Anfang der 1960er-Jahre häufen sich auf dem Schreibtisch von Rachel Carson, einer Chemikerin im US-amerikanischen Fish and Wildlife Service in Washington, die Zuschriften aus allen Winkeln Nordamerikas. Mal beredt, mal unbeholfen dokumentieren sie, dass Tierarten, die früher waren, heute nicht mehr sind. Es sind Reaktionen auf das Buch The Silent Spring, in dem Carson 1962 gegen massive Widerstände aus der Industrie den wissenschaftlichen Nachweis führen konnte, dass die flächendeckende Ausbringung von DDT und anderen Insektiziden die Hauptursache für dieses Artensterben war. Historiker lassen die moderne globale Umweltbewegung oft mit diesem einprägsamen Schlagwort vom "stummen Frühling" beginnen.

Auch der anfangs sieche Naturschutz der frühen Bundesrepublik wurde rasch von der Aufbruchsstimmung jenseits des Atlantik erfasst, bis hin zur Einrichtung des ersten deutschen Nationalparks 1970 im Bayerischen Wald. Wenn man Glück hat, erwischt man den heutigen Leiter, Franz Leibl, auch einmal in einer ruhigen Stunde. Dann erfährt man schnell, was den Niederbayern antreibt, der in der Öffentlichkeit meistens über entlaufene Wölfe, gewilderte Luchse oder im Hochlagenwald wütende Borkenkäfer Auskunft geben muss. Spricht man ihn zum Thema Artenvielfalt an, verdüstert sich seine Miene. Flächenfraß und die radikale Intensivierung der Landwirtschaft hätten zu massiven Populationszusammenbrüchen geführt. "Das einzige Thema aber, das zu einem Umdenken in der Bevölkerung führen könnte, ist die Nitratverseuchung des Trinkwassers."

Ob wir auf einen neuen "stummen Frühling" zusteuerten, frage ich. "Wir sind doch schon mittendrin. Aber diesmal merkt es keiner mehr", sagt er lakonisch. In den letzten fünfunddreißig Jahren hat sich die landwirtschaftliche Produktion in Europa verdoppelt. Der Grund hierfür ist weniger ein gestiegener Bedarf in den jeweiligen Ländern, sondern ein Kampf um Gewinnmargen, Agrarsubventionen und Exportmärkte. Dafür wird auf den Feldern verklappt, was die chemische Industrie und der eigene Mastbetrieb hergeben: Stickstoffdünger, Phosphatdünger, Gülle ohne jedes Maß. Die Folgen sind schon lange bekannt: Eutrophierung der Gewässer, Übersäuerung der Böden, Emission von Stickstoffverbindungen.

Während vor einem halben Jahrhundert das Verstummen der Vögel von weiten Teilen der Bevölkerung noch als tiefer emotionaler und kultureller Verlust erfahren wurde, ist für uns heute Natur in der Regel immer schon stumm – allenfalls Hintergrundmusik oder white noise. Rachel Carsons Hauptwidersacher war der Biochemiker Robert White-Stevens, der – wenige Monate nach der Kubakrise – in einem Fernsehinterview im Brustton der Überzeugung sagte: "Miss Carson behauptet, dass das Gleichgewicht der Natur eine wichtige Kraft für das Überleben des Menschen ist; der moderne Wissenschaftler hingegen glaubt daran, dass er die Natur dauerhaft kontrolliert."

Auch wenn Carson damals als Siegerin aus dem Kulturkampf hervorging, haben sich langfristig White-Stevens und sein Ideal einer von menschlichen Bedürfnissen überformten Landschaft durchgesetzt. Zwar führten die von Carson damals angestoßenen juristischen Auseinandersetzungen 1972 zum Verbot der landwirtschaftlichen Nutzung von DDT. Seitdem jedoch wurde die agrochemische Umstrukturierung der nutzbaren Böden und der zentralen erdsystemischen Phosphor- und Nitratzyklen ungebremst vorangetrieben. In den letzten Jahrzehnten vollzog sich diese Entwicklung explosionsartig und im globalen Maßstab. Die Idee einer totalen und dauerhaften Kontrolle der Natur hat wichtige globale Funktionssysteme, deren erdgeschichtlich gewachsene Stabilität für das Überleben des Menschen entscheidend ist, so verändert, dass sie zu kippen drohen.

Dieser Artikel ist in der Märzausgabe des "Merkur" erschienen. © Klett-Cotta

Dass wir Modernen prinzipiell mehr Vertrauen in die Kontrolle der Wissenschaft als in die Kräfte der Selbstregulierungs- und Regenerationsfähigkeit der Natur haben, ist aber nicht, wie White-Stevens suggeriert, eine wissenschaftliche Frage. Es ist vielmehr eine Frage der kulturellen Selbstreflexion. Und es ist eine Frage der letzten Dinge: Worauf darf der Mensch hoffen? Auf einen Gott oder eine Göttin, auf die Resilienz des genetischen Codes gegenüber der Entropie, auf den Erfindungsreichtum der Evolution, auf menschliche Intelligenz und Ingenuität? Aber eschatologische Fragen stehen zur Zeit nicht hoch im Kurs.

Wenn man nicht gerade Bruno Latour heißt. Der hat nämlich in den schottischen Gifford Lectures, die seit 1888 dem Studium der "Naturtheologie im weitesten Sinne des Wortes" gewidmet sind, die Folgen des Naturbilds der Moderne zu Ende gedacht und vom Ende her bedacht. Für Latour zeigt das Anthropozän mit aller Deutlichkeit, dass wir noch nie modern waren und immer noch nicht modern sind. Denn wir verwechseln, in einem Kategorienfehler, Natur und Welt. Der Natur gegenüber spielen wir Gott: Wir halten sie uns als res extensa durch wissenschaftliche Objektivierung vom Hals und verleiben sie uns gleichzeitig als Ressource ein. Dabei merken wir nicht, wie uns dadurch die Welt als bewohnbare Lebenswelt Stück für Stück abhandenkommt. Dieser Denkfehler, so Latour, wurzele letztlich in unserer eschatologischen Faulheit: dem Wunsch, Gott zu spielen, und der Unfähigkeit, als Mensch verantwortlich Welt zu gestalten und damit erst modern zu werden. Die Ökologie, wie sie uns nun in den vielfältigen systemischen Krisen des Anthropozän entgegentritt, ist nicht "das Eindringen der Natur in den öffentlichen Raum, sondern das Ende der'Natur' als eines Konzepts, das uns erlaubt, unsere Beziehung zur Welt zu resümieren und zu pazifizieren … Für die Bewohner des Westens und für ihre Imitatoren hat die 'Natur' die Welt unbewohnbar gemacht."