nur zehnmal auftaucht?

Ein Beispiel für eine so wohl nur in Deutschland mögliche Reaktion auf ein vermeintlich verbranntes Wort fand sich in einem Text des Autors Daniel Schreiber auf ZEIT ONLINE. Schreiber versammelt darin etliche Heimatklischees, die irgend in Umlauf sind, um das Wort Heimat durch die Verbindung mit als unappetitlich markierten politischen Vorstellungen zu diskreditieren. 

"Ich bin zu Gast auf Erden"

Fasst man Schreibers Text zusammen, treten allerdings Widersprüche hervor: Heimat sei rückwärtsgewandt und antimodern und deshalb gefährlich, ohne dass erläutert würde, warum. Die vermeintlich verlorene Idylle der Heimat habe erstens in Wirklichkeit nie existiert, zweitens aber nie existiert, ohne politisch instrumentalisiert worden zu sein. Heimat sei Ausdruck einer "Idee von Zugehörigkeit, Verwurzelung und regionaler Lebensart", verblüffenderweise aber auch "Chiffre für Ausgrenzung" und "Vorwand für völkische Überlegenheitsphantasien". Allerdings änderten sich "regionale Lebensarten, Grenzen und nationale Identitäten schneller, als uns lieb sein kann", was dafür spräche, dass womöglich doch reale Verluste zu beklagen sind.

Nun ist eine Instrumentalisierung positiv konnotierter Vorstellungen und Begriffe ein Kennzeichen politischer Öffentlichkeitsarbeit – Propaganda – seit dem Ersten Weltkrieg: Begriffe wie Zivilisation, Gerechtigkeit, Frieden und so weiter wurden und werden immer wieder politisch instrumentalisiert, ohne dass sich freilich Stimmen erheben, die dazu auffordern, auf die Begriffe zu verzichten. An diesem Punkt könnte eine ernsthafte Analyse einsetzen: Wie funktioniert die politische Instrumentalisierung positiv konnotierter Begriffe? Wie kann man das Spiel durchschauen und Propaganda oder Ideologie von politischer und gesellschaftlicher Realität unterscheiden?

Darum aber geht es Schreiber nicht; er untermauert seine Heimatphobie mit vermeintlichen kulturgeschichtlichen Fakten: Die Verklärung der Heimat habe ihren Ursprung am Beginn des 19. Jahrhunderts, das Kaiserreich habe den Heimatschutz erfunden, und Heimat sei ein "zentraler begrifflicher Baustein" der Blut-und-Boden-Ideologie im Nationalsozialismus gewesen.

Propaganda auch mit Vollkornbrot

Allerdings ist es anders. Denn die deutsche Verklärung von Heimat hat ihren Ursprung eher in der Sphäre der Religion und bezieht sich zuerst auf das Jenseits, nicht auf die Vergangenheit: In dem 1666 entstandenen bekannten Lied Ich bin ein Gast auf Erden des protestantischen Kirchenlieddichters Paul Gerhardt findet sich die Heimat im Himmel, und erst am Ende des trüben Erdendaseins kehren wir in sie zurück. Die Romantiker wiederum interessierten sich zwar für das Volk, für die Vergangenheit und – im Zuge der anti-napoleonischen Befreiungskriege – auch für das Vaterland, keineswegs aber im politischen Sinn für Heimat oder gar für Verwurzelung. Sie verachteten vielmehr die sesshaften, dem bloßen Nützlichkeitsdenken verhafteten Erwerbsbürger und priesen den Kosmopolitismus und die Poesie des fahrenden Volks. Die Heimatschutzbewegung, eine Art frühe Bürgerinitiative gegen Umweltverschmutzung und Landschaftsverschandelung, entstand zwar tatsächlich während des Kaiserreichs, wurde aber vor allem von den industriellen Eliten bekämpft.

Im Ersten Weltkrieg allerdings wurde Heimat tatsächlich propagandistisch ausgebeutet: Während die Materialschlachten mit modernster Kriegstechnik Wunden in Menschen und Landschaften schlugen, prangten auf Postkarten und Plakaten ländliche Heimatidyllen. Auch die Nationalsozialisten nutzten für ihre Propaganda Bilder der Heimat und übrigens das des Vollkornbrots. Zentral waren aber Begriffe wie Volk, Raum, Rasse und Blut, eben weil Heimat viel zu sehr mit dem Partikularen der Region verbunden und insofern mit dem imperialistischen Anspruch des Regimes absolut unvereinbar war. Entsprechend war das aus NS-Sicht erfolgreichste Propagandaprojekt des Heimat- und Landschaftsschutzes die Gestaltung der mobilitätsfördernden und raumerschließenden Reichsautobahn: Vom Volkswagen aus, auf der perfekt in die Landschaft sich einfügenden Trasse, sollten die Volksgenossen die Schönheiten des ganzen Deutschen Reiches genießen können. Und dessen Grenzen sollten ja bekanntlich auf den ganzen Kontinent ausgeweitet werden.