Vor einigen Wochen berichtete Emilia Smechowski im Süddeutsche Magazin über einen Selbstversuch, den sie im Auftrag der Redaktion durchgeführt hatte: Sexisten direkt zur Rede stellen. Sobald eine Situation als übergriffig verstanden werden könnte, sei es eine Geste oder ein unangemessen sexualisiertes Kompliment, sollte sie den betreffenden Mann direkt konfrontieren. In ihr Experiment bezog Smechowski nicht nur spontane Begegnungen ein, sondern stellte auch einen Kollegen zur Rede, der ihr bei einer schon länger zurückliegenden Feier einen Zungenkuss aufgezwungen hatte.

Ich habe diesen Bericht mit einer eigenartigen Neugier gelesen, die weit hinausging über das allgemeine Interesse daran, was eigentlich geschieht, wenn der ungeschriebene Vertrag, sexualisierte Situationen nicht als solche zu benennen, gebrochen wird. Meine Neugier hatte zusätzlich einen ethnologischen Hintergrund: Wie wirkt männliche Anmache auf eine heterosexuelle Frau? Was passiert solch einer Frau eigentlich im täglichen Leben?

Wir lesbischen Feministinnen reden zwar in der #MeToo-Debatte mit, als wüssten wir, worum es geht. Aber wissen wir das wirklich? Selbstverständlich geht #MeToo uns alle an. Alle Frauen teilen ähnliche Erfahrungen, und natürlich widerfährt auch Lesben und Queers Sexismus. Auch wir erleben Angestarrtwerden in der U-Bahn, Hinterhergepfeife, dumme Bemerkungen und mehr oder weniger gelungene Schmeicheleien.

Andrea Roedig, geboren in Düsseldorf, lebt als freie Publizistin in Wien und ist Mitherausgeberin der Literatur- und Essayzeitschrift "Wespennest". Von 2001 bis 2006 leitete sie in Berlin die Kulturredaktion der Wochenzeitung "Freitag". 2015 erschien ihr Buch "Bestandsaufnahme Kopfarbeit" (zusammen mit Sandra Lehmann) im Klever-Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Alexandra Grill

Das war es dann aber auch. Denn trotz einiger homosexueller Fälle, wie etwa der Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Kevin Spacey, geht es im Kern der Debatte ja darum, wie, warum und wozu Männer Frauen angraben. Seit ich mich als lesbisch definiere – beziehungsweise als zu rund 90 Prozent nicht heterosexuell –, erfahre ich solche Anmachen wesentlich seltener. Vermutlich, weil ich ein gewisses Mann-Frau-Spiel gar nicht zulasse. Ich lächele nicht mehr so lieb, nur weil ein Mann spricht, höre weniger bereitwillig langatmigen Ausführungen zu, trage kaum Röcke. Wenn eine Besprechung mit einem männlichen Vorgesetzten ansteht, kleide ich mich so, dass ich nicht in die klassische Frauenrolle geraten kann. Trage ich doch ein Kleid, passiert Unglaubliches: Mir wird (vor allem in Wien) der Stuhl herangerückt, in den Mantel geholfen – plötzlich ist ein ganz anderes Verhaltensrepertoire aufgerufen, in dem ich mich mittlerweile fremd fühle. Das Spiel nicht zuzulassen heißt: es nicht wahrnehmen, nicht darauf reagieren. Eine meiner lesbischen Freundinnen kann sogar gefahrlos Röcke anziehen, sie hat so wenig Gespür für das Interesse von männlicher Seite, dass sie selbst einen vor unseren Augen masturbierenden Spanner ignorierte. Er war für sie einfach nicht da.

Alle Sozialverhältnisse sind gegendert und daher sozusagen kryptosexualisiert. Geschlechtsgleichheit (als erotische Solidarität) oder Geschlechterdifferenz (als potenzielle erotische Anziehung) sind gesellschaftliche – hm, nun ja – Schmiermittel. Man könnte Edmund Husserls Begriff der Protentionalität verwenden, um das zu beschreiben. Jede erlebte Gegenwart, so sagt Husserl, greift aus in die Zukunft, sie trägt einen Horizont an Erwartungen und Möglichkeiten in sich. Eine gewisse erotische Protentionalität (die Husserl natürlich nicht im Sinn hatte) macht den Kick, die Schönheit und den Charme der meisten sozialen Situationen aus und erleichtert das Gespräch. Dabei muss eine Situation gar nicht erotisiert sein, um dennoch so zu wirken. Es muss nichts passieren, aber es könnte. Für Lesben, Queers oder alle Personen, die nicht ins klassisch-heterosexuelle weibliche Schema passen, beginnt hier schwieriges Gelände: Das Desinteresse am männlichen Interesse kann wirken wie eine unüberwindbare Mauer. Etwas fehlt, es knirscht im Gebälk. Begegnungen bleiben auf unsagbare Weise leicht irritiert und ungelenk.

Ich frage mich, was schlimmer ist: in einem Machtgefälle sexualisiert angemacht zu werden von einer Person des Geschlechts, das man begehrt, oder von einer des falschen Ufers. Einmal bin ich von einer lesbischen Chefin zu einem leicht schwülen Kaffeetrinken eingeladen worden, und was da in der Luft lag, war gar nicht schön. Vielleicht geht bei unerwünschten Avancen vonseiten des prinzipiell "passenden" Geschlechts die Scham sogar tiefer.