In der Altstadt von Bratislava befindet sich ein Gully, aus dem ein älterer Mann kriecht. Er hat sein Kinn auf die Hände gelegt und grinst fies, vielleicht lächelt er auch nur nett. Der Legende nach sitzt Čumil, der bronzene Gaffer, da am Boden, um Frauen unter die Röcke zu glotzen. Andere behaupten, der gute Herr sei erschöpft von der Arbeit, man weiß es nicht so genau. Fest steht jedenfalls, dass Touristen seit ein paar Monaten an diesem Ort nicht etwa über Kunst im öffentlichen Raum, sondern über Sexismus reden wollen. So berichtet es der Stadtführer Adam, ein junger, slowakischer BWL-Student mit "I Love NY"-Pulli, der so zweideutig Nicken und Stirnrunzeln kombiniert, dass man nicht weiß, ob er diesen neuen Aspekt seiner Arbeit nun interessant und berechtigt oder auch ein kleines bisschen hysterisch findet.

Adam führt die Gruppe über einen Platz, der mal nach Hitler benannt war, vorbei am mittelalterlichen Rathaus. Dann erzählt er von einem Osterbrauch, bei dem die Frauen nass gespritzt und mit einer handgeflochtenen Weidenrute ausgepeitscht werden, aber eher liebevoll, gar nicht so hart. Ähnlich wie man es zu Nikolaus auf der ostfriesischen Insel Borkum tut. Solche Rituale und Skulpturen wirken im Frühjahr 2018 wie Karikaturen.

Ich sitze im Café Berlinka, direkt neben der Slowakischen Nationalgalerie, mit Blick auf die graugrüne Donau, und auf Twitter lese ich, wie viele Männer über Zoten, Fehlgriffe, Straftaten stolpern. Manche stürzen sogar. Immer mehr Frauen treten vor, aus immer mehr Gesellschaftsbereichen, der Kanon erodiert, erschreckend, erleichternd. Alte und neue Welt krachen hier gerade aufeinander, und diese Welten sind nicht geografisch getrennt, sondern habituell und ideologisch.

Als sich im Oktober des vergangenen Jahres aus dem Skandal um Harvey Weinstein die #MeToo-Debatte ableitete, wirkte das zunächst groß, und dann schnell wieder klein. Zeitungen, die sich in Details verbohren; Feuilletonisten, die andere Feuilletonisten retweeten; Großstädter, die bei Grauburgunder um Begriffe wie Pay-Gap und Heteronormativität kreisen, aber vor allem um sich selbst. Und die übrigen 99 Prozent leben davon unbeeindruckt weiter?

Neue Scham über frühere Handlungen

Fünf Monate später lässt sich feststellen, wie viel #MeToo tatsächlich verändert hat. Was in der Unterhaltungsindustrie begann, hat sich auf Politik, Sport, Gesundheitswesen, Gastronomie ausgedehnt: Über die Auseinandersetzung mit den Arbeitsbedingungen in unterschiedlichsten Branchen kommen immer mehr Menschen mit Fragen der Gleichberechtigung in Kontakt. Und plötzlich wollen ganz normale Touristen über Sexismus sprechen, wenn sie in Bratislava über Čumil, den Gaffer, stolpern. 

Ich habe, wie viele meiner Freunde, in den vergangenen Monaten neue Scham über frühere Handlungen entwickelt, mein Denken nachjustiert. Ich beobachte, dass mehr Männer ihre Verhaltensmuster überprüfen, vorsichtiger mit Sprüchen sind, einfach mal die Schnauze halten, endlich mal den Mund aufmachen, sich gegenseitig ermahnen, Gespräche führen, die früher unmöglich erschienen. Ich sehe darin keinen heroischen Fortschritt, sondern einen längst überfälligen. 

Einer meiner besten Freunde hielt vor ein paar Wochen einen Vortrag zum Thema Fußball und Sozialkompetenz und wurde von einer Zuhörerin für fehlendes Gendern kritisiert, er benutze immer nur das generische Maskulinum. Jetzt steht er vor der Frage, wie wohl ein durchgegenderter Vortrag von 20 männlichen Amateurtrainern aufgenommen wird, vor denen er demnächst sprechen soll.  

Ich kenne Rentner, die im Oktober Angst vorm Komplimentemachen entwickelten und im Dezember merkten, dass Komplimente nie das Problem waren. Ich beobachte, dass plötzlich Belästigung gesehen wird, wo vorher das "Ist halt so"-Naturgesetz galt. New Yorker Freunde von mir fürchteten, auf der "Shitty Media Men"-Liste zu landen. Ein Jugendlicher erzählte mir neulich, dass in der Fußballkabine jetzt sexistische Sprüche verboten seien. Ich habe Kollegen, die sich bei Kolleginnen erkundigen, ob alles okay zwischen ihnen sei oder sie sich eventuell daneben benommen hätten. Natürlich gibt es auch Trittbrettfahrer, die sich nun einsichtig geben, weil es gerade opportun ist, die aber gar nicht wirklich an Veränderung interessiert sind. 

Fundamente dekonstruieren

Viele Männer sind verunsichert, und diese Unsicherheit kann ein großartiger Impuls sein, wenn daraus Sensibilität wird und aus Sensibilität Verantwortung. Und um die geht es ja letztlich. Diese ganz individuelle Dekonstruktion sicher geglaubter Fundamente des Zusammenlebens – so langsam und zäh sie auch vonstattengehen mag – ist ein Gewinn für alle Beteiligten.

Wien, 7. Bezirk. Im Café Figar liegt eine aktuelle Ausgabe der Wiener Zeitung, die 1703 gegründet wurde, als in Europa noch Hexen gejagt wurden. Und im Kulturaufmacher, betitelt mit Der menschliche Makel, geht es im Grunde um Hexenjagd. Auf Männer. Von "gefährlichen Blüten" und "Nebenwirkungen" der #MeToo-Debatte ist die Rede, vom "jakobinischen Eifer" und der "Lust am Skandal". Es ist die klassische Täter-Opfer-Umkehr, die man in den vergangenen Monaten so oft hören musste, ob in den Feuilletons oder auf der Straße, ob von Liam Neeson oder Michael Haneke, und die jeweiligen Absender merken vermutlich gar nicht, wie hysterisch sie vermeintliche Hysterie beklagen. "Das Tempo, mit dem derzeit aber nicht nur Mauern, sondern auch Ikonen stürzen, ist beängstigend", schreibt der Autor in der Wiener Zeitung. Diese Angst kann man tatsächlich riechen von Wien bis Los Angeles, von Sydney nach Berlin, und sie riecht gut, sie riecht nach Veränderung.