Wer in der Tech-Industrie erfolgreich sein möchte, schweigt lieber über Strategien und Kollegen. Antonio García Martínez hat da keine Ambitionen mehr. In seinem Buch "Chaos Monkeys: Obscene Fortune and Random Failure in Silicon Valley" (2016) erzählt er offen und unterhaltsam von seinem Berufsweg – vom "quantitative analyst" bei der Investmentbank Goldman Sachs übers eigene Start-up bis zu Facebook. Die deutsche Übersetzung soll im Herbst erscheinen. Wir haben ihn am Telefon erreicht.

ZEIT ONLINE: Herr García Martínez, Sie haben von 2011 bis 2013 als Projektmanager im Ad-Team von Facebook gearbeitet. Das ist verantwortlich für das sogenannte Targeting, mit dem Werbekunden passgenau kleinste Zielgruppen für Anzeigen auf Facebook finden können. Genau dafür wird Facebook jetzt kritisiert, weil auch Cambridge Analytica es benutzt hat, um damit Wähler für Donald Trump zu suchen. Hatten Sie etwas mit der Entwicklung dieser Werkzeuge bei Facebook zu tun?

Antonio García Martínez: Eine Menge von den Ad-Tools, wegen denen Facebook so heftig kritisiert wird, sind tatsächlich während meiner Anfangszeit in der Firma entstanden. Und ja, an einigen habe ich selbst mitgearbeitet. Ich war kein hohes Tier bei Facebook. Ich war jedoch in einer für das Unternehmen entscheidenden Zeit dort: Ich kam, kurz bevor Facebook 2012 an die Börse ging und sein Erlösmodell professionalisieren musste. Vorher hatte sich die Firmenleitung erstaunlich wenig um die Frage gekümmert, wie man wohl Werbung auf der Plattform vermarkten könnte. Plötzlich aber wurde Facebook ein börsennotiertes Unternehmen und brauchte Ad-Tools, um Geld zu verdienen.

ZEIT ONLINE: Gleich im ersten Kapitel Ihres Buches Chaos Monkeys schildern Sie ein Meeting mit Mark Zuckerberg, in dem es um diese Ad-Tools ging. Zuckerberg, so erzählen Sie es, schien völlig desinteressiert an dem Thema. War es diese Indifferenz des Firmengründers, womöglich auch ein fehlendes Gespür für entscheidende Details, die zu den aktuellen Problemen geführt hat?

García Martínez: Fehlende Detailbesessenheit kann man Zuck wirklich nicht vorwerfen, ganz im Gegenteil. Aber es ist richtig, Werbung interessierte ihn zumindest damals überhaupt nicht, deshalb hat er uns als Ad-Team auch total ignoriert. Bei den Dingen hingegen, die ihn faszinieren, ist er ein micro manager. Wenn man in einer Abteilung arbeitet, in der es zum Beispiel um neue Nutzeranwendungen für die Plattform geht, kann es sein, dass man täglich persönlich mit ihm zu tun hat. Da schaut er sich jede Präsentation an, diskutiert jede technische Frage. Aber nein, Mark Zuckerberg hat sich nie darum gekümmert, wie genau seine Firma eigentlich Geld verdient.

Der frühere Facebook-Mitarbeiter und heutige Buchautor Antonio García Martínez © privat

ZEIT ONLINE: Wie kann das sein, bei einem Unternehmen mit heute 40 Milliarden Dollar Jahresumsatz?

García Martínez: Es ist ein großes Missverständnis, anzunehmen, den Chefs von Facebook, Google oder Snapchat ginge es nur ums Geld. Das ist fast nie der wichtigste Antrieb dieser Leute. Die Monetarisierung ihrer Plattformen beginnt üblicherweise erst Jahre, nachdem sie ihre Firmen gegründet haben, und oft nur unter dem Druck eines bevorstehenden Börsengangs. Erst wenn sie der Frage nach dem Geldverdienen gar nicht mehr aus dem Weg gehen können, lassen sie ein Erlösmodell erarbeiten. Zuck interessiert sich nicht für Geld. Und nicht für Werbeanzeigen auf Facebook, das hat er an seine Geschäftsführerin Sheryl Sandberg delegiert und den jeweils aktuellen Chef der betreffenden Abteilung.

