Mit dem Schlamm fängt es an. Schlamm, durch den man mit Gummistiefeln watet. Baustellenschlamm. Und viele offene Kanaldeckel, in die kleine Hunde sehr schnell hineinfallen könnten, die im ganzen Neubaugebiet am Rande von Bukarest herumstreunen. Der Schlamm ist durchaus bildlich zu verstehen: Hier ist es schwer, vorwärts zu kommen.

Cristina ist 32 Jahre alt, sie arbeitet als Übersetzerin in einer rumänischen Baufirma, deren Partnerunternehmen in Spanien sitzt. Viel zu übersetzen hat sie aber nicht, ihre Arbeit besteht vor allem daraus, Zahlen in Excel-Tabellen einzugeben und Druckerpapier zu sparen. Da kommt es schon einmal vor, dass einer ihrer Kollegen zwei Stunden Mittagspause macht. Als Bogdan zurückkommt, erkundigt er sich, ob jemand in der Zwischenzeit nach ihm gefragt hat. "Ich nicke ihm ein Nein zu, er schickt mir einen Luftkuss, und ich fühle mich gut, da ihn niemand gesucht hat, so als ob das eines meiner Verdienste wäre." 

Ihr Traumjob ist diese Stelle nach ihrem Literaturstudium ganz bestimmt nicht, auch wenn sie die meisten Kriterien dessen erfüllt, was man in Bukarest unter Traumjob versteht: Das für die Verhältnisse gute Gehalt wird in den meisten Monaten pünktlich ausgezahlt. Momentan wird ein Gartencenter gebaut. Cristina will wissen, wie es auf der Baustelle aussieht. Ob sie ernsthaft daran interessiert ist oder vor allem der anspruchsvollen Chefin gegenüber guten Willen zeigen möchte, weiß sie, so scheint es, selbst nicht genau. Sie stapft durch den Schlamm und beobachtet das Geschehen mit Befremden.

Klischees von Osteuropa

Dieser erste Roman der 1983 geborenen Autorin Lavinia Braniște ist ein Buch über die Gewissheit, dass der Job, den man nicht leiden kann, eigentlich ein guter Job ist. Ein Job, den man nicht leichtfertig aufgeben sollte, auch wenn Cristina die Ahnung beschleicht, dass, wenn sich nicht bald etwas ändert, die großen Ereignisse in ihrem Leben die Krankheiten sein werden, die sie irgendwann bekommt. Also vielleicht doch woanders hingehen, nach Budapest wie ihre Freundin Otilia, die dort in einem Callcenter arbeitet? Nach Deutschland? Oder doch nach Spanien, wo ihre Mutter seit sie denken kann im Tourismusgewerbe arbeitet und nur selten nach Rumänien zu Besuch kommt. Dann steckt sie ihrer Tochter Euros zu, sie ist der Schutzengel in ihrem Leben, ihre persönliche Krankenversicherung.  

Auch die Autorin Lavinia Braniște ist bei ihren Großeltern aufgewachsen, weil ihre Mutter im Ausland war, ihr hat sie das Buch gewidmet. Es ist bezeichnend, dass dieser Roman über die gegenwärtige Arbeitswelt, der zu einem Großteil im Büro spielt, eigentlich von der Liebe zwischen Mutter und Tochter erzählt. Ganz beiläufig ist die Geschichte von Cristina und ihrer Mutter außerdem eine Illustration der These, die der serbisch-amerikanische Ökonom Branko Milanović in den letzten Jahren wiederholt vorgebracht hat: Migration ist die effektivste Form der Entwicklungshilfe. Das Geld, das die Menschen, die zum Arbeiten in die reichen Länder Europas gehen, an ihre Angehörigen schicken, kommt dort an, wo es gebraucht wird. Ohne dass es auf halbem Wege versickert wie die Millionen, die in das Baugewerbe, in Infrastruktur und Gebäudedämmung fließen.

Die Autorin Lavinia Braniște gewann 2016 den Preis "Nepotul lui Thoreau" für den besten rumänischen Roman. © Adi Bulboacă

Die allgegenwärtige Korruption ist aber nur eines der Klischees von Osteuropa, zu denen der Roman diejenigen detaillierten Beobachtungen liefert, die Klischees vielleicht zugrunde liegen, ihnen aber auch zuwiderlaufen. Als Cristina mit ihrer Fernbeziehung, einem schweigsamen Typ, in einer rumänischen Kleinstadt durch Zufall in eine Demonstration einer rechtsextremen Partei gerät, scheint er sichtlich daran interessiert. Auf ihre ungläubige Frage, ob er echt ein Nationalist werden wolle, antwortet er ohne jede Ironie: Na, er versuche es zumindest. So überraschend und lebendig – und lustig – sind die Dialoge, dass man wieder einmal denkt, Realismus ist eigentlich die irrsinnigste Form, die Realität abzubilden.

Der Roman ist das erste Hardcover-Buch im Mikrotext-Verlag. Seit fünf Jahren verlegt Nikola Richter E-Books von jungen Autorinnen und Autoren, die ihre Texte eigentlich vor allem im Internet und auf Facebook veröffentlichen: Stefanie Sargnagel, Aboud Saeed, Puneh Ansari. Dass es an manchen Stellen im Buch Layoutfehler gibt, muss diesem Buch unbedingt nachgesehen werden. Den großen Verlagshäusern wären diese Fehler nicht passiert, sie sind aber auch nicht auf den Gedanken gekommen, dieses Buch zu machen. Das ist der größere Fehler.

Lavinia Braniște: "Null Komma Irgendwas". Aus dem Rumänischen von Manuela Klenke. Mikrotext, Berlin 2018. 288 Seiten, 21,99 € Hardcover, 12,99 € E-Book.