Mein Kopf ist ganz leer heute. Wie soll man aus so einer Leere etwas herausfischen? Weiter unten im Bauch wäre noch etwas. Aber das ist zu weit weg, als dass mein blanker Verstand darauf Zugriff hätte. Ich packe ein paar Sachen in einen Rucksack.

Julia Zange, Jahrgang 1983, lebt und arbeitet in Berlin als Autorin und Schauspielerin. Gerade schreibt sie an einem Kurzgeschichtenband aus der Hundeperspektive und ist Teil des Web-Serien-Projekts "Translantics". 2016 erscheint der Kinofilm "Mein Bruder Robert ist ein Idiot", in dem sie die Hauptrolle spielt. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Joseph Wolfgang Ohlert

An der Küste Mecklenburg-Vorpommerns liegt eine kleine Insel namens Poel. Ich hatte sie zufällig im Internet entdeckt, als ich einen passenden realen Ort für ein neues Drehbuch suchte, an dem ich arbeite. Noch nie hatte ich davon gehört oder gelesen. 36 Quadratkilometer, ein paar Dörfer, Rapsfelder, umspült von der Ostsee und erreichbar über einen schmalen Damm von Wismar aus. Es gibt dort auch ein Timmendorf und ein Niendorf. Allerdings die ostdeutschen Varianten. Der Inselname Poel leitet sich angeblich ab vom Gott des Lichts (altnordisch: Phol) oder vom "flachen Land" (slawisch: Polje). 

Vakuum im Kopf

In den folgenden Wochen fragte ich immer wieder Leute, ob sie schon mal von Poel gehört hatten. Aber niemand war jemals dort gewesen. "Pö, was?" Existiert es denn wirklich? Vergessene Orte scheinen eine magische Anziehungskraft auf mich zu haben.

Vom Regionalzug aus buche ich ein Hotel. Langsam taut auch das Eis in meinem Kopf wieder. Kahle Bäume fliegen vorbei, Hochwasser in Wiesen und Furchen. Es sieht eher nach März als nach Januar aus.

 "Ich bin ich, weil mein kleiner Hund mich kennt." Immer wieder dieser Satz von Gertrude Stein. Ich merke: mein eigener innerer Hund war gar nicht verschwunden, er hatte nur eine Armlänge entfernt auf mich gewartet. Wir sind uns noch etwas fremd. Er ist groß wie ein Drache, oft unbeweglich, mit vereisten Schuppen. Wenn er befindet, dass die Zeiten wieder unsicher werden, fliegt er zurück in sein Wasserloch. Vielleicht ist das dann das Vakuum in meinem Kopf? Eine leere eisige Drachenhöhle, deren Bewohner nur von Zeit zu Zeit vorbeischaut.

Das Schicksal besiegelt

Als ich in Gollwitz ankomme, ist es schon dunkel. Mein Hotel liegt gegenüber vom zugefrorenen Dorfteich, umwuchert von blassen Halmen in Eiskristallmänteln. Ich lege den Kopf in den Nacken. Am Himmel sieht man jeden Stern ganz klar und ganz für sich. Die Luft riecht frisch, frostig und ein bisschen nach muffigen Meeresalgen.

Im Restaurant 5 Eulen sitzen ein paar Einheimische und schauen Tierdokumentationen im TV. Das Inselhotel ist ein klassisches Nach-Wende-Investitionsobjekt. Nicht lieblos, klassisch provinzielle Postmoderne. In den Vitrinen liegt Swarowski-Schmuck und Bademode der letzten Saison. Nur der gemusterte Teppichboden mit den gelben und grünen Wirbeln schmerzt in den Augen. Die Rezeptionsfrau betont mehrfach, dass sie eigentlich nicht an der Rezeption arbeite. Sie sagt es zu ihrem jungen Kollegen, unüberhörbar für alle braven Gäste in der Lobby: "Wir bleiben in der Suppenküche, ne?!" Als ob ihr Schicksal besiegelt sei. Nach jedem Satz, den sie an einen Gast richtet, schließt sie seinen Namen an. Ich habe noch nie so oft in so kurzer Zeit meinen Nachnamen gehört.