Meine Oma ist an Darmkrebs gestorben, ich war damals fünf Jahre alt. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie sie über ihre Erkrankung gesprochen hat, ich weiß nur, dass sie große Angst hatte – zumindest wurde es mir später so erzählt. Ich kann mir auch vorstellen, dass sie gar nicht viel über den Krebs geredet hat, vermutlich um ihren Mann, meinen Opa, und ihre Kinder nicht zu belasten.

Nach ihrem Tod sagte mein Opa, wenn er die Krankheit gehabt hätte, hätte er gekämpft. Das war natürlich kein wirklicher Vorwurf an sie, er war einfach traurig und musste den Tod seiner Frau verarbeiten. Trotzdem hat sich dieses Bild, die implizite Anschuldigung  – "da hat sich jemand nicht genug angestrengt" – in meinem Kopf festgesetzt.

Stella Hombach hat Kulturwissenschaften studiert und arbeitet als Redakteurin für das Onlinemagazin "Ihre Gesundheitsprofis" in Berlin. Nebenbei schreibt sie auch für Medien wie "Spiegel Online" oder den österreichischen "Standard". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Tatsächlich sind bestimmte Sprachbilder in Bezug auf Krebs nicht selten. Sprechen wir über die Krankheit, geht es oft um "bösartige" Zellen, die ungehemmt in uns "wachsen" und "wuchern". Manchmal sind die Tumore gar "invasorisch". Das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg bezeichnet Krebszellen als "gefährliche Schläfer" – als seien sie Terroristen, die nur darauf warten, uns anzugreifen. Der ehemalige US-amerikanische Präsident Richard Nixon rief die Wissenschaft 1971 gar zum "war on cancer" auf – zum Krieg gegen den Krebs. Die martialische Art, wie wir über die Krankheit sprechen, bestimmt nicht unwesentlich, wie wir sie erleben.

Erfahren wir Krebs als "Angriff" und einen Tumor als etwas, das "bekämpft" werden muss, heißt das im Umkehrschluss, dass die Krankheit bekämpft werden kann. Die Botschaft: Wer stark genug ist, kann den Krebs besiegen, wer die Krankheit am Ende überlebt, ist ein "survivor". Zu wissen, dass man gegen die "Tumorherde" in sich etwas ausrichten kann, macht tatsächlich vielen Betroffenen Mut, gibt ihnen ein Stück Handlungsfähigkeit zurück, zeigt ihnen, dass sie der Erkrankung nicht hilflos ausgeliefert sind: Denn ein Mensch, der "kämpfen" kann, ist nicht wehrlos.

Doch Menschen sind unterschiedlich – genau wie die Erkrankung in all ihren Erscheinungsformen. Meine Oma war eine sehr ruhige Person. Sie war ein Familienmensch, aufopferungsvoll, stellte ihre Bedürfnisse oft hintenan, wollte, dass es ihrem Mann und ihren Kindern gut geht. Gab es in der Familie Streit, war sie die stille Vermittlerin. Den Krebs in ihrem Darm zu "bekämpfen", entsprach nicht ihrem Naturell. Was sie suchte, war der Ausgleich und ja, die Harmonie. Nicht jeder, der an Krebs erkrankt, will geschweige denn kann kämpfen. Ein Satz wie "Er ist dem Krebs erlegen", schreibt Susan Sonntag schon in ihrem Essay Krankheit als Metapher, wird zum moralischen Urteil: Da hat sich jemand nicht richtig "gewehrt".

Hier kommen unsere sprachlichen Traditionen ins Spiel. Krebs ist ein abstrakter Begriff. Wir können die Tumorzellen, die sich mitunter rasant im Inneren des Körpers teilen, nicht greifen. Wir können sie weder berühren noch riechen noch sehen – und gerade zu Beginn der Krankheit verursachen Tumore selten Schmerzen. In der Konsequenz gibt es auch keine gemeinsame, einheitliche Interpretation davon, was der Begriff "Krebs" genau bedeutet und mit welchen Bildern wir uns die Erkrankung wirklich verständlich machen könnten.