"Niemand muss allein zum Schafott"

Wie gehen Menschen damit um, dass alle sterben müssen? Wir fragen in der Serie "Der Tod ist groß"  nach der Rolle des Sterbens im Leben und in der Gesellschaft. Hier antwortet der Philosoph Thomas Macho, der mehrere Bücher zum Thema geschrieben hat.

ZEIT ONLINE: Herr Macho, was ist ein guter Tod?

Thomas Macho: Früher war ein Tod gut, wenn die Sterbenden sich vorbereitet hatten, wenn die irdischen und himmlischen Dinge geregelt waren und man Abschied nehmen konnte von den Angehörigen und Freunden. Heute höre ich immer häufiger, dass Menschen für einen guten Tod halten, wenn sie sich nicht lange darauf vorbereiten müssen. Ideal wäre es scheinbar, am Abend schlafen zu gehen und am Morgen einfach nicht mehr aufzuwachen.

Der Filmemacher Harun Farocki war im See schwimmen, stieg aus dem Wasser und ist dann noch am Ufer an einem Herzinfarkt gestorben. Das war für sein Umfeld eine tragische Nachricht. Doch von vielen Menschen, die ihm nicht so nahe standen, wurde das als schöner Tod wahrgenommen.

ZEIT ONLINE: Wir möchten also aus dem Leben gerissen werden?

Macho: Die Zeit vor dem Tod, die Krankheiten und Schmerzen, das Siechtum und die Pflegebedürftigkeit, die soll nicht zu lange dauern. Wir sind inzwischen so langlebig geworden, dass in unseren Filmen, wie in Only Lovers Left Alive, selbst die Vampire schon suizidgefährdet sind. Der Gedanke, dass man überhaupt zu lange leben kann, ist eine moderne Idee. 

ZEIT ONLINE: Früher ist man quasi beim Arbeiten gestorben. Heute geht man in Rente und stirbt dann, zugespitzt gesagt, nachdem man 30 Jahre nichts gemacht hat. Gibt es einen richtigen Zeitpunkt im Leben für den eigenen Tod? 

Der in Wien geborene Thomas Macho ist emeritierter Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität in Berlin. Wie unsere Kultur mit Tod und Zeitlichkeit umgeht, steht seit mehr als drei Jahrzehnten im Fokus seiner Studien. Zuletzt erschien 2017 das Buch "Das Leben nehmen: Der Suizid in der Moderne" im Suhrkamp Verlag. © Klaus Fritsche

Macho: Immer, wenn etwas vollendet ist, haben Menschen das Gefühl, gut aus dem Leben scheiden zu können. Das ist das Gegenmodell zu dem Wunsch, aus dem Leben gerissen zu werden. Einige bekannte Schriftsteller und Philosophen haben sich umgebracht, nachdem sie ein Werk vollendet hatten. Die Philosophin Patricia De Martelaere schreibt, dass der uns so geläufige Satz, der Tod sei das Ende des Lebens, eigentlich nicht stimmt. Wir sterben oft dann, wenn wir es im Leben am wenigsten brauchen können. Wenn wir die Kinder zur Schule bringen oder mit der falschen Frau im Bett liegen. Der Tod ist dann nicht das Ende des Lebens, sondern eine ärgerliche Unterbrechung. Deshalb träumen viele davon, erst ihr Leben zu vollenden, bevor sie sterben.

George Eastman, der Erfinder der Marke Kodak, nahm sich das Leben, als er von einer schweren Erkrankung erfuhr, und hinterließ einen Abschiedsbrief, der nur aus einem Satz bestand: "My work is done, why wait?" Das verweist schon auf die neue Gestaltbarkeit des Todes. Man nimmt sein Sterben selbst in die Hand. Und im äußersten Fall, beim Suizid, legt man sogar selbst den Zeitpunkt fest.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch einen richtigen Ort zum Sterben? 

Macho: Für viele ist es die Heimat oder die Natur. Das war sicher ein Grund, warum viele den Tod von Harun Farocki am See so schön fanden. Am Meer zu sterben, im Wasser, das ist ein häufig geäußerter Wunsch. Dieses Gefühl, sich in die Unendlichkeit aufzulösen, zu verflüssigen, ist offenbar eine schöne Vorstellung. 

