ZEIT ONLINE: Nun, da wir von diesen Vorstellungen also befreit sind – wie gehen wir mit dieser Freiheit um? Der Tod ist doch etwas so Gewaltiges, dass wir zu ihm eine Haltung finden müssen, die bestenfalls etwas anderes ist als Todesangst.

Macho: Jeder Mensch hat Angst vor dem Tod. Manchmal mehr, manchmal weniger. Meine Lösung ist, erstens das Thema nicht zu tabuisieren. Und zweitens den Genuss und die Freude empfinden zu können, dass wir das Sterben mit allen Menschen teilen.

ZEIT ONLINE: Wie bitte?

Macho: Es war einer der größten Fehler in der philosophischen Beschäftigung mit dem Sterben – am deutlichsten vielleicht bei Martin Heidegger – den Tod als einen Weg der radikalen Vereinzelung zu beschreiben. Also als Sein-zum-Tode, als etwas, das mich allein betrifft. Heidegger wertet das zum "Existenzial" auf: Ich sterbe allein, das kann mir niemand abnehmen. Und in der Vorwegnahme dieses einsamen Sterbens soll ich zur Eigentlichkeit des Daseins finden.

Dabei ist es doch so, dass wir genau dieses Schicksal, die Vereinzelung im Sterben, alle teilen. Wir sind alle sterbliche Wesen. Daraus könnte eine ganz elementare Solidarität erwachsen, die sich sogar noch auf die Tiere ausweiten ließe. Diese Gemeinsamkeit hat etwas Tröstliches. Ich glaube, das ist auch ein Grund, weshalb immer mehr Menschen im Hospiz sterben wollen. Das Hospiz verkörpert diese Idee, dass der Tod uns nicht trennt, sondern verbindet.

ZEIT ONLINE: Plädieren Sie also für eine Vergemeinschaftung des