ZEIT ONLINE: Hat niemand bei Facebook mal darüber nachgedacht, dass die Tools, die man Werbekunden und App-Entwicklern zur Verfügung stellte, auch von dubiosen Akteuren genutzt werden könnten? Wie etwa von der Firma Cambridge Analytica, die für die Trump-Kampagne die Daten von zig Millionen Facebook-Nutzern auswertete.

García Martínez: Der Skandal bei Cambridge Analytica besteht aus meiner Sicht nicht darin, dass die Firma mit ihren psychometrischen Methoden Menschen wirklich beeinflussen könnten in ihrem Denken. Der Skandal besteht für mich darin, dass die Firma faktisch mit gestohlenen Daten hantierte – Facebook diesen Diebstahl jedoch hätte verhindern können. Zucks Schwäche ist tatsächlich, dass er sich mit den eigenen Werbe-Tools nicht richtig auskennt.

ZEIT ONLINE: Auch heute noch nicht?

García Martínez: Zumindest unmittelbar nach Trumps Wahl war das noch der Fall. Betrachtet man seine damalige Aussage, dass die Vorstellung verrückt sei, Facebook könne deren Ausgang mitbestimmt haben, so wirkt Zucks Kommentar wunderlich, sogar ein bisschen lächerlich. Denn bis zum Wahltag war eine ganze Abteilung bei Facebook mit nichts anderem beschäftigt, als Politikern genau das Gegenteil einzureden, damit die dann Werbeanzeigen auf Facebook schalten ließen. Später hat Zuck sich dann vorsichtiger geäußert. Aber nein, er hat sicherlich keine schlaflosen Nächte verbracht damit, sich mögliche Szenarien von Datenmissbrauch bei Facebook vorzustellen. So etwas überlässt er anderen.

ZEIT ONLINE: Trägt bei Facebook auch eine spezifische Unternehmenskultur dazu bei, dass man offenkundig schlecht mit Krisen umgehen kann? Oder hängt das alles wieder vor allem mit dem Gründer zusammen?

García Martínez: Im Silicon Valley gibt es den Spruch, dass alle Tech-Firmen Sekten seien. Und eine Sekte ist immer auf dessen Gründer ausgerichtet. Man kann über Facebook nicht reden, ohne über Mark Zuckerberg zu reden. Das Unternehmen spiegelt ihn und seine Ideen in hohem Maße wider. Ob man ihn nun für alles verantwortlich machen sollte ... Nun ja, als ich noch dort gearbeitet habe, hingen an den Wänden noch Poster mit dem Spruch "Move fast and break things". Das war Zucks Motto, und die Mitarbeiter haben es als Mantra verstanden. Ich kann nicht genau sagen, ob heute immer noch danach gehandelt wird, doch auf die Art lässt sich jedenfalls keine Krise bewältigen.

Datenmissbrauch - Wie man seine Daten auf Facebook besser schützen kann Die IT-Firma Cambridge Analytica steht im Mittelpunkt eines neuen Facebook-Skandals. Unser Video gibt drei Tipps, wie man seine Daten in dem sozialen Netzwerk besser schützen kann. © Foto: Claudia Bracholdt

"Das Ziel ist, die Welt zu verändern"

ZEIT ONLINE: Ist es für Facebook auch so schwierig, zu reagieren, weil es mittlerweile zum Volkssport geworden ist, sich über die Plattform aufzuregen?

García Martínez: Ja, egal, was Facebook tut, die Leute beschweren sich drüber. Viele haben eine Art Hassliebe zu der Plattform entwickelt. Das Verhältnis mancher Nutzer zu Facebook hat etwas von Süchtigen zu Drogen: Sie brauchen sie, hassen aber gleichzeitig die Drogen und sich selbst dafür, dass sie sie brauchen. Und die Beschwerden sind nicht neu. Viele Leute erinnern sich vielleicht gar nicht mehr daran, aber Facebook hatte anfangs gar keinen Newsfeed, das heute wichtigste Feature der Plattform. Als es eingeführt wurde, waren die Klagen laut. Würde Facebook nun den Newsfeed abschalten, käme es zu Massenunruhen. Oder die Beschwerden über den vermeintlich verantwortungslosen Umgang mit Nutzerdaten ... Hier eine Nachricht für alle, die es immer noch nicht mitgekriegt haben: Facebook ist von Anfang an so mit Nutzerdaten umgegangen.

