Gleich wird sie eine Stunde am Stück sprechen. Eine Stunde besteht faktisch immer aus 60 Minuten. Spricht hingegen die Kanzlerin, dann hat diese Stunde mehr Minuten. Nervosität liegt in der Luft. Wird man es schaffen, der 4. Regierungserklärung der neu gewählten Kanzlerin eine Stunde lang zuzuhören und dabei Nuancen zu erfassen, Perlen zwischen den Zeilen zu finden, aufgewühlt oder befreit zu sein, oder womöglich freudig der Zukunft entgegenzusehen?

Bei Phoenix überbrücken sie die Zeit bis zur Liveübertragung mit Volker Kauder. Er spürt die Sorge des Fernsehpublikums, also macht er den Zuschauern den Mund wässerig. Gleich werde es "inhaltlich voll zur Sache gehen". Gerd-Joachim von Fallois, der dem frühen Terence Hill aus Vier Fäuste für ein Halleluja zum Verwechseln ähnlich sieht, bohrt journalistisch motiviert nach, immerhin befindet man sich hier bei Phoenix, dem "Ereigniskanal".

Kauder teasert, wie man es in den Medien nennt, die Rede schon mal an. Thema Digitalisierung: "In drei Jahren werden alle Schulen am Netz sein" und man denkt, wow, das ist gigantisch, wenn die Kinder nicht mehr ihr privates Prepaidhandy nutzen müssen, sondern das W-LAN-Passwort des Schulrouters bekommen. Als dann auch noch Tina Hassel aus Versehen hinten große Kreise drehend durchs Bild geht und Kauder die Lösung der Arbeitslosigkeit ankündigt, "werden die Arbeitslosigkeit endgültig besiegen", da freut man sich auf einmal und kann kaum erwarten, dass es endlich losgeht.

Die vergiftete Stimmung

Angela Merkel trägt Magenta. Sie erinnert daran, dass vor 171 Tagen gewählt worden ist. Das ist ein Trick. Es gibt beachtlich viele Bürger in diesem Land, die finden, dass sie die Schuld daran trägt, dass die Regierungsbildung seit sechs Monaten nicht zustande gekommen ist. Oder die finden, dass sie verantwortlich dafür ist, dass die Jamaika-Sondierung geplatzt ist. Durch die bloße Erwähnung dieser Tatsachen, die 171 Tage, die sechs Monate, Jamaika, muss sie die Vorwürfe weder entkräften noch sich sonst irgendwie positionieren. Sie nimmt es zur Kenntnis und mehr auch nicht. Das ist die denkbar eleganteste und unprovokanteste Form, auf etwas nicht einzugehen.

Dann leitet sie über. Dass sich "in unserem Land offensichtlich etwas geändert hat", obwohl sich weder an der politischen noch wirtschaftlichen Situation eine negative Tendenz feststellen ließe. Alles prima. Für Forschung und Bildung wird nun auch mehr ausgegeben. Keine neuen Schulden. Aber, und damit dringt sie ins Zentrum des Konfliktes vor, "der Respekt vor unterschiedlichen Meinungen ist zurückgegangen".

Sie hat es also auch mitbekommen. Die vergiftete Stimmung. Das Miesepetertum. Den Hass aufs Fremde. Und sie bezieht das alles auf einen Satz, der von ihr stammt. Nämlich "Wir schaffen das". Und zum ersten Mal vermutet man, wie angepisst sie ist. Sie sagt es natürlich anders. Sie habe den Satz privat und öffentlich unzählige Male gesagt, und er sei "unglaublich banal". Das enthält zwei Interpretationen. Entweder hält sie ihre eigene Aussage für schlicht, nichtssagend, blöd und überflüssig. Oder aber sie hält die Debatten darüber für schlicht, nichtssagend, blöd und überflüssig.

Und wieder macht sie etwas sehr Geschicktes. Sie nimmt in ihren folgenden Aussagen über die Flüchtlingsdebatte fast alles an Begriffen und Schlagworten auf, was von rechts bis superrechts gefordert wird. "Schnelle Asylentscheidungen", "2015 darf sich nicht wiederholen", "EU-Außengrenzen schützen", also wirklich das ganze hysterische Besteck der reaktionären Rechtsnationalen.