Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir die Ohren, im Gegensatz zu den Augen, nicht einfach zukneifen können. Gehört wird, was gehört werden muss, also nahezu alles, und irgendwo im Kopf muss irgendeine völlig überarbeitete Schaltzentrale unentwegt Unterscheidungsarbeit leisten zwischen sinnlosem und sinnvollem Geräusch. Besonders sinnlos ist ein Geräusch dann, wenn es keine Bedeutung hat und trotzdem nicht aufhört. Wenn das Geräusch also konstant und monoton vor sich hin rauscht. Rauschen ist Störgeräusch oder ein Warnsignal. In den allermeisten Fällen rauscht es, weil etwas kaputt ist, in den seltensten Fällen, weil ein Meer in der Nähe ist oder wenigstens eine Autobahn.

Weil die Lösung eines Problems aber meistens im Problem selbst zu finden ist, gibt es einen Trick: Störgeräusche lassen sich ausblenden, indem man sich Kopfhörer aufsetzt und Rauschen anhört. Das ist Pink Noise, und Pink Noise ist die Lösung aller Probleme. Aller Konzentrationsprobleme zumindest.

Es gibt White Noise, Pink Noise, Brown Noise, auf YouTube zehn oder zwölf Stunden am Stück. Hat man erst einmal die algorithmische Hemmschwelle durchstoßen und oft genug nach irgendwelchem Noise gesucht, bekommt man von YouTube auch rotes, blaues, violettes Rauschen vorgeschlagen, und zwar super deepsmoothed oder remastered. In Full-HD-Stereo, versteht sich von selbst.

Ältere Damen im Stroboskopgetöse

Weißes Rauschen heißt so, weil die Frequenzen, aus denen es besteht, vom menschlichen Ohr als strahlend hell wahrgenommen werden, ähnlich wie das ebenfalls aus allen Spektralfarben zusammengesetzte weiße Licht. Das Knistern von Wunderkerzen wäre die positive Beschreibung von White Noise, ein unablässiger Regen aus Reißzwecken die etwas weniger schmeichelhafte.

Weil White Noise ziemlich grell klingt, gibt es Pink Noise, eine Frequenzmischung, die ausgewogener klingt und auch dem Rauschen näher kommt, das man aus der Natur kennt, Brandung zum Beispiel. Etwas düsterer wummert braunes Rauschen vor sich hin. Wer von Flugzeugkabinen auf Langstreckenflügen entweder schläfrig wird oder nervös, kann noch tiefere Frequenzen ansteuern, einen Sound mit U-Boot-Ähnlichkeit zum Beispiel, unbeirrbares Dröhnen in der Tiefsee, die ideale Daseinsform in einem Großraumbüro.

Manche Menschen wie der Schriftsteller Clemens J. Setz behandeln mit dem Rauschen ihren Tinnitus, nachzulesen ist das in seinem neuen Buch Bot. Gespräch ohne Autor. Bei Labormäusen verringert die Beschallung mit Licht- und Schallfrequenzen die Eiweißablagerungen auf Nervenzellen, die als Ursache für Alzheimer gelten. In der Zukunft werden wir vielleicht alle wie ältere Damen beim Friseur unter Stroboskopgetöse sitzen und uns vom rosa Rauschen den Belag auf den Synapsen wegschrubben lassen. Pink Noise als akustisches Scheuermittel für den Kopf.

Ob man in dem Rauschen einen klassischen Wasserfall erkennen will, einen endlosen, behaglichen Platzregen oder – ganz angenehm, wenn es nicht nur an Konzentration sondern auch an Motivation mangelt – aufbrandenden Applaus, bleibt der eigenen Vorstellungskraft überlassen. Und genau das ist das Großartige daran. Anstatt den abtrünnigen Teil des Gehirns, der sich gerne mit Quatsch beschäftigen möchte, gewaltsam zur Konzentration zu zwingen, als wäre der Kopf eine Stabtaschenlampe, die man als punktförmig gebündelten Lichtstrahl beliebig auf einen Gegenstand richten könnte, kann man ihm einfach eine angenehme Art der Ablenkung bieten. Ein gleichförmiges, sanftes Rauschen, an dem die Vorstellungskraft, während man sich anderen Dingen widmet, stundenlang herumrätseln kann.