Dies ist die erste Folge unserer neuen Serie Heimatmysterium. Hier suchen wir nach dem, was Menschen in Deutschland verbindet – Religion, Beruf, Hobby, Herkunft oder Lebenssituation. Dem, was deutsche Heimaten ausmacht.

Zwischen dem Hauptbahnhof und Burtscheid, an einer Ampel im trägen Mittagsverkehr sagt Karlheinz Welters: "Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich nichts anders machen." Draußen die Häuser, vor denen sich Fußgänger durch den deutschen Februar kämpfen, und im Auto summt Welters ein Lied mit, das aus dem Radio singt, von der Karawane und der Oase und dem durstigen Sultan. Es ist rheinische Karnevalszeit und Karlheinz Welters fährt durch Aachen.

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Vor einer Stunde hat er seine Daunenjacke angezogen, seinen Schal gewissenhaft gebunden, hat zu den Kollegen gesagt, er mache heute ein wenig früher Schluss, und aus den Zimmern, deren Türen immer offen stehen, kam ein "Tschüss, Kalle" und Karlheinz Welters ist gegangen; über den grauen Teppich, die vier Treppen hinunter in den Innenhof mit der schweren Metalltür, hinter der sein Namensschild am Parkplatz hängt, weil einem Abteilungsleiter so ein Parkplatz mit Namensschild zusteht. Welters, 52, seit 29 Jahren im Sportamt Aachen, das sind 10.585 Tage, aber seine Diensttage zählt nur jemand, der unglücklich ist, und Karlheinz Welters ist ein zufriedener Mann. In Aachen ist er geboren, hier ging er zur Schule, hier trat er in den öffentlichen Dienst ein, hier wurde er zum Sachbearbeiter – eines der schönsten sperrigen Wörter aus dem Berufsleben, jedoch auch eines der allgemeinsten: "Sache" und "Bearbeiten". "Ja, das ist ein komisches Wort, wenn man so drüber nachdenkt", sagt auch Welters.

Einer von 3,18 Millionen

Er spricht ein bedächtiges Rheinländisch. Das R ist ein CH, das SCH ist ein CH, es ist der Singsang, den Martin Schulz ein Jahr lang in jedes Mikrofon sprach, Würselen ist nicht weit von Aachen, es liegt am Rand der Karte in Welters' Büro, der Karte mit den bunten Klebepunkten, jeder Punkt ein Sportplatz, eine Turnhalle, ein Tennisplatz, ein Schwimmbad, ein Fußballfeld. Gerade hat Schulz' SPD dem Koalitionsvertrag zugestimmt und Welters, seit seiner Jugend in der CDU, sagt: "Na ja, da haben sie sich endlich geeinigt." Armin Laschet hat ihn in die CDU gebracht, der heutige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen ist ein paar Jahre älter, beide besuchten dasselbe bischöfliche Gymnasium, Laschet ging bald in die Kommunalpolitik, Welters ging in die kommunale Verwaltung. Weil er als Bürger der Stadt dienen wollte. Weil Aachen sein Zuhause sei.

Seit 1989 betritt Welters fünf Mal in der Woche den grauen Gründerzeitbau am Saum der Innenstadt, im Erdgeschoss ein Schwimmbad, Treppenstufen, von Badegästen eines Jahrhunderts krummgetreten, denkmalgeschützte Kacheln, Waschzuber und Wasserhähne von Dazumal, obendrüber im zweiten Stock, im Zimmer Nr. 3 liegt Welters' Büro, wo ein Aachen-Kalender an der Wand hängt, wo Büromöbel stehen, die in solchen Büros nun einmal stehen, der PC mit dem allgemach vergilbten Monitor, die Rollcontainer, die Zimmerpalme, die Leitz-Ordner mit der Aufschrift "Wiedervorlage" im Neonröhrenblinzeln. Servicezeiten 8 bis 15 Uhr, außer freitags. Welters ist einer von 3,18 Millionen Menschen im öffentlichen Dienst. Neulich hat er in der Zeitung gelesen, Beamte seien die unbeliebteste Berufsgruppe im Land. Beamte seien störrisch, Beamte seien faul, der Beamte wird von vielen als das kleine Rädchen angesehen, das den bürokratischen Zumutungsapparat am Laufen hält. Kafka und die Folgen. Beamter auf Lebenszeit klingt dann wie lebenslänglich.

Karlheinz Welters lächelt, wenn er so was hört. Er sagt aber auch, dass diejenigen, die auf die Bürokratie schimpften, auf die vielen Regeln, doch die Ersten seien, die dann jammern, wenn etwas nicht geregelt sei. Er findet, dass die Bürokratie dazu da ist, bestimmte Werte, eine bestimmte Lebensqualität zu erhalten, ansonsten, sagt Welters, hätten wir ja Chaos. Sein liebster Beamtenwitz ist der mit dem Beamtenmikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Man sage übrigens schon gar nicht mehr Amt, weil das Wort so verrufen ist. Wegen der Leute, die "aufs Amt" gehen und der Leute, die "im Amt" sitzen. Heute heißt es "Fachbereich" und so geht Welters in seinem Büro ans Telefon mit den Kurzwahltasten: "Welters, Fachbereich Sport, guten Tag." 40 Mal am Tag. Oder 50 Mal. Wenn sein Telefon klingelt, geht es um Schulklassen, die schnell in eine Turnhalle ausweichen müssen. Um Ascheplätze, die einen Kunstrasen bekommen sollen. Um Schwimmunterricht und Begriffe wie "Schlüsselgewalt". Kein Tag ist wie der andere, sagt Welters.