In den vergangenen Tagen zirkulierten zwei repräsentative Umfragen zum Verhältnis der deutschen Bevölkerung zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die eine, in Auftrag gegeben von der Funke Mediengruppe (Berliner Morgenpost, Hörzu), ergab, dass gerade einmal 55 Prozent der Bürger gegen eine Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind. Laut der anderen Umfrage (Auftraggeber: WDR) halten 83 Prozent die Anstalten für "nicht verzichtbar". Auch wenn man weiß, dass es bei Umfragen immer darauf ankommt, wer sie in Auftrag gegeben hat und wie die Fragen gestellt werden, ist das ein bemerkenswerter Unterschied.

Sollte der realistische Stimmungswert hierzulande in der Mitte liegen – bei 69 Prozent –, käme man einem Ergebnis nahe, das am Sonntag der Volksentscheid in der Schweiz erbracht hat. 71,6 Prozent der Abstimmungsteilnehmer sprachen sich gegen einen Verfassungsänderungsvorschlag aus, der es dem öffentlichen Rundfunk untersagen wollte, Empfangsgebühren zu erheben. Die öffentlich-rechtlichen TV- und Radiosender hätten dann ihren Betrieb eingestellt, entsprechende Abwicklungsszenarien waren vorbereitet.

Sendeanstalten in ganz in Europa hatten gespannt die Debatten beobachtet, die während des Schweizer Abstimmungskampfs geführt wurden. Ein so deutliches Ergebnis aber hatten selbst notorische Optimisten nicht erwartet. Peter Frey, der Chefredakteur des ZDF, sagt nun zu ZEIT ONLINE: "Die Abstimmung in der Schweiz ist auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland eine Ermutigung. Die Schweizer haben sich nicht von einer Verleumdungskampagne täuschen lassen." Es sei klar geworden, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk dort "für die Gesellschaft leistet" und was ohne ihn "fehlen würde". Nathalie Wappler Hagen, Programmdirektorin des MDR in Halle und bis Herbst 2016 Kulturchefin beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), meint, die Initianten hätten keine Alternativen aufgezeigt: "Immer nur zu sagen, der Markt werde es schon richten, reicht nicht."

Lutz Marmor, Intendant des NDR, sagt auf Nachfrage, man solle das klare Ergebnis "nicht überschätzen". Er will aus dem Schweizer Abstimmungskampf aber mitnehmen, "dass wir noch mehr erklären, was wir tun". Dafür hatten die Gegner der Gebührenabschaffung in der Schweiz außergewöhnlich viel Zeit. Normalerweise sind dort vier Volksentscheidtermine pro Jahr möglich, die letzte Abstimmung findet jeweils im November statt. 2017 gab es aber nur drei Abstimmungstermine – und keinen im November. So kam es, dass sich der Wahlkampf in Sachen No Billag über ein halbes Jahr erstreckte.

Wissen alle, was auf dem Spiel steht?

"Die leidenschaftliche Diskussion", die es vor der Abstimmung gegeben habe, "möchte im Land niemand missen", sagt Nathalie Wappler Hagen. Dabei hätten sich auch die gesellschaftlichen Gruppen "stark engagiert", seien es Künstlerverbände oder Kirchen. "Die sind sich erst während der Diskussion bewusst geworden, was auf dem Spiel steht, nicht nur für sie als Interessengruppe, sondern für die Allgemeinheit."

Eines hat die Schweiz Deutschland somit nun voraus: Hier ist die Debatte über die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen bei etwa Künstlerverbänden und Kirchen kaum angekommen. Es streiten sich ja vor allem die Verleger und Vertreter der Öffentlich-Rechtlichen über quasi theologische Spezialfragen – etwa die, wie viel Text ARD, ZDF und das Deutschlandradio im Netz anbieten dürfen. "Ich glaube nicht, dass das irgendeinen in der normalen Bevölkerung interessiert", sagte dazu kürzlich der Kommunikationswissenschaftler und Dokumentarfilmregisseur Lutz Hachmeister.

