Immer gut organisiert, auch in aller Frühe: Karlheinz Welters vor seinem Haus in Aachen-Laurensberg © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Und trotzdem habe Beckenbauer immer mannschaftsdienlich gespielt, meint Welters, der lieber "wir" sagt als "ich". "Warum soll ich mein Ego in den Himmel stellen?" fragt er. Die meisten Dinge erreiche man doch nur zusammen. So wie die Sache nun mit den Spielerbänken: Vierhundert Meter durch den Schnee. Ein Dutzend Männer in Vereinsjacken packen an. Tach Kalle, hey Kalle, hallo Kalle, na Kalle, dann mal los. Später, als die Bänke stehen und die Atemwolken etwas größer sind, sagt Welters: Man muss wissen, woher man kommt. Ernest Hemingway habe das geschrieben, sagt er, und am Himmel über dem Sportplatz wölbt sich das Blau, im Winterweiß glitzert der Kunstrasen, wo gerade zwei Mannschaften die Schulmeisterschaft ausspielen, junge Männer in leuchtend grellen Schuhen, mit kleinen Ronaldogesten und blonden Marcoreushaarschnitten. Welters kennt jeden zweiten, manchen hat er selbst trainiert. Sein Verein hat Flüchtlinge mitspielen lassen, jeder durfte kommen, Welters half ihnen bei Arztbesuchen und Hausaufgaben. Heute arbeitet einer von ihnen ebenfalls als Trainer, ein unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan. Sport helfe immer, findet Welters, der sich wundert, was über Flüchtlinge in den Zeitungen stand, "immer nur das Negative", nie aber, wie gut vieles geklappt habe. In Aachen habe sich niemand beschwert, dass Turnhallen eine Weile nicht benutzt werden konnten, sagt er, und Welters hätte es mitbekommen, schließlich ist er ja dafür zuständig.

Welt und Welters

Karlheinz Welters nimmt es mit Dingen sehr genau, für die er zuständig ist, so wie er eigentlich alles sehr genau nimmt. Er weiß auch noch den Tag, an dem er zuletzt im Kino war, am 3. Januar 2018 mit seinen Söhnen: "Star Wars", Welters liebt die Filme, überhaupt Science-Fiction, aber vor allem den ewigen Kampf von Licht gegen Dunkelheit, der Glaube und das Vertrauen in eine gute Macht. Karlheinz Welters ist ein gläubiger Mann, ein Katholik mit großem Latinum. Als Kind sang er als Sopran im Aachener Domchor, fuhr auch viel nach Rom, in den Vatikan zur Gartenarbeit, das machte man damals. So fing das an mit ihm und Italien. Jedes Jahr reist er nun mit der ganzen Familie hin, jedes Jahr Toskana, nach Siena, nach Florenz, zu Renaissancegemäuern, die es fast mit dem Aachener Dom aufnehmen könnten. Das ist noch immer sein Lieblingsort der Stadt. Welters weiß viel über den Marmor, den Karl der Große hierher karren ließ, über die Kanzel, über die Sage, wie der Riss ins Eisentor gekommen war, dass der Teufel es vor Wut zugeschmissen habe, weil die Aachener ihn hintergangen hätten, und wie der Teufel die ganze Stadt zuschütten wollte, mit Säcken voll Nordseesand, aber vor Erschöpfung irgendwann aufgab. So seien die beiden Berge hier entstanden, sagt Welters, gewundene Straßen führen heute dort hinauf, Jogger schleppen sich die Steigung hoch. Von dort aus kann man über die Stadt blicken, ein paar Hügel, Felder, Häuser, Häuser, Häuser, da rechts ist Holland, links ist Belgien. Welt und Welters. Heimat, sagt Welters, sei dort, wo er zur Ruhe komme.

Wenn man ihn fragt, was ihn überhaupt aus der Fassung bringt, braucht er einen Tag für eine Antwort. Am nächsten Mittag parkt er am Stadtrand. Hier, in einem Neubaugebiet, steht die Ulla-Klinger-Halle. "Hallo, Kalle", sagt der Schwimmmeister Willem, und gemeinsam gehen sie ein paar Schritte durch die Gänge, durch die Umkleidekabinen und die Chlorluft, vorbei an den Turnräumen mit den blauen Matten, über die feuchten Fliesen. Einst war hier das Bundesleistungszentrum für Turmspringen, lange Zeit das einzige in Westdeutschland. Dann haben zwei Vereine sich gestritten, waren sich uneinig über Nutzungszeiten, so habe das Chaos angefangen. Am Ende, nach Papierkram und Gerichtsakten, sei Aachen nur noch Landesleistungszentrum gewesen. Das ärgere ihn bis heute, sagt Welters und der Schwimmmeister Willem seufzt, "Ja, was für ein Jammer".

Bald stehen sie in der Halle, wo sich die Sprungtürme bis unter die Hallendecke heben. Ein Meter, drei Meter, fünf Meter, siebeneinhalb Meter, der größte misst zehn. Das Wasser ist unschuldig glatt, keine Kräusel, kein Schaum, kein Planschen. Hier soll der Fernsehmoderator Stefan Raab für seine Turmspringgaudis trainiert haben, hier stürzten sich die weltbesten Sportler hinunter, in Schrauben und Überschlägen. Welters schaut nach oben zum Zehner. "Ganz schön hoch, ne?", sagt der Schwimmmeister Willem lachend. "Ja", sagt Welters. "Das muss man schon wollen."