Ich stehe im Zentralnij Universam in der Erdgeschosszone eines Stalinbaus auf der Hauptmagistrale gleich neben dem Oktober-Platz und schaue auf das abendliche Alltagstreiben einer Millionenstadt. Es ist Valentinstag in Minsk. Rote Luftballonherzen werden von jungen Frauen durch die Unabhängigkeitsstraße getragen, ein Werbegeschenk von McDonald's, das eine Filiale schräg gegenüber betreibt. Unter der flutlichtartigen Beleuchtung tänzeln die Herzen über den Schnee. 

Annett Gröschner lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Sie schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Radiofeatures und Reportagen. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Als ich vor acht Jahren schon einmal in einem Februar hier war, hatten alle Männer die gleichen langstieligen Rosen in Weiß oder Rot in der Hand, am Straßenrand auf den Bus oder die Frau wartend. Das Angebot der Blumenläden ist inzwischen vielfältiger, aber der Valentinstag scheint langsam wieder aus der Mode zu kommen. Im Zentralnij Universam kostet an den Buffets im Erdgeschoss alles so viel wie im Supermarkt eine Etage darüber. Es ist ein Treffpunkt junger Leute und Älterer, die mittlere, saturiertere Generation fehlt. Nebenan kippt sich ein junger Mann abwechselnd Wodka und Cola in den Rachen, altbekannte Rituale des Vorglühens, wenn man schnell lustig werden will und das Geld für teure Getränke im Club nicht reicht. Nach und nach lässt der Atem der Kunden die Schaufensterscheiben beschlagen und nur das beleuchtete Wandmosaik der Metrostation auf der anderen Straßenseite ist noch zu erkennen, drei Kosmonauten im All. 

Eine lange gesuchtes Dokument

In meiner Kindheit, die mich täglich über eine der ostdeutschen Stalinalleen führte, die damals längst umbenannt waren, aber den Geist noch atmeten, hieß diese Art von Etablissement Blitzgastronom. Ein Schnellrestaurant wie McDonald's, nur weniger uniform. Die Halbreliefs über den Auslagen zeigen Fischer, Bäuerinnen und Gärtnerinnen bei der Ernte, was schon zur Entstehungszeit Anfang der fünfziger Jahre folkloristischer Kitsch war, der eine dunkle Erzählung aus der Zeit der Kollektivierung übertünchte.

Ich stehe mit Dimitrij Zadorin an einem der Stehtische. Wir trinken Bier aus Plastebechern. Er hat uns den ganzen Tag lang durch Minsk geführt, dessen Bauten er kennt wie nur wenige. Er ist einer jener Architekturhistoriker, die für ihren Gegenstand glühen und gleichzeitig an ihm zweifeln, weil sie glauben, ihr Leben in Archiven zu verschwenden, "auf der Suche nach meiner Kindheit", wie er sagt. Mir kommt das vertraut vor und es ist mir sympathisch. Man weiß nicht, wovon man morgen leben, wo man wohnen soll, aber der Fund eines lang gesuchten Dokuments kann einen tagelang glücklich machen.

Zadorin wurde 1983 in Minsk geboren, hat aber viele Jahre in den Niederlanden verbracht und an der Technischen Universität Delft studiert. Fünf Jahre arbeitete er als Architekt in Moskau, demnächst wird er bei DOM publishers in Berlin einen Architekturführer über Minsk herausbringen. Als Experte für den sowjetischen Massenwohnungsbau war er wie ich eingeladen zu einem Workshop des Goethe-Institutes: "Was war Sowjetkultur? Sowjetische Architektur und Stadt des Modernismus". Das Goethe-Institut plant für 2019/2020 eine Gemeinschaftsausstellung seiner Regionalinstitute in Russland, der Ukraine, Georgien, Aserbaidschan, Armenien, Usbekistan, Kasachstan und Weißrussland, die der architektonischen Sowjetmoderne und ihrem Nachleben bzw. ihrer Zerstörung an den unterschiedlichen Orten des ehemaligen Imperiums gewidmet sein wird. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beteiligten Regionalinstitute waren nach Minsk gekommen, um zusammen mit Experten Themen und Ideen zu entwickeln, wie so eine Ausstellung aussehen und was als roter Faden taugen könnte, um die unterschiedlichen Orte miteinander zu verbinden.

Ein in Beton gegossenes Selfie

Minsk als Veranstaltungsort war nicht zufällig gewählt, gilt doch die Stadt als gut erhaltene und gepflegte Enzyklopädie der Sowjetmoderne, wie Dimitrij Zadorin und die Minsker Philosophin und Autorin Olga Shparaga in ihren Vorträgen und einer Stadtführung erläuterten. Es gibt Architektur aus allen Epochen, vom Konstruktivismus über den Neoklassizismus, die Nachkriegsmoderne bis hin zur vermeintlich authentisch rekonstruierten Altstadt am Ufer des Flusses Swislatsch. Und gleich daneben die Wiederkehr des Pompösen nach dem Ende des Imperiums – ein an die Stalinschen Wohntürme erinnerndes, in Beton gegossenes Selfie eines inzwischen in staatliche Ungnade gefallenen Profiteurs des Zusammenbruchs, mit eklektizistischem Penthouse als i-Tüpfelchen.

Lange Zeit lag die Betonung auf der Heldenstadt Minsk, seit einigen Jahren hat für Jüngere die Erforschung der jüdischen Stadt an Bedeutung gewonnen. Die deutsche Wehrmacht hatte 1944 nach dreijähriger Besatzung verbrannte Erde und Zehntausende von Gräbern hinterlassen, die Einwohnerzahl war von 240.000 auf 50.000 gesunken, es gab Pläne, die Hauptstadt der Belorussischen Sozialistischen Sowjetrepublik an anderer Stelle wieder zu errichten. Man hat sich zugunsten einer Neuausrichtung des Stadtrasters dagegen entschieden. Dabei war weniger die Kommunistische Partei maßgeblich für die Stadtplanung als vielmehr die 1933 verabschiedete Internationale Charta von Athen, das Projekt der Moderne, dessen Utopie die Trennung von Wohnen, Erholung, Verkehr und Arbeit vorsah und die Stadtentwicklung im restlichen 20. Jahrhundert in allen Industrieländern prägte. Insofern ist das Thema eines, was nicht nur das "fragmentierte Imperium" der zersplitterten Sowjetunion betrifft, sondern ein schwieriges Erbe stellvertretend für die Industriestaaten erzählen könnte.