Elektromotoren sollen die Autoindustrie retten, optimierte Rundfunkbeiträge die europäische Medienlandschaft. Zwei Beispiele für die dramatische Verkürzung nötiger Diskurse. Wir müssen den Mut haben, Mobilität neu zu denken, wenn der Mensch in seiner Umwelt eine Zukunft haben will. Und wir müssen den Mut haben, Medien – insbesondere öffentlich-rechtliche Medien – neu zu denken, wenn wir am Ideal einer offenen, demokratischen Gesellschaft festhalten wollen. Wie sich das eine Problem nicht allein durch Einführung batteriebetriebener Autos erledigt, löst sich das andere nicht allein durch die Anpassung der Rundfunkgebühren.

Die Debatte über die öffentlich-rechtlichen Medien hat sich längst in Europa verbreitet. Am Sonntag wird die Schweiz über die Abschaffung der Rundfunkgebühren und somit über die Zukunft ihrer Rundfunkanstalt abstimmen. Die wichtigste Frage ist allerdings nicht die nach einer solidarischen Finanzierung öffentlich-rechtlicher Medien in Zeiten von Social Media und Onlinestreaming, sondern, wie Medien und Kommunikation in den Gesellschaften des 21. Jahrhunderts überhaupt organisiert sein sollen. Geld ausgeben oder Geld sparen? Da hat jeder schnell eine Meinung. Und obwohl in Deutschland verfassungsmäßig keine Abschaffung der Gebühren per Referendum möglich ist, sind die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ein leichtes Ziel gesellschaftlich Unzufriedener.

Markus Heidmeier ist Co-Geschäftsführer der Kooperative Berlin. Er gestaltet Veränderungsprozesse für öffentliche Einrichtungen, Non-Profit-Organisationen sowie privatwirtschaftliche und öffentlich-rechtliche Medienhäuser. Er gehört zu den Initiatoren eines Thesenpapiers von 40 Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft, die sich 2017 mit einem Innovationsaufruf für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk an die Ministerpräsidenten wandten. © privat

Dieses Unbehagen verbindet sich mit der Erosion gesellschaftlicher Institutionen, einer oft beschworenen Entfesselung des Kapitals und einer allgemeinen Entsolidarisierung. Hinzu tritt eine technologische Dynamik, die unseren Alltag bereits heute stark beeinflusst. Perspektivisch werden Algorithmen, Roboter und künstliche Intelligenz nicht nur Mobilität und Medien verändern, sondern tiefe Spuren in unserer Gesellschaft und unserem Menschenbild hinterlassen. Und genau um diesen Prozess zu begleiten, brauchen wir ein öffentlich-rechtliches Medienangebot. In einer vollständig privatisierten Medienwelt würden Finanzmacht und Innovationskraft globaler Technologiekonzerne dafür sorgen, dass wir schon bald in 80 Millionen deutschen Filterblasen und irgendwann in acht oder zehn Milliarden weltweiten Echokammern leben. Ist das wünschenswert?

Es geht nur noch um Sicherung

Da Demokratie schon immer ein technologiegetriebenes Projekt war, müssen wir also auch über Technologie sprechen, wenn wir über die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Medien nachdenken. Zeitung, Radio und schließlich Fernsehen haben lange für eine Basis an Gleichzeitigkeit und Verbindung innerhalb der Gesellschaft gesorgt. Die Ereignisse der Zeit waren anschlussfähig für ein großes Publikum. Machtvolle Algorithmen hingegen können künftig nicht nur für optimierten Straßenverkehr sorgen, sondern auch für ein optimiertes Aufmerksamkeitsmanagement. Jede und jeder bekommt in seinen Kommunikationsstreams genau das, was zu ihr und zu ihm passt. Aber was genau soll das sein? Sind es Inhalte und Kommunikationsanlässe, die Aufmerksamkeit möglichst lange binden, während möglichst viel Werbung angezeigt und vor allem viele Daten aus den Nutzerprofilen geschürft werden? Oder geht es vor allem darum, den Nutzern eine Mischung aus passenden und relevanten Inhalten und Kommunikationsanlässen zu bieten?

Öffentlich-rechtliche Medien sind für unsere Demokratie systemrelevant, sie müssten nur strukturell und angebotsseitig ganz anders aussehen. Dass Veränderungen hier so schwerfällig vonstattengehen, ist das größte Problem der zukunftsträchtigen Neuausrichtung. Der Auftrag öffentlich-rechtlicher Medien ist in den vergangenen Jahrzehnten identisch geworden mit der Sicherung des Systems, das diesen Auftrag wahrnimmt: Wir brauchen sie, deshalb muss alles beim Alten bleiben. Ein Apparat aus überkomplexen Strukturen, intransparenten Prozessen, fragwürdigen politischen Verflechtungen und nicht zuletzt Spitzenjournalisten in Managementrollen leidet nun unter Innovationsblockaden, mittelmäßigen Angeboten, sinkender Akzeptanz in der Bevölkerung und dadurch wiederum an den Debatten über das System, das er sichern sollte.

Wie also könnte eine Vision für öffentlich-rechtliche Medien im 21. Jahrhundert aussehen? Es geht nicht ohne die grundsätzliche Erneuerung des Auftrags ohne Rücksicht auf Systemlogiken. Dieser neue Auftrag sieht neben einem Informationsgebot auch ein Innovationsgebot vor. Aus dem Innovationsgebot leitet sich zwangsläufig ein Technologie- und damit ein Investitionsauftrag (beispielsweise in kooperierende Start-ups) ab.