Ich bin froh, dass es ein Heimatministerium gibt. Heimat ist gut, Heimat ist wichtig, gerade jetzt. Ich sage nur: Vereinzelung, Nomadisierung, Flexibilisierung. Die Städte, der Dreck. Berlin.

Heimat ist nicht die nächste Hipsterkneipe mit WLAN. Heimat ist nicht der neueste Brotaufstrich aus Tofu, Gülle oder sonst irgendwas, was sich Tim Mälzer ausgedacht hat. Heimat ist wahre, authentische Behaglichkeit. Gemütlichkeit. Sicherheit.

Ich bin glücklich, dass Horst Seehofer das macht – Heimat institutionalisieren. Er kommt aus Bayern, dort sind sie nicht so degeneriert wie die Leute im Rest der Republik. Ich meine das gar nicht böse, dass wir degenerieren, weg von einem natürlichen Zustand gemeinschaftlicher Harmonie hin zu einer Verfassung des Allein- und Egoistischseins. Dieser Prozess liegt in der Natur der Sache, die eine Unnatur ist. Früher gab es Apfelkuchen, heute gibt es Apple. Der Zeitgeist verrät sich selbst, man muss nur hinlauschen, wie Botho Strauß das macht. Überhaupt Botho Strauß, der hat es gut: Leben in der Uckermark, auf echten Holzwegen spazieren gehen und abends vorm Kamin eine schöne CD mit Bocksgesängen.

Ich mache mir allerdings Sorgen um Seehofer. Die Leute finden Heimat verdächtig. Wer Heimat sagt, steht schon mit einem Bein bei Manufactum, wo er dann handgeschnarzte Federkiele kauft oder Pflanzgut für die Blickabdichtung des Vorgartens. Blickabdichtung, diesen Begriff habe ich mir ausgedacht, um zu zeigen, wie feindselig und abweisend die Heimatidee werden kann.

Reden wir über Duftkerzen

In dieser Hinsicht, glaube ich, wird es Seehofer schwer haben. Es wird viel Häme und schäbige Witze geben. Das Satiremagazin Titanic hat Seehofer unlängst aufs Titelblatt gesetzt, gemeinsam mit einem Affen, der Lederhose und Filzhütchen trägt. Abgesehen davon, dass das ein ganz unstimmiges Bild ist – der Affe weiß, was Heimat ist, dem man muss man nicht beibringen, was er an Borneo (Tundra? Uckermark?) hat –, müsste es nicht andersherum sein? Müsste man nicht eher, und ich gebrauche den Begriff jetzt bewusst mit brutalstmöglicher Ironie und Coolness, wie sie auf Großstadt-Partys praktiziert wird, wo die Leute statt einer Familie eine Tinder-Flatrate haben, müsste man nicht eher Menschenversuche mit Heimat machen? Also den Menschen versuchsweise nahebringen, dass Heimat mehr ist als Wagner, Söder, Knobelbecher? Knobelbecher, so könnte ein postmoderner Szenedrink heißen, gemischt aus Absinth, Altbier und Rentierblut. Falls ein Gastronom aus Berlin-Mitte das liest, bitte sehr, die Idee gehört Ihnen. Machen Sie was draus.

Ich glaube, es gibt einen Kniff, mit dem Seehofer das gut hinkriegen kann, die Vermittlung einer Heimatidee, und ich meine jetzt nicht die Landlust-Version von Zuhause, sondern etwas Tiefes, Zartes. Etwas, das Martin Walser empfindet, wenn er Hölderlin liest oder eine Opernbesprechung der NZZ.

Der Kniff lautet: Hygge. Hygge ist dänisch und heißt so viel wie behaglich, friedlich, gemütlich.

Die Dänen und Schweden gehören zu den glücklichsten Länder der Welt. Das wissen alle, die schon mal einen Ikea-Katalog durchgeblättert haben, und Hygge ist die Grundlage für dieses Wohlbefinden. Duftkerzen, selbst gemachte Lavendelsäckchen, Holunder sammeln im Wald. Dem Kuckuck lauschen und der Eule. Etwas basteln aus Moos, aus Kastanien. Ahornsamen in Propellerform ("Weißt du noch, wie Opa uns damit ein Luftangriffsmanöver erklärt hat?"). Marshmellows rösten am Lagerfeuer. Ein Schokoladenfondue. Ein Knobelbecher, randvoll mit Schlehenpunsch.

Zimt. Ganz viel Zimt.

Das ist Heimat in der Hygge-Version. Heimat ohne schwierige Leitkulturdebatte und Obergrenzen-Zwist. Sondern Heimat als Behaglichkeit. Heimat in ihrer reinsten, aus ätherischen Ölen und Tannenzapfen geformten Geborgenheit.

Ein Heimatministerium wird es schwer haben in diesem von Nach-Achundsechzigern, von Yogalehrern und Netflix-Guckern dominierten Land. Aber ein Hygge-Ministerium, das könnte gehen. Hygge ist modern und entspannt. Hygge ist genau das, was wir jetzt brauchen. Stéphane Hessel schrieb "Empört euch!". Jetzt muss es "Erholt euch!" heißen.

Das Wichtigste an Hygge ist, ich kann es gar nicht genug betonen, die Geborgenheit. Geborgenheit bedeutet Wärme, Schutz, Nähe in einer vor neoliberaler Kälte erschauernden Gesellschaft. Hans Mogel, Psyhchologie-Professor aus Passau, empfahl in Brigitte einen "Geborgenheitscheck": "Welche Menschen wärmen mich?", soll man sich fragen. Und: "Welche Menschen lassen mich frösteln?"

Anders gesagt: Wer ist Hygge, wer nicht?