ZEIT ONLINE: Wie blicken Facebook-Mitarbeiter aus dem Inneren der Maschine auf die ganze Aufregung draußen?

García Martínez: Sie haben sich daran gewöhnt. Jedes Feature, das Facebook irgendwann mal eingeführt hat, hat zunächst eine Beschwerdewelle ausgelöst. Und kurze Zeit später wollen die Leute nicht mehr auf genau dieses Feature verzichten. Also denkt man als Facebook-Mitarbeiter: Einfach durchziehen, die Aufregung legt sich schnell wieder. Es stimmt ja auch. Die Leute beklagen sich über Facebook und hören doch nicht auf, es weiter zu nutzen.

ZEIT ONLINE: Chamath Palihapitiya, ehemaliger Vizepräsident von Facebook, hat sich zuletzt selbstkritisch geäußert. Er empfinde "ungeheure Schuld" im Rückblick und sagte: "Ich glaube, wir haben Werkzeuge entwickelt, die den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft zerreißen." Empfinden Sie ähnlich?

García Martínez: Ich betrachte Facebook nicht als Ursache gesellschaftlicher Probleme. Die Plattform wird für vieles als Sündenbock benutzt. Aber natürlich trägt Facebook zu Veränderungen bei, zum Wiedererstarken von Nationalismen etwa, zur zunehmenden politischen Polarisierung, überhaupt zur grundsätzlichen Beschissenheit, die wir in Politik und Wirtschaft beobachten. Manche zeigen nun auf Trump und sehen in ihm das Ergebnis dieser Entwicklung. Ich glaube eher, dass wir uns an einem potenziellen Wendepunkt in der Geschichte westlicher, liberaler Demokratien befinden. Den hat Facebook nicht herbeigeführt. Aber die Plattform fungiert als eine Art Megafon des Wandels. Facebook verschlimmert, was gerade geschieht.

ZEIT ONLINE: Was lässt sich am Beispiel Facebook über die Tech-Industrie als Ganzes lernen?

García Martínez: Facebook und Mark als Person strahlen in die Tech-Welt aus, insofern muss man sie als Einflussgrößen verstehen. Es gibt eine für Europäer vermutlich wenig nachvollziehbare Wildwestmentalität im Silicon Valley. Man ist libertär eingestellt, gegen den Staat und grundsätzlich rücksichtslos. Diese Haltung ist auch verantwortlich dafür, dass die Produkte, die Tech-Firmen entwickeln, so aussehen, wie sie aussehen. Um neue Technologien zu erfinden, braucht es keine andere Motivation, als eben neue Technologien erfinden zu wollen. Amerikaner sind Evangelikale, manche von ihnen beten Gott an, manche beten die Technologie an. Dem Silicon Valley ist nicht Jesus heilig, sondern das iPhone. Und das Ziel ist, die Welt zu verändern.

ZEIT ONLINE: Mark Zuckerberg wirkte bei seinen Interviews zuletzt so, als habe er das Ausmaß der Glaubwürdigkeitskrise seiner Firma immer noch nicht verstanden. Dringt das nicht mehr zu ihm durch?

García Martínez: Zuck kann wie ein Roboter wirken. Obwohl er wirklich keiner ist, das spürt man im persönlichen Umgang mit ihm. Doch wenn man wie er sein Leben komplett in der Tech-Blase verbringt, übersteigt das eigene Wissen über Technologien derart weit dasjenige von durchschnittlichen Menschen, dass es einem schwerfällt, das Denken normaler Leute noch nachzuvollziehen. Es klingt furchtbar, und niemand im Silicon Valley würde es je laut sagen, aber für Tech-Leute sind alle außerhalb der Blase einfach Idioten. Zumindest in Bezug auf Technologie.

ZEIT ONLINE: Wie äußert sich diese Haltung?

García Martínez: Etwa in der Einstellung gegenüber den Nutzern, deren Daten bei Cambridge Analytica gelandet sind. Die wird nach meinen Erfahrungen folgendermaßen lauten: Leute, wir haben euch alle Möglichkeiten gegeben, auf der Plattform die Einstellungen zu eurer Privatsphäre so zu wählen, dass niemand an eure Daten kommt – wieso handelt ihr nicht entsprechend? Wir haben euch den Schlüssel für eure Haustür in die Hand gegeben, doch was tut ihr? Lasst die Tür weit offen stehen. Und macht uns jetzt dafür verantwortlich, dass jemand euer Haus ausgeräumt hat.

"Ich bin jetzt eine Art Survivalist"

ZEIT ONLINE: Und warum handeln die Nutzer nicht so, wie Facebook es sich vorstellt?

García Martínez: Weil die Nutzer zu wenig von Technologie verstehen. Jeder Mensch müsste heute doch eine grundlegende Vorstellung davon haben, wie Daten über die Welt strömen und wie diese Daten monetarisiert werden. Das klingt jetzt womöglich so, als wolle ich Facebook in Schutz nehmen. Aber darum geht es nicht. Es ist für Facebook tatsächlich eine Herausforderung, offen und ehrlich gegenüber den Nutzern zu sein, wenn die einfach nicht kapieren, wie die Technologie funktioniert. Und sie wütend sind auf Facebook. Denen etwas zu erklären ist so, als wolle man seinem 80-jährigen Großvater beibringen, was Instagram ist. Erst gibt man sich Mühe. Dann wird man ungeduldig. Irgendwann gibt man auf und hält einfach den Mund. So ungefähr ist die Haltung von Facebook gegenüber den eigenen Nutzern. Das ist bedauerlich, aber wahr. Doch Facebooks Kommunikationsstrategie ändert sich gerade etwas, man öffnet sich, Facebook-Manager beteiligen sich zum Beispiel erstmals an Diskussionen auf Twitter. Das hätten die früher niemals getan.

ZEIT ONLINE: Sie selbst wurden 2013 von Facebook gefeuert. Warum haben Sie sich danach aus der Tech-Welt verabschiedet? Sie leben heute auf einem Segelboot.

García Martínez: Richtig, während wir hier telefonieren, sitze ich im Hafen ungefähr 30 Meter von meinem Boot entfernt. Ich war einfach fertig mit Facebook. Ich habe eine Menge der Targeting-Technologie entwickelt, die heute noch bei Facebook benutzt wird, doch dann bin ich irgendwann in interne Ränke geraten. Facebook hat sehr viel Geld mit meinen Ideen verdient. Ich war zum ersten Mal in meinem Berufsleben in einer Situation, in dem etwas, das ich entwickelt hatte, wesentlich war für eine Firma. Ich hatte zuvor nie in dieser Liga gespielt: Meetings mit Sheryl, Meetings mit Zuck, Umsatzbesprechungen. Plötzlich war ich im Spiel. Aber ich habe mich verzockt.

ZEIT ONLINE: Zum Abschied gab's den goldenen Handschlag?

García Martínez: Ich habe bei Facebook kein Vermögen verdient. Gemessen an Silicon-Valley-Verhältnissen war ich sogar unterbezahlt. Aber es reichte, um nach dem Rausschmiss ein Boot zu kaufen und etwas Land im Bundesstaat Washington, wo ich eine Hütte gebaut habe. Ich bin jetzt eine Art Survivalist. Ich lebe also unter anderem im Wald, schlage Holz und mache den ganzen Mist, den man da so macht.

ZEIT ONLINE: Sind Sie jetzt glücklicher als im Silicon Valley oder zuvor an der Wall Street?

García Martínez: Es gibt da diese berühmte Stelle in Paradise Lost von John Milton. Dort heißt es: "The mind is its own place, and in itself can make a heaven of hell, a hell of heaven." Man schleppt seine Dämonen doch überall mit sich hin. Ich weiß nicht, ob es mich wirklich glücklich gemacht hat, die Tech-Welt zu verlassen.

ZEIT ONLINE: Sind Sie noch auf Facebook?

García Martínez: Natürlich. Ich bin nun Autor und Journalist, da geht es nicht ohne Facebook und Twitter. Es ist nicht so, als hätte ich mich von Social Media komplett verabschiedet. Ich spiele jetzt nur eine etwas andere Rolle darin.