Wie sich die Bilder widersprechen: Zuckerberg als "Person des Jahres" auf dem Cover des Time Magazine im Dezember 2010, Facebook als "Bedrohung für die Demokratie" auf dem Cover des Economist im November 2017, Zuckerberg mit Prellungen und Blutspuren im Gesicht auf dem Cover der Wired im März 2018. Der Grund war jeweils derselbe: Zuckerberg und Facebook verändern, wie Menschen miteinander umgehen und was sie übereinander wissen. Gewandelt hat sich allerdings die Einschätzung dieser Veränderung. Man sah genauer hin und ist nun irritiert: Vermessung und Manipulierbarkeit der Facebook-Nutzer, Hassmeldungen, Filterblasen und Beihilfe zu Fake News und Narzissmus.

Es gibt heute wenig, was man nicht schon 2010 hätte wissen können. Dass Facebook die Daten seiner Nutzerinnen und Nutzer sammelt, auswertet und verkauft, war allen klar, die sich dafür interessierten. Dass man aus den Likes, die jemand vergibt, auf dessen Vorlieben schließen kann, lag auf der Hand, ebenso dass sich ein solches Wissen für eigene Interessen ausnutzen lässt. Im Grunde wussten alle Bescheid. Und dennoch machten alle mit. Was ist jetzt anders?

Zum einen kann Facebook nicht mehr vom Ruf des demokratiefreundlichen Mediums zehren. Vorbei die Zeiten, da man Facebook pries, den sogenannten Arabischen Frühling ermöglicht zu haben. Vorbei die Zeit, da man es zum Organisationsort und Sprachrohr der Unterdrückten und Beleidigten stilisierte. Längst tummeln sich Vertreter aller möglichen ideologischen Couleur auf Facebook, einschließlich Ultrakonservative, Rechtsnationalisten, Identitäre und Misanthropen. Das sollte eigentlich niemanden erstaunen. Facebook ist für alle offen. 

Die Staatsmacht fühlt sich herausgefordert

Enttäuschend ist die neue Vielfalt trotzdem, zumal wenn man vorher dem Glauben anhing, eine fortschrittliche Technologie könne nur den Freunden des gesellschaftlichen Fortschritts dienen. Zuckerberg selbst hat für diesen Mythos viel getan mit seinem Mantra von Facebooks Mission. Den Groll der Frustrierten hat er verdient.     

Zum anderen bekommt Facebook die Reste des Kalten Krieges zu spüren, wenn es verdächtigt wird, dem Erzfeind Russland geholfen zu haben, den Präsidenten der USA zu bestimmen. Die Staatsmacht fühlt sich herausgefordert und mischt sich in das ein, was sie zuvor als alternative Jugendkultur oder ein interessantes Geschäftsmodell, in jedem Falle aber nicht als ihr Business betrachtete. Kaum jemand im US-amerikanischen Kongress hatte bisher etwas dagegen, dass Facebook die Aufmerksamkeit und die Daten seiner Nutzer an seine Kunden verkauft und im Interesse des Geschäfts seine "Community" in die Feedbackschleife der Likes und Shares lockt. Wenn für politische Werbung in Rubel bezahlt wird, hört der Spaß jedoch auf, den das neoliberale Wirtschaftsmodell den Unternehmen beim Reichwerden ansonsten zubilligt. Dann bestellt der Kongress die Kapitalisten ohne Grenzen zu einer peinlichen Befragung. 

"Sie haben auf Ihrer Seite ein enormes Problem. Und die USA werden das erste Land sein, das es Ihnen sagt. Andere werden es uns gleichtun. (…) Sie haben diese Plattformen erfunden, und jetzt werden sie missbraucht. Sie werden dagegen etwas tun müssen. Sonst tun wir es." So kommentierte am 31. Oktober 2017 die Senatorin Dianne Feinstein vor Vertretern von Facebook, Twitter und Google die Umtriebe feindlicher Kräfte auf sozialen Netzwerken. Sie tat es verärgert, drohend und zugleich ratlos. Denn wer das Problemgeflecht von Fake News, Hassreden, Filterblasen, Datenschutz und Manipulation weiterdenkt, ahnt, dass hier die Gesellschaft insgesamt gefordert ist, sich politisch und mental auf den Stand ihrer Technologien zu bringen. Die Vergehen der vorgeladenen IT-Unternehmen sind nur die Symptome eines viel größeren Problems, das niemand, der Kongress inbegriffen, wirklich angehen will. 

Die Löschung des eigenen Facebook-Accounts, die nun unter #deletefacebook im Trend liegt, ist eine große Geste, die davon ablenken könnte, zum Kern des Problems vorzustoßen. Wie auch immer man zu den Prügeln, die Zuckerberg nun einstecken muss, steht, man muss sich im Klaren darüber sein, dass es hier nicht nur um Facebook geht. Es geht um das an Facebook, was über das soziale Netzwerk hinausweist und typisch für unsere Zeit ist.

Zunächst einmal um Facebooks Funktion der Dark Posts: auf den Empfänger abgestimmte Botschaften, die nur dieser in seinem Newsfeed sieht. Es war dieses Feature, das Cambridge Analytica erlaubte, für seinen Auftraggeber Trump gezielt unentschlossenen afroamerikanischen Wählern das Video einer Rede von Hillary Clinton aus dem Jahr 1996 zu schicken, in der sie sich abschätzig über afroamerikanische Straftäter äußert. Warum redet jeder über die erschlichenen Datensätze der 50 Millionen Facebook-Nutzer und niemand über die jedem Kunden von Facebook zur Verfügung stehende Kommunikationsform Dark Post, ohne die jene Datensätze ziemlich wertlos wären?