Eine derartige Zuspitzung wie in der Schweiz wird die Debatte in Deutschland aber naturgemäß nicht erfahren können. Volksentscheide mit bundesweiter Tragweite sind hier nur möglich, wenn sie die Neugliederung des Bundesgebietes betreffen. Medien sind ohnehin Ländersache: Die Entscheidungsprozesse sind langwierig, weil sämtliche Länderparlamente Änderungen des Rundfunkstaatsvertrages zustimmen müssen.

Patricia Schlesinger, die Intendantin des RBB, verleitet das Vertrauensvotum der Schweizer Bevölkerung für die Öffentlich-Rechtlichen nicht zu großem Optimismus. In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt sie mit Blick auf das Abstimmungsergebnis: "Ge­ra­de noch­mal gut­ge­gan­gen? Ich be­fürch­te, da­mit ist die Aus­ein­an­der­set­zung um das dua­le Me­di­en­system in Eu­ro­pa nicht ent­schie­den." Die Sen­der in Eu­ro­pa müss­ten ihre "Wer­te" nun "ge­mein­sam for­mu­lie­ren, als Ap­pell für die Rund­funk­frei­heit. Eu­ro­pa­wei­te So­li­da­ri­tät un­ter den Rund­funk­an­stal­ten ist die Bot­schaft für ei­nen ge­mein­sa­men frei­en, un­ab­hän­gi­gen Rund­funk für al­le Eu­ro­päe­rin­nen und Eu­ro­pä­er". Schlesinger bezieht sich damit auf den Druck, den rechte, teilweise dezidiert demokratiefeindliche Parteien nahezu überall in Europa auf die öffentlich-rechtlichen Sender ausüben. Auch die Initiatoren der Abstimmung in der Schweiz sind am Rand des demokratischen Spektrums anzusiedeln.

Systematische Programmbeobachtung fehlt

"Warum nicht eine europäische Plattform der Öffentlich-Rechtlichen, auf denen europäische Produktionen für alle Menschen Europas zugänglich wären?", fragt Schlesinger. Ein "Fenster zur Vielfalt Europas" wäre das, meint sie. Es ist durchaus instruktiv, dass jemand mal den Blick auf größere Zusammenhänge richtet. Schließlich verliert sich die innerdeutsche Debatte bisher in den immer gleichen, wenngleich teilweise sehr berechtigten Detailfragen: Der Personalapparat der Sender sei zu groß, der eine oder andere Nischenkanal könne eingestellt werden, es gebe viel zu viele Krimis – im Jahr 2017 zeigten allein ARD und ZDF mehr als 400 – und zahlreiche Sportübertragungsrechte seien zu teuer. 

Worüber Kritiker von ARD und ZDF aber selten reden: Was läuft beispielsweise in den Politik- und Auslandsmagazinen gut, was ließe sich verbessern? Wie hat sich die Kulturberichterstattung entwickelt? Was tut sich in den Reportageformaten? Eine systematische Programmbeobachtung, die über Talkshow- und Tatort-Kritiken hinausgeht, findet kaum noch statt. Das gilt natürlich erst recht für den Hörfunk, der in Grundsatzdebatten über das öffentlich-rechtliche System allenfalls am Rande vorkommt.

Daran, dass – anders als nunmehr in der Schweiz – der Bevölkerung bisher nicht klar geworden sein dürfte, was verloren ginge, wenn es keinen Rundfunkbeitrag mehr gäbe, tragen aber auch die Sender selbst Verantwortung. Welche Rolle sie fürs kulturelle Leben im Land spielen, bringen sie beispielsweise eher selten zur Sprache. Das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks (HR) hat gerade das Programm für die Saison 2018/19 vorgestellt, insgesamt 103 Konzerte sind in diesem Zeitraum geplant. Ein anderes Beispiel: Deutsche Kinodokumentarfilme gäbe es ohne die finanzielle Unterstützung von ARD und ZDF kaum noch.

