Ich erinnere mich an Bruck, wir nannten es Brucklyn. Viele Hochhäuser. Beton. Graue Farben dominierten, aber es machte nichts, denn Sega und N64 waren bunt, und wenn wir nicht vor der Glotze zockten, saßen wir zwischen den windigen Hochhäuserritzen und hörten N.W.A und die Bravo Hits und spielten Flaschendrehen, aber ohne Zunge. Im Aufzug war hin und wieder ein Exhibitionist, aber dann beschlossen wir Kiddies, nicht mehr allein Aufzug zu fahren, wir waren ghettolektuell. Wenn es heiß war, radelten wir mit den gekauft-geklauten Fahrrädern ins Freibad und schmuggelten uns rein, um Geld für Pommes rot-weiß und Cola-Wassereis zu haben. 

Wir konnten aus fünf Happy-Meal-Figuren und einem Pappkarton Universen erschaffen, in denen wir selbst erdachte Superheldinnen auf unbekannten Planeten waren. Materiell gesehen waren wir alle arm, aber das wussten wir nicht. Wir sind nicht aus Brucklyn herausgekommen. Manchmal sind einige von den Kindern über Nacht verschwunden. Abschiebung. Nur deren Mütter kamen alle drei Monate zurück, um illegal in Privathäusern zu putzen, da das Überleben – dort unten, wie sie sagten – nicht möglich war.

Mateja Meded studierte an der Filmuniversität Babelsberg. Sie arbeitet als Schauspielerin. Zurzeit macht sie gerade ihren ersten Langfilm fertig, "Berlin Harlekin". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Hannes Caspar

Später gab es keine Hochhäuser mehr. Die erste normale Wohnung, sogar ohne Schimmel. Mit vierzehn das erste Mal ein eigenes Zimmer (auch ohne Schimmel) und der erste richtige Kuss inklusive intensivem Speichelaustausch auf der Handtuchwiesenbank. Diese Burgbergfrühlingsnachmittage waren die süßesten und bürgerlichsten. Irgendwann wollte ich mehr von Deutschland, und ich tat das, was in einer Beziehung getan werden muss, um Bettflauten zu umgehen. Ich zog nach Berlin, um wieder atmen zu können.

Deutschland und ich haben eine turbulente Liebesbeziehung, wir manövrieren uns gegenseitig durch gute wie schlechte Zeiten, aber wir würden unseren Status auf Facebook nie auf "in einer Beziehung" ändern. Manchmal frage ich mich, ob Deutschland etwas überfordert ist, weil ich zu schnell zu viel verlange, zum Beispiel, dass Deutschland hinschaut, auch wenn es wehtut.

Und es muss wehtun, Wachstum und Weiterentwicklung müssen sein, sonst riecht es schnell nach braunen Mottenkugeln, sonst entstehen Spannungen, die sich in negative Energien verwandeln, und daraus wird dunkle Materie, und das wiederum verwandelt sich in so etwas wie die Afd oder das Heimatministerium.

Wobei ich mir über die Schlechtigkeit des Letzteren gar nicht so sicher bin. Ich schaue mir auf YouTube – schließlich will ich mich in Toleranz üben, da ich es von dir auch erwarte, liebes Deutschland – ein Video von Andreas Scheuer an, bezüglich des Heimatmysteriums. Andi sagt, wir brauchen bessere Verbindungen zwischen Dörfern und Städten.

Damals, als ich nicht auf dem Dorf, sondern in den Hochhaussiedlungen Brucklyn oder Neuperlach gewohnt habe, fuhr immer ein Bus alle zehn Minuten in die Innenstadt. Aber was sollte ich außerhalb Brucklyns, ich kannte niemanden, und in der Stadt konnte ich mir nichts leisten, sogar die Capri-Sonne war original und doppelt so teuer. Ich war in einer anderen Gesellschaftsklasse als die Leute, die sich in der Innenstadt aufhielten und wohnten. Die wichtigste Verbindung zwischen Dörfern, Städten, Hochhaussiedlungen, Ost- und Westdeutschland wären Dialoge. Denn die Differenzen sind nicht nur im Kopf, sondern auch im Geldbeutel.