Vor ziemlich genau einem Jahr verbrachte ich ein paar Monate in der Türkei. Zwischen zwei Arbeitsverträgen wollte ich an einem Sprachkurs teilnehmen. Vor allem hatte ich mir aber eines vorgenommen: nicht arbeiten.

Ich habe mich nicht lange an diesen Vorsatz gehalten. Wie vermutlich in vielen anderen Berufen auch, lässt einen als Journalistin die Arbeit nie ganz los. Vor allem dann nicht, wenn man in Diyarbakır, im Südosten der Türkei, landet. In der Innenstadt war es kaum möglich, fünf Meter zu gehen, ohne ein Panzerfahrzeug oder einen Wasserwerfer neben sich stehen zu haben. Polizistinnen und Soldaten gehörten ebenfalls zu diesem militarisierten Stadtbild. Hinzu kamen die sehr sichtbaren Zeichen bewaffneter Kämpfe in der Innenstadt Diyarbakırs, einige Plätze waren dem Erdboden gleichgemacht, viele Häuserfassaden waren mit Einschusslöchern versehen.

Azadê Peşmen arbeitet als Journalistin, unter anderem für Deutschlandradio Kultur. Sie lebt in Berlin, wo sie als Spoken-Word-Künstlerin auftritt und sich journalistisch und künstlerisch mit urbaner Kultur auseinandersetzt. Aus Sicherheitsgründen achtet sie darauf, dass es keine Bilder von ihr im Netz gibt. Sie ist Gastautorin von ''10 nach 8''. © el boum

"Wenn du irgendwie Hilfe brauchst, frag Diren, sie kennt Gott und die Welt", sagte eine Bekannte aus Istanbul und vermittelte mir den Kontakt zu Diren Coşkun. Und sie hatte Recht, Diren kannte wirklich jeden. Wenn man sich mit ihr in einem der vielen Teehäuser in Diyarbakır traf, wurde unser Gespräch häufig unterbrochen, es gab immer Menschen, die sie begrüßte und mit denen sie sich kurz unterhielt, bevor sie mir die komplizierte politische Gemengelage im Südosten der Türkei weiter erklärte.

Als ich mich dafür entschied, eine Radioreportage zu machen, war sie diejenige, die bei dem einen oder anderen Gesprächspartner für mich bürgte. Bei der gegenwärtigen Stimmung in der Bevölkerung, in der jeder jeden denunzieren kann und es vermutlich auch tut, herrscht ein grundsätzliches Misstrauen all jenen gegenüber, die mit ihnen über politische Themen reden möchten.  

Das Mikrofon lieber nicht offen tragen

Diren hat aber mehr getan, als mir nur Gesprächspartnerinnen zu vermitteln, sie hatte es sich auch zur Aufgabe gemacht, auf mich aufzupassen. Normalerweise würde ich mich einer solchen Bevormundung verwehren, aber in der Situation war es nun mal sehr nötig. Interviews führte ich, wenn sie im öffentlichen Raum stattfanden, häufig in ihrer Anwesenheit. Ein Mikrofon ist dann doch sehr auffällig und Diren wusste, an welchen Orten man es zücken konnte, ohne dass Zivilpolizisten in der Nähe waren. Sie ermahnte mich auch immer wieder, mein Mikrofon nicht offen zu tragen und wenn ich doch von der Polizei auf der Straße kontrolliert würde, schnell zu sagen, dass ich Studentin sei, aber nicht Politik oder Soziologie, sondern etwas Unverfängliches: Literaturwissenschaften, drittes Semester. Aus dem Alter bin ich zwar definitiv raus, aber Diren hat mir versichert, dass ich problemlos für Anfang zwanzig gehalten werden könnte – womit sie Recht behielt.

Sie erkundigte sich in regelmäßigen Abständen, ob sie noch etwas für mich tun könne, und es kam ziemlich schnell der Punkt, wo es nicht mehr nur journalistische, logistische und organisatorische Fragen waren, die sie mir beantwortete. Ich lernte mehr und mehr das Umfeld von Diren kennen, bei einer Tasse Tee wurden Briefe an inhaftierte Freundinnen geschrieben, es war das Normalste der Welt, dass alle mindestens eine Person im engeren Umfeld kannten, der oder die in einem der überfüllten Gefängnisse der Türkei saß. Von dem unpolitischen großen Bruder, der für die Teilnahme an einer Demonstration angeklagt wurde, auf der er erwiesenermaßen gar nicht gewesen war, bis hin zur Studentin, der zur Last gelegt wurde, sich in einer linken Gruppierung zu engagieren. Einige saßen noch nicht im Gefängnis, wussten aber, dass es ein Verfahren gegen sie gab. "Und was wird dir vorgeworfen?", fragte Diren eines Abends eine befreundete Journalistin bei einer Tasse Mokka. "Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation, also das Übliche", antwortete sie.

Als Frau in einem Männergefängnis

Auch Diren wurde unter demselben Vorwurf im August vergangenen Jahres festgenommen. Ihr "Vergehen": Sie ist Mitglied eines LGBT-Vereins mit dem Namen keskesor (Regenbogen). Davon abgesehen liegen ihr Tierrechte sehr am Herzen, auf Fleisch verzichtet sie komplett, außerdem holt sie verletzte Katzen von den Straßen Diyarbakırs zu sich nach Hause und versorgt sie. In ihrer letzten Statusnachricht auf Facebook bat sie ihre Freundinnen, sich um ihre Katzen zu kümmern, da eine von ihnen operiert werden müsste. Beiläufig erwähnte sie dann auch, dass es noch nicht ganz klar sei, in welches Gefängnis sie kommen würde. Bei Diren Coşkun ist das nicht ganz unwichtig, sie ist eine Transfrau. Das im Pass eingetragene Geschlecht entspricht nicht dem, mit dem sie sich identifiziert.

Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, unschuldig in einem türkischen Gefängnis zu sitzen, in Isolationshaft in einem Männergefängnis, obwohl man eine Frau ist, aber ich stelle es mir ziemlich schrecklich vor.

Ich habe Diren als eine willensstarke Persönlichkeit kennengelernt. Ihr Name lässt sich übersetzen mit Widerstand leisten, abwehren. Ihre Geschichte kommt außerhalb von ein paar lokalen, türkischen oder kurdischen Medien nicht vor. In Zeiten, in denen eine unrechtmäßige Verhaftung in der Türkei so normal geworden ist wie der völkerrechtswidrige Angriff auf den Norden Syriens, ist eine grundlos inhaftierte Transfrau nichts Schlagzeilenfüllendes. Um ehrlich zu sein, hoffe ich vor allem, dass sie die Zeit im Gefängnis übersteht, so gut es im Rahmen der Umstände möglich ist. Das Einzige, was dafür spricht, ist Diren selbst.