Die Menschen sind die Teile eines einzigen Körpers, die alle aus einem Stoff geschaffen worden sind / Wenn ein Teil dieses Körpers leidet, werden sich auch die anderen Teile unwohl fühlen / Du, der mit dem Leid deiner Mitmenschen gleichgültig umgehst, verdienst nicht, Mensch genannt zu werden.

Diese Zeilen gehören zu den berühmtesten der persischen Literatur. Saadi schrieb sie vor über 700 Jahren. Mein Großvater brachte sie mir bei, als ich sechs war. Im Keller unseres Hauses während der Stromausfälle und der langen dunklen Nächte des Krieges lernte ich sie auswendig. Ich stellte mir vor, dass alle Menschen zum Körper eines einzigen, riesigen Menschen gehörten. Der riesige Mensch war die Menschheit. In meinem sechsjährigen Kopf bestand dieser Menschheitskörper aus allen Menschen in Teheran und Umgebung. Ganz oben auf dem Kopf der Menschheit saß meine Familie. Ich saß zwischen meinem Vater und meiner Großmutter, also ungefähr auf der Stirn der Menschheit. Je älter ich wurde, desto größer wurde der Körper der Menschheit und es kamen viele andere Städte und Länder hinzu, sodass ich im Gymnasium nur noch eine kleine Zelle irgendwo an der Ferse der Menschheit war.

Meine ersten hellklaren Kindheitserinnerungen sind mit dem Krieg verbunden. Mit dem Ersten Golfkrieg, der schon begonnen hatte, bevor ich zur Schule ging. Ein Krieg wie eine zähe Ewigkeit. In der Schule war Krieg Thema Nummer eins. Eine meiner Mitschülerinnen aus der zweiten Klasse sagte einmal voller Freude: "Ich habe gezählt. Bis jetzt hat der Irak 50 Raketen und Bomben auf uns geworfen. Bald sind seine Bomben aus. Dann ist der Krieg vorbei."

"Es wäre schön, wenn das wirklich so wäre. Aber wenn die Bomben alle sind, dann werden neue gekauft", sagte unsere Lehrerin.
"Kaufen wir auch neue Waffen?", fragte ich.
"Uns will kein Land Waffen verkaufen", sagte die Lehrerin.
"Können wir nicht selber Waffen produzieren? Wir haben doch so viel Öl!", fragte meine Mitschülerin.

"Waffen zu produzieren ist schwer. Mit dem Öl können wir höchstens unsere Häuser heizen. Denn wir gehören zur Dritten Welt. Nur Industrieländer sind in der Lage, Waffen zu produzieren. Solange Waffen hergestellt und verkauft werden, wird es immer Kriege geben. Seid froh, dass ihr Mädchen seid. Denn während ihr jetzt in der Schule sitzt, sind viele Jungs in eurem Alter an der Front."

Ayeda Alavie ist eine iranische Autorin, Lyrikerin und Übersetzerin, die seit dem Jahr 2000 in Deutschland lebt. Im Iran hat sie zahlreiche literarische Texte für Kinder und Jugendliche verfasst und illustriert. Seit 2017 übersetzt und schreibt sie für den Hagebutte Verlag, der zeitgenössische deutsch- und persischsprachige Literatur verlegt. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8".

An diese Worte unserer Lehrerin denke ich sehr oft. Es waren tatsächlich Männer, die in jedem Alter im Krieg kämpften. Frauen zogen erst später freiwillig an die Front.

Vor jedem Luftangriff ertönte der rote Alarm. Er wurde innerhalb des acht Jahre dauernden Golfkriegs zu einem Todesruf, präsenter als der Gebetsruf. Zu hören waren eine laut tickende Uhr und die ernste Stimme eines jungen Mannes: "Achtung! Achtung! Das Zeichen, das Sie gleich hören werden, bedeutet Gefahr und die rote Situation. Es wird einen Luftangriff geben. Bitte verlassen Sie Ihre Arbeit und gehen Sie zum Fluchtort!" Danach kam der rote Alarm. Er ähnelte einem atemlosen, lauten, langen Schrei. Er wurde immer lauter. Unheimlicher. Immer atemloser vor lauter Schnelligkeit. Alle unterbrachen ihren Alltag und versuchten, innerhalb von drei Minuten in den Keller zu gelangen. Irgendwann war der rote Alarm aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Jedes Mal dachte ich: Jetzt ist unser Haus dran. Das Leben könnte jetzt zu Ende gehen.

Die Sirenen meldeten sich oft in der Nacht. Unter den Alptraumschatten wirkten sie dunkelrot. Niemand durfte das Licht anmachen, sonst hätte der Tod die Lichter gelöscht. Nicht mal eine Zigarette durfte während der nächtlichen Luftattacken angezündet werden. Was für ein Glück, dass in unserem Hof keine Glühwürmchen leben, dachte ich oft. Im Keller, als wir alle zusammen auf den möglichen Tod warteten, rezitierten Großvater und die alten Nachbarn, die kaum noch laufen konnten, die Gedichte von Saadi, Rumi und Hafis. Als ob die Gedichte heilige Worte an unserem Sterbebett wären.

Kurz nach dem roten Alarm blitzte und donnerte es und der Tod in seinem Feuerkostüm warf sich schreiend auf die Erde und nahm das Leben unbewaffneter Menschen.