Für eine Nutzerin, einen Nutzer öffentlich-rechtlicher Medien ist der tägliche Mehrwert entscheidend. Er oder sie möchte nicht aus Rücksicht auf innenpolitische Zwänge der föderalen Medienorganisation zehn verschiedene Mediatheken oder zwanzig verschiedene News-Apps durchklicken. Er oder sie möchte erreicht werden. Netflix und Amazon, Facebook und Apple wissen bereits, wie das geht.

Alle großen Anbieter im Netz suchen den direkten Kontakt zum Publikum und sammeln Mailadressen und Telefonnummern, legen Nutzerprofile an und bieten smarte und personalisierte Angebote – nebenbei betreiben sie einen lebhaften Handel mit den Daten. Die Nutzer sind die Ware. Im Gegensatz dazu könnten öffentlich-rechtliche Anbieter ihre Glaubwürdigkeit durch ihre Non-Profit-Struktur nutzen, um verlässliche, smarte und nicht auf Datenhandel basierende Angebote zu machen. Diese Angebote müssten dabei immer nachgefragte Inhalte und eine Zugabe aus relevanten Nachrichten integrieren.

Längst könnten heutige Reichweiten genutzt werden, um eine öffentlich-rechtliche Community aufzubauen. Die so organisierte digitale Reichweite müsste perspektivisch natürlich auch Dritten zur Verfügung stehen, wie zum Beispiel dem Goethe-Institut oder der Bundeszentrale für politische Bildung oder sogar einem Zeitungsverlag. Auch das wäre Public Value: nicht nur smarte und adäquate Angebote, sondern auch Plattformen und Reichweiten für die Inhalteanbieter der offenen Gesellschaft. Der Zugang zu diesen Strukturen könnte über repräsentative Gremien, wie sie die Rundfunkräte ja eigentlich sein sollen, organisiert werden.

Warum geschieht das nicht? Ein Machtgefüge aus Politik, Intendanten und Verfassungsgericht hat über Jahrzehnte das öffentlich-rechtliche Mediensystem stabilisiert und damit strukturelle Innovation unmöglich gemacht. Da geht es um Realpolitik, um die Machttektonik der Republik. Die Akteure wissen bis heute sehr genau, dass jede grundsätzliche Frage an das System die Gefahr in sich birgt, das System nicht zu verändern, sondern gleich abzuschaffen. Diese Existenzangst lauert hinter allem. Wir müssen sie ernst nehmen. Nur wird das allein nicht helfen, die bevorstehenden epochalen Herausforderungen zu meistern.

Trotz aller äußeren Bedrohungen genießen die Öffentlich-Rechtlichen ungeheuer viele Vorteile, die sie für sich und im Sinne der Allgemeinheit nutzen können: ein gigantisches Budget, enorme Reichweiten und einen Zeithorizont von etwa zehn Jahren, bis diese Reichweiten stark einbrechen werden.

Die Beharrungskräfte sind enorm

Es muss jetzt losgehen, es braucht erste Entwürfe für eine neue Vision bis 2020. Medienpolitiker müssen zum Handeln gezwungen werden. Ein interdisziplinäres Board aus Wissenschaftlerinnen, Systemfunktionären, Rundfunkräten, Politikerinnen und Vertretern der Zivilgesellschaft muss eingesetzt werden, das diesen Erneuerungsprozess entwirft und steuert und alle nötigen Mandate dazu erhält. Dieser Erneuerungsprozess darf weder dem öffentlich-rechtlichen System noch der Politik überlassen bleiben. Das Board muss den öffentlich-rechtlichen Auftrag neu definieren, und auch, wie Rechenschaft und Kommunikation gegenüber dem Publikum gewährleistet werden. Das Ergebnis muss in einen neuen Gesellschaftsvertrag einfließen, der jährlich erneuert wird.

Nähmen wir nur ein Promille des aktuellen Budgets von acht Milliarden Euro, verfügten wir über acht Millionen jährlich, um Regionalkonferenzen, Town Hall Meetings mit Spitzenfunktionären, Studien, Workshops und Entwicklungscamps mit Zielgruppen zu finanzieren. Gleichzeitig braucht es erste Pilotprojekte jenseits der Systemlogik. Nähmen wir ein Prozent des Acht-Milliarden-Budgets, hätten wir jährlich 80 Millionen Euro, die an interne oder externe Start-ups und journalistische Non-Profit-Projekte ausgeschüttet werden könnten.

Alles denkbar, aber woran wäre zu erkennen, ob dieser grob skizzierte Weg Erfolg hatte? Wenn sich die Debatte über die Öffentlich-Rechtlichen in den kommenden fünf Jahren vom Lamento über den Beitrag oder die alten Strukturen zur Diskussion über den Auftrag verlagert, ist schon viel gewonnen. Die Realität aber wird höchstwahrscheinlich anders aussehen. Wie schon der Dieselskandal zeigt: Die Beharrungskräfte großer Systeme sind enorm.

So bleiben am Schluss drei Szenarien. Das Katharsismodell, in dem die No-Billag-Initiative Erfolg hat, die AfD in deutsche Landesregierungen einzieht und die Anstalten zur Bewegung gezwungen werden. Das Bastelmodell, in dem alles bleibt, wie es ist, ergänzt durch einige kosmetische Anpassungen, was dann spätestens 2030 zur Todesstarre führt. Und schließlich das Diskursmodell, in dem die Stimme der Zivilgesellschaft lautstarken Druck auf Politik und System aufbaut. Das ist nicht viel. Aber besser als nichts.

In jedem Fall ist fundamentale Kritik am System der öffentlich-rechtlichen Anstalten unerlässlich, um sie zukunftsfähig zu machen. Überlassen wir die Kritik nur nicht denen, die sie nutzen wollen, um ein illiberales Gesellschaftsmodell zu etablieren. Das Ziel muss sein, den öffentlich-rechtlichen Verbrennungsmotor auszuwechseln gegen ein Medienangebot, aus dem ein überzeugtes Publikum täglich neue Energie zieht, um diese Gesellschaft demokratisch zu formen. Nur eine harte Auseinandersetzung wird uns dabei helfen, eine lebenswerte Zukunft zu gestalten, die nicht von regressiven Strömungen und Technologiekonzernen beherrscht wird.