Vor einigen Wochen tobte das KiKa-Gate auf Twitter. Für diejenigen, die es verpasst haben: Der Kinderkanal hatte sich einen Shitstorm eingefangen, weil er in einem dokumentarisch erzählten Film von der Beziehung der 16-jährigen Malvina und ihrem Freund Diaa aus Syrien erzählt hatte. Die Kontroverse drehte sich zunächst um das Alter des jungen Mannes. Das wurde vom KiKa zunächst mit 17 angegeben und später auf 19 korrigiert. Zuschauer wollten auch das korrigierte Alter nicht glauben, immerhin sei der junge Mann ja vollbärtig.

Bei der Gelegenheit kamen alle Themen aufs Tableau, die anständige Deutsche zum Kochen bringen: Altersüberprüfung für alle Flüchtlinge! Fremde Männer, die Sex wollen mit unseren Mädchen! Der Kinderkanal propagiere – zwangsgebührenfinanziert – die Vermischung von Deutschen mit Kulturfremden. Dass der Sex zwischen den beiden, von dem gar nicht bekannt ist, ob er überhaupt stattfindet, so viel Aufmerksamkeit bekam, lässt sich auf einen einfachen Reflex zurückführen: Nichts erhitzt die Gemüter stärker als das Bild einer mädchenhaften Unschuld, die "verführt" wird.

Marlen Hobrack studiert im Masterstudiengang Kultur- und Medienwissenschaften, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat. Derzeit schreibt sie an einem Social-Media-Roman. Sie lebt mit ihrem Sohn in Dresden und ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Verführte Mädchen sind ein uralter und beliebter Topos. In Hartmann von Aues Verserzählung Der arme Heinrich aus dem 12. Jahrhundert wird das Mädchen nicht durch sexuelle Avancen verführt, wohl aber durch das Versprechen auf den sofortigen Einzug ins Himmelreich zum Liebesopfer überredet. Es folgt eine Splatter-Szene, in der das Mädchen nackt auf den Tisch gebunden wird: Man will ihr das noch pochende Herz herausreißen, damit der gute arme Heinrich von seiner Krankheit geheilt werden möge. Ganz so arg geht es in der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts natürlich nicht mehr zu und doch bleibt das Mädchen Objekt dubioser Begierde.

Die kleine Alice im Wunderland etwa hat ein reales Vorbild, für das sich der Autor Lewis Carroll etwas zu sehr auf die falsche, weil sexuelle Art interessierte. Und natürlich müssen wir beim Thema Sex und Mädchen an Nabokovs Lolita denken. Diesen und anderen literarischen Mädchenfiguren ist gemein, dass sie unmittelbar den Fantasien der Männer entsprungen sind und nur diesen dienen. Scheinbar unschuldig und sexuell unbeschrieben, sind sie die idealen Projektionsflächen für das männliche Begehren. Weiße Leinwände. Was es Mädchen und jungen Frauen nicht selten erschwert hat, ihre Sexualität selbstbestimmt zu inszenieren oder auch nur zu erfahren.

Während es für die sexuellen Bedürfnisse der Jungen selbst in der Phase der Frühadoleszenz Bilder gibt – vom "feuchten Traum" bis zur ungewollten, dem Jungen höchst peinlichen Erektion – gibt es Vergleichbares für Mädchen nicht. Keine Filmszene etwa, in der ein Mädchen vom ersten Feuchtwerden, von einem unwillkürlich erfolgten Orgasmus gar, überrascht wird. Bei Mädchen ist es die erste Periode, die sie überrascht, die für Scham und Pein sorgt, man denke nur an Brian de Palmas Carrie. Aber das ist natürlich etwas anderes. Die Periode hat mit Zeugungsfähigkeit zu tun, nicht mit Lust. 

Erfrischend in dieser Hinsicht ist eine Erzählung des Herrenmagazin-Modells Carmen Electra, das einst von einer höchst erregenden Busfahrt in zu engen Jeans im Alter von 12 oder 13 erzählte. Was natürlich wiederum vor allem die Fantasien der männlichen Leser befeuerte, macht einen wichtigen Punkt: Die in unserer Kultur allzu oft zur reinen Unschuld stilisierten Mädchen und jungen Frauen haben auch selbst erotische Fantasien und sexuelle Triebe. Was im Falle der KiKA-Doku so sehr empörte, ist vor allem das Ergebnis einer in unserer Kultur hartnäckig ausgeblendeten Erkenntnis: dass auch Mädchen sexuelle Wesen sind, dass auch Mädchen geil werden. Natürlich ist das ein heikles, ein zu oft ins Schlüpfrige gewendetes Thema. Aber es deswegen zu ignorieren, gar zu tabuisieren, hilft nicht weiter.