Jürgen Betz, ehemals Justiziar beim HR, hat in einem Leitartikel für den Fachdienst epd medien gerade ausgeführt, dass die Öffentlich-Rechtlichen auch Defizite im Bereich des klassischen Marketing haben: "Warum bewirbt die ARD nicht ihr umfangreiches und vielfältiges Programmangebot?" Im Ersten Programm fänden sich keine Verweise auf Sendungen der Dritten Programme oder des gerade 20 Jahre alt gewordenen, aber immer noch sehr unbekannten Bildungskanals ARD-alpha. "Stattdessen strahlt das Erste ausschließlich Trailer für künftige Sendungen im Ersten aus, noch dazu oft dreimal dieselben am gleichen Abend." Die MDR-Intendantin Karola Wille sagte kürzlich bei der vom Grimme-Institut organisierten Veranstaltung Die Bedeutung des Dokumentarischen in Berlin, man müsse – "auch im Linearen" – stärker bewerben, dass die in der Regel zu zuschauerunfreundlichen Zeiten ausgestrahlten Dokumentarfilme in den Mediatheken verfügbar sind. Bisher gibt man sich also noch zu wenig Mühe, das teilweise undifferenzierte Bild vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu korrigieren.

Den Sendern fehlt der Abstand zur Debatte

Zudem wäre mehr Selbstreflexion bei den Protagonisten des öffentlich-rechtlichen Systems wünschenswert. Vorbildlich ist da Georg Restle, Redaktionsleiter des Magazins Monitor und pointierter Kommentator in den Tagesthemen der ARD. Vor wenigen Tagen übte er in einem Blogbeitrag Kritik an der Zusammensetzung des ZDF-Fernsehrats: "Was zum Beispiel haben die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz UND der Ministerpräsident von Bayern UND der Ministerpräsident von Sachsen a.D. UND der Erste Bürgermeister von Hamburg – alle CDU/CSU und SPD – im wichtigsten Aufsichts-Gremium des ZDF verloren?" Angesichts der Tatsache, dass das Gremium gerade mal aus zwölf Mitgliedern besteht, sei die Zusammensetzung unverhältnismäßig.

Wie schwer man sich derzeit noch tut bei der Debatte über sich selbst, zeigte in der vergangenen Woche im Ersten Programm die Maischberger-Sendung zur Lage des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Europa, die anlässlich der Schweizer Abstimmung angesetzt war. Die Sendung trug den Titel Wozu brauchen wir noch ARD und ZDF? – was zeigte, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht einmal dann, wenn es um die eigene Zukunft geht, in der Lage sind, Abstand zu nehmen von den abgründig-populistischen Sendungstiteln, die bei Talkshows üblich sind. Außerdem war den Machern auch dieses Mal der Krawallfaktor besonders wichtig, weshalb sie die ahnungslose AfD-Politikerin Beatrix von Storch einluden – anstatt tendenziell konstruktive Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in die Runde zu holen, die eine nennenswerte Programmkenntnis mitbringen.

Der NDR-Intendant Marmor glaubt, dass im Bereich der öffentlichen Selbsthinterfragung das Hauptaugenmerk nicht auf "monothematischen Sendungen zu diesen Themen" liegen müsse. Die wünsche das Publikum gar nicht. "Wir müssen stattdessen noch mehr rausgehen, uns auf Veranstaltungen präsentieren. Das bindet alles Kapazitäten, aber das muss man sich leisten."

Als Beispiel für diese Art der Öffentlichkeitsarbeit nennt er Workshops, die noch bis Juni unter dem Namen NDR Newcomernews – Schüler machen Schlagzeilen in Mecklenburg-Vorpommern stattfinden. An dem auf ein halbes Jahr angelegte Medienbildungsprojekt nehmen rund 650 Schüler teil. "Wir erklären, wie Journalismus funktioniert und wie unsere Sendungen entstehen", sagt Marmor.

Auch diese Form der Medienpädagogik macht der Rundfunkbeitrag erst möglich.

Der Autor gehört zum fünfköpfigen Team der Medienkolumne "Altpapier", die seit September 2017 werktäglich beim MDR erscheint.