ZEIT ONLINE: Früher haben uns Religionen gesagt, was wir vom Tod zu halten haben. Hat es das nicht einfacher gemacht für uns?

Macho: Das hat uns vor allem unfrei gemacht. Die meisten Religionen haben ihre Jenseitsversprechen an viel Kontrolle geknüpft. Die Unsterblichkeit, also die Idee, dass das Leben erst nach dem Tod so richtig losgeht, war auch eine Strafvorstellung. Die Furcht, in der Hölle zu landen, war ein wichtiges Motiv, noch alles zu regeln und zu hoffen, dass es gut geht. Die Angst davor hatte vielleicht ein größeres Gewicht als wir es uns heute vorstellen können. Der Renaissance-Philosoph Pietro Pomponazzi hat schon 1516 darauf hingewiesen: Wie frei sind wir, wenn wir immer mit Blick auf dieses Risiko, in der Hölle zu landen, leben müssen?

Der Tod verbindet

ZEIT ONLINE: Nun, da wir von diesen Vorstellungen also befreit sind – wie gehen wir mit dieser Freiheit um? Der Tod ist doch etwas so Gewaltiges, dass wir zu ihm eine Haltung finden müssen, die bestenfalls etwas anderes ist als Todesangst.

Macho: Jeder Mensch hat Angst vor dem Tod. Manchmal mehr, manchmal weniger. Meine Lösung ist, erstens das Thema nicht zu tabuisieren. Und zweitens den Genuss und die Freude empfinden zu können, dass wir das Sterben mit allen Menschen teilen.

ZEIT ONLINE: Wie bitte?

Macho: Es war einer der größten Fehler in der philosophischen Beschäftigung mit dem Sterben – am deutlichsten vielleicht bei Martin Heidegger – den Tod als einen Weg der radikalen Vereinzelung zu beschreiben. Also als Sein-zum-Tode, als etwas, das mich allein betrifft. Heidegger wertet das zum "Existenzial" auf: Ich sterbe allein, das kann mir niemand abnehmen. Und in der Vorwegnahme dieses einsamen Sterbens soll ich zur Eigentlichkeit des Daseins finden.

Dabei ist es doch so, dass wir genau dieses Schicksal, die Vereinzelung im Sterben, alle teilen. Wir sind alle sterbliche Wesen. Daraus könnte eine ganz elementare Solidarität erwachsen, die sich sogar noch auf die Tiere ausweiten ließe. Diese Gemeinsamkeit hat etwas Tröstliches. Ich glaube, das ist auch ein Grund, weshalb immer mehr Menschen im Hospiz sterben wollen. Das Hospiz verkörpert diese Idee, dass der Tod uns nicht trennt, sondern verbindet.

ZEIT ONLINE: Plädieren Sie also für eine Vergemeinschaftung des Todes?

Macho: Ja! Das ist auch kein völlig neuer Gedanke. Die alten Griechen haben sich, wenn sie vor den anderen Bürgern der Polis eine Rede hielten, als Thanatoi angesprochen, als Sterbliche. Da wird die Gemeinschaft über die Vergewisserung der Sterblichkeit hergestellt – im Unterschied zu den Göttern, die unsterblich sind. Ich finde das sehr naheliegend. Wenn unser Sterben das Verbindende ist, dann muss es tatsächlich, wie Sie so schön sagten, vergemeinschaftet werden. 

ZEIT ONLINE: Und wie könnte uns das gelingen?

Macho: Wir müssten mehr miteinander über unser Sterben reden. So erfahren wir nämlich unsere Sterblichkeit als etwas, das wir gemeinsam haben. Und weil wir alle sterblich sind, müssen wir aufeinander achtgeben. Das ist die ethische Pointe, auf die man nicht sofort kommt: Das Tabu, das über das Reden vom Tod verhängt ist, muss aufgebrochen werden, damit wir zueinander finden. Damit wir nicht dem heideggerschen Heroismus ausgeliefert sind. Es muss doch nicht jeder allein zum Schafott.

ZEIT ONLINE: Meinen Sie das, wenn Sie von einer "neuen Sichtbarkeit des Todes" sprechen, über die sie 2007 ein Buch herausgegeben haben?

Macho: Lange galt der Tod als verdrängt. In den 1960er und 1970er Jahren waren sich eigentlich alle einig, dass der Tod in der Moderne keinen Platz mehr habe und es keine kulturelle Auseinandersetzung mehr mit ihm gebe. Das hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten radikal geändert. Der Künstler Andres Serrano fotografiert Leichen und ist damit sehr erfolgreich. Das wäre vor 40, 50 Jahren unmöglich gewesen. Ebenso wie die Fernsehserie Six Feet Under über den Alltag einer Leichenbestatterfamilie.

Es gibt seit zwei Jahrzehnten eine neue Sichtbarkeit des Todes in unserer Gesellschaft.
Thomas Macho

ZEIT ONLINE: Wie sichtbar ist der Tod denn in den neuen Formen der Öffentlichkeit: im Internet?

Macho: Auf Facebook gibt es jetzt schon ungefähr 30 Millionen Accounts von Toten. Man rechnet damit, dass es irgendwann – manche sprechen von dem Jahr 2065, manche von 2098 – mehr Accounts von Toten geben wird als von Lebenden.

ZEIT ONLINE: Könnte Facebook dadurch nicht zu einem sehr gehaltvollen Friedhof werden? 

Macho: Ich bin mir unsicher, wie viele von uns Lebenden dann noch Lust hätten, einen Account zu eröffnen. Aber diese Idee erinnert mich an eine Metapher für das Sterben, die es im Lateinischen gibt: ad plures ire – zu der Mehrheit überlaufen. Meiner Ansicht nach hat das etwas Tröstliches, weil auch das die Idee von Gemeinschaft und Solidarität aufruft.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns über die Planbarkeit des eigenen Todes reden. Sowohl die Hospizbewegung als auch die Möglichkeiten der Patientenverfügung verlangen ja, dass man sich früh und nüchtern mit dem eigenen Tod auseinandersetzt. Kann man den Tod planen?

Das Lebensende als Projekt

Macho: Das kann man ganz zweifellos, darauf sind die Bestattungsinstitute mittlerweile auch eingestellt. Früher kamen die Angehörigen zu den Bestattern, wenn jemand gestorben war. Das war das Geschäftsmodell. Heute werden immer mehr Menschen bei ihnen vorstellig, die ihren eigenen Tod planen und gestalten wollen. Wenn sie Glück haben, leben sie dann noch zehn, 20 Jahre.

Aber auch das Spektrum der Angebote ist sehr gewachsen – früher haben die Religionen die Bestattungsformen ziemlich klar vorgegeben. Heute gibt es eine große Vielfalt: Lieber Seebestattung oder Erde, wenn aber Erde, dann Friedhof oder doch lieber unter einem schönen Baum. Oder Feuerbestattung, ob anonym oder nicht ... 

ZEIT ONLINE: Wie kommt es, dass es heute so viele verschiedene Bestattungsmöglichkeiten gibt? Ist das Teil der normalen Ausdifferenzierung im Kapitalismus?

Macho: Nein, auf den Kapitalismus allein lässt sich das nicht zurückführen, dann hätte sich diese Individualisierung schon früher abzeichnen müssen. Die Leute haben einfach mehr Zeit, sich um ihren Tod zu kümmern. Die Kindersterblichkeit ist zurückgegangen, die Lebenserwartung gestiegen. Ein Mädchen, das 2017 geboren wurde, wird im Durchschnitt 88 Jahre alt werden – im Durchschnitt! Vor 100 Jahren waren es 64 Jahre. Ein solch langes Lebensende fordert natürlich geradezu zur Individualisierung auf. Das Lebensende ist jetzt ein Projekt für uns – dadurch entsteht dann ein breites Angebot.

ZEIT ONLINE: Heute sterben also mehr alte Leute als früher. Dass junge Menschen sterben, ist die Ausnahme, nicht die Regel. Inwiefern verändert das auch den Umgang mit dem Tod?

Macho: Das lässt sich schon an den Todesanzeigen ablesen. Wenn heute jemand mit 56 Jahren stirbt, steht in der Anzeige ganz selbstverständlich, er oder sie sei viel zu früh aus dem Leben gerissen worden. Im 19. Jahrhundert wäre das undenkbar gewesen, weil es ein normales Sterbealter gewesen wäre. Selbst bei sehr alten Menschen heißt es oft, sie seien nach geduldig ertragener schwerer Krankheit verstorben. Sogar bei 80-Jährigen gibt es also anscheinend einen Rechtfertigungsbedarf: Er hat gelitten, deshalb können wir jetzt auch dankbar sein, dass er erlöst wurde.

ZEIT ONLINE: Dass Menschen immer älter werden, trägt auch dazu bei, dass wir – zumindest mit Glück – einen Großteil unseres Lebens mit dem Tod gar nicht in Berührung kommen.

Macho: Früher, vor wenigen Jahrhunderten, vor wenigen Jahrzehnten noch, im Krieg, in der Vertreibung, wäre die Vorstellung, dass jemand 22 Jahre alt wird und noch nie einen Toten gesehen hat, absurd gewesen. Heute rede ich mit meinen Studenten darüber – über ihr Bedürfnis, den Tod auch körperlich zu erfahren, einmal eine Leiche zu sehen.

ZEIT ONLINE: Ihre Studenten wollen mit dem Tod in Berührung kommen?

Macho: Ich kenne mittlerweile viele, die an Sterbebegleitungskursen teilnehmen oder sich ehrenamtlich in Hospizen engagieren. Junge Leute machen Praktika in Bestattungsinstituten. Es gibt Kurse in Letzter Hilfe. Es ist doch absurd, dass jeder Depp, der Auto fahren will, einen Erste-Hilfe-Kurs machen muss, aber niemand lernt, wie man jemanden bei seinen letzten Schritten begleitet.

ZEIT ONLINE: Könnte man sagen, dass die Beschäftigung mit dem Tod eine spirituelle Funktion für uns erfüllen kann, dass sie uns zur Spiritualität führt? Lange war die Lesart ja andersherum: Dass wir nämlich Spiritualität in Form von Religion bräuchten, um mit dem Tod klarzukommen.

Das Bedürfnis, eine Tätigkeit auszuüben, die sinnstiftend ist, nimmt gerade in einer Dienstleistungsgesellschaft zu.
Thomas Macho

Macho: Vielleicht ist Spiritualität zu hoch gegriffen, aber das Bedürfnis, eine Tätigkeit auszuüben, die sinnstiftend ist, nimmt zu – gerade in einer Gesellschaft, in der es immer mehr Dienstleistungsjobs gibt, von denen man ahnt, dass sie niemand wirklich braucht.

ZEIT ONLINE: Der Tod ist aufgrund günstigerer, verbesserter Umstände aus unserem Leben verschwunden und wir holen ihn zurück, weil wir nicht ohne ihn auskommen.

Macho: Ja, genau. Wir wollen die ästhetische, sinnliche Erfahrung machen, einem toten Menschen gegenüberzutreten, und wir können so erleben, dass Sterblichkeit uns nicht trennt, sondern uns verbindet.

ZEIT ONLINE: Wenn wir alle sterben müssen, dann ebnet das ja auch alle vorherigen Unterschiede im Leben ein. Ist der Tod egalitär? 

Macho: In der frühen Neuzeit tauchen die ersten Bildmotive auf, die sogenannte Totentänze zeigen. Da wird dargestellt, dass jeder gesellschaftliche Stand vom Tod betroffen ist: "Der Tod erwürget alle gleich, wie er sie findet, arm ob reich." Auf ironischen Darstellungen holt der Tod den König ab, den Papst, den Arzt. Insbesondere über den Arzt gibt es dann viel Spott, weil man das lustig findet, dass auch der Arzt sterben muss. So gesehen ist der Tod subversiv. Er relativiert Macht.