Ich bin fünf Jahre alt und sitze seit Stunden in einem tannengrünen 1er-Golf. Wir sind zu sechst. Es ist heiß, Klimaanlage im Auto haben wir nicht, wir haben nur uns und eine ungewisse Zukunft. Anhalten dürfen wir nicht, da ich versteckt bleiben muss. Es ist höllenheiß, Oma schwitzt zwischen den Beinen, da bin ich, mit meinem Kinderkörperchen, unter ihrem Rock. An der Grenze befiehlt der Grenzwärter, dass Mama und Tante, Fahrerin und Beifahrerin aus dem Auto steigen. Ich bin passlos und somit vollkommen illegal und deswegen unter Omis Rock, die hinten sitzt. Der Grenzwärter sucht mit seiner Hand unter dem Fahrersitz. Ich höre auf zu atmen. Er hört meinen Atem, denke ich. Ich sehe seine Hand. Sie tastet großflächig den Boden vor mir ab. Meine Füße und mein Kinderwurmkörper sind mit dem hinteren 1er-Golf-Sitz verschmolzen, deswegen findet er meine trotz Hitze kalten Füßchen nicht, obwohl seine Hand immer nur ein paar Zentimeter von ihnen entfernt ist. Ich höre, wie irgendetwas ganz laut ist. Ich merke, ich bin es. Ich versuche, mein Herz anzuhalten, doch einer Fünfjährigen gelingt so etwas nicht auf Anhieb. Er hört auf zu suchen. Mama und Tante setzen sich zurück in den Golf. Wir haben überlebt. Deutschland, wir kommen. Hallo, Asylantenheim.

Und dann saß ich da. Ein illegales abgemagertes Kind in einem fremden Land, dessen Sprache es nicht verstand. Ich bekam einen Stempel aufgedrückt, auf meine Stirn, Flüchtling. Von da an war ich kein Individuum mehr, ich gehörte zu der homogenisierten Masse der/die/das Flüchtlinge. Ich wurde damals passiv gemacht, entmündigt und in die Flüchtlingspassform reingequetscht, und dieses Wort ist bis heute nicht verschwunden, es wurde mir auf die Stirn tätowiert und hat sich über die Jahre mehrmals transformiert. 

Nach dem Wort Flüchtling kam "die Ausländerin" und momentan bin ich "Frau mit Migrationshintergrund". Dieser Migrationsvordergrund wird vor allem in meinem Beruf als Schauspielerin sichtbar. Mir werden überwiegend stereotypische Rollen angeboten: Ostblockprostituierte, die gebrochen Deutsch/Englisch spricht; Putzfrau, die wenig oder gar nicht spricht; Roma, die bunte Kleider trägt, die alle farblich nicht harmonieren. Lange Zeit war ich sehr frustriert darüber, dass ich von der Film- und Theaterwelt trotz Schauspielstudiums nur als undeutsches Fleischprodukt angesehen wurde.

Immer, wenn wir eine bestimmte Zeit betreten, nämlich die der gesellschaftlichen Erneuerung, sollen die zu Außenseiterinnen Gemachten sich legitimieren. Schwule und Lesben müssen erklären, was es heißt, gay zu sein, und warum es okay ist, "so" zu sein, Frauen müssen Männer über den Feminismus aufklären, People of Color müssen weißen Menschen erklären, was Rassismus ist.  

Es war eine energiesaugende Abwärtsspirale für mich, beispielsweise der Mutter eines Freundes am Weihnachtstisch erklären zu müssen, dass meine Familie und ich nicht zu den "ursprünglichen Völkern" gehören, nur weil ich weiß, wie eine Nuss mithilfe eines Messers aufgemacht wird; oder mit linken Intellektuellen streiten zu müssen, die es nicht rassistisch finden, das N-Wort zu benutzen, weil Brecht es schließlich in seinen Stücken auch verwendet hat. Ich habe keine Kapazitäten mehr, privilegierten weißen Menschen meine Bildung und Zeit zu schenken, nur weil sie ignorant sind.

Für diese Menschen bin ich immer das Andere. Ein Alien. Ich gehöre nicht zum Kreis der Deutschen, wegen meiner Brandmarke "Flüchtling". Ich schaue mir das Wort, das niemals von den Bewohnern der herrschenden ersten Welt getragen wird, genauer an. Dieses Suffix "ling" – Pfifferling, Lehrling – hat zumeist eine verkleinernde Wirkung; und die Endung "-ling" – Fiesling, Sträfling, Miesling, Häftling – hat zumeist eine negative Konnotation.

Ich frage mich auch: Als meine Mama, ich, Oma, Tante und all die anderen Frauen nach Deutschland gekommen sind, zu welchem Zeitpunkt haben wir da eigentlich Penisse bekommen? Oder gibt es ein weibliches Wort für Flüchtlinge, so etwas wie: Flüchtlingerin, Flüchtlingin. Das System, in dem wir leben, ist immer noch ein starres Gebilde, und eines der Mittel dieses Systems ist die Sprache. Mit der Sprache werden Menschen unterbewusst in Schubladen eingeordnet, unterjocht. Namen sind nicht bloß Schall und Rauch, und besonders wenn dein Name keine deutsche DNS hat, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass du die Wohnung bekommst. Alle Macht geht vom Staate aus, doch vor dem Gesetz sind wir nicht alle gleich.