Der Wind drehte sich an einem Samstag. Man legte den aktuellen Spiegel zur Seite und begriff: Dort, wo vorher kalte Politik war, wo neoliberale Achtsamkeitsformeln mit Einatmen durch das eine und Ausatmen durch das andere Nasenloch herrschten, lagen sich zwei Politdinosaurier einander vergebend in den Armen. Riesen Versöhnungsstory zwischen Martin Schulz und Sigmar Gabriel. Grobe Zusammenfassung. Der eine: Sorry. Darauf der andere: Ich vergebe Dir, Emotionsbrötchen!

Emotionsbrötchen. Da steckt alles drin. Deutsche Handwerkskunst, Backtradition, Mittelstand. Aber auch Kabale, Krume, Kohlenhydrate. Politik handelt eben auch vom Suchen und Finden der richtigen Worte. Es müssen nicht immer die großen Slogans sein, die teuren Markenbotschaften. Sozialdemokratie war doch mal für Leute, die kleine Emotionsbrötchen backen.

Genau genommen kündigte sich der Stilwechsel bereits eine Woche zuvor an. Als bekannt wurde, dass der Koalitionsvertrag vorsieht, das Innenministerium um das Ressort Heimat zu erweitern. Was an sich keine große Sache ist. Weil Erweitern zum Kernanliegen des Deutschen gehört. Die Einliegerwohnung, die Autodachgepäckträgerboxen oder das weltberühmte Zusatzformular Anlage KAP zur Ermittlung der Einkünfte aus Kapitalvermögen ergänzend zur Einkommensteuererklärung. Auf etwas Vorhandenes muss der Deutsche eins drauf machen. Das ist, wenn man so will, "auch ein Stück Leitkultur" (CSU).

"Betreutes Regieren"

Das Heimatministerium auf Bundesebene ist eine zutiefst zärtliche Geste der Kanzlerin, weil doch Pflegenotstand herrscht und sich für Horst Seehofer keine menschenwürdige Einrichtung fand. Früher hätte man in der gleichen Situation gesagt: "Ach komm, soll er am Viktualienmarkt Tauben füttern." Nun aber, da alles weicher und wärmer wird in der Politik, schafft man für Senioren eine Art "Betreutes Regieren". CSU-Politiker wie Günther Beckstein oder Edmund Stoiber hingegen wurden nach ihrer Regierungszeit ohne Wenn und Aber in ihre Herkunftsländer abgeschoben, wo sie sich bis heute in ihren gesellschaftlichen Ämtern, zumeist in einem Fernsehverwaltungsrat, wund liegen. Besonders schlimm traf es Leute wie Erwin Huber, der als Mitglied im "Dialogforum Ost-Süd-Umfahrung Landshut im Zuge der B15neu" liegt und wer weiß wie selten am Tag gewendet wird.

Und wie man am Samstag also noch dachte: "Menschenskind, was kommt nach Heimat und Emotionsbrötchen als nächstes?", legte die Kanzlerin ein weiteres feeling nach.

Der wichtigste Ureinwohner ist noch da

Merkel, also unsere Angela Merkel, der man stets vorwarf, dass sie da, wo andere Gefühle walten lassen, von Sachverstand und Intellekt zerfressen sei, stellte sich am Montag der Öffentlichkeit, um ihre Wunschkandidatin für den Posten der Generalsekretärin vorzustellen. Es handelt sich um Annegret Kramp-Karrenbauer, von der außerhalb des Saarlands allenfalls dann die Rede war, wenn am Stammtisch der Zweiklang ulkiger Doppelnamen durchdekliniert wurde.

Saarland, nur ganz schnell, ist das Bundesland, aus dem auch Heiko Maas und Peter Altmaier stammen, und wo nun befürchtet wird, dass die Pläne zum heimlichen Bevölkerungsaustausch, die man Angela Merkel immer unterstellt, dort als Pilotprojekt getestet werden sollen. Ist natürlich Blödsinn. Kommissar Palu, der Dicke auf dem Fahrrad mit der Baguettestange im Korb, der wohl wichtigste Ureinwohner, lebt noch dort. Abgesehen davon wird für jeden Politiker, der aus dem Saarland abgezogen wird, niemand dorthin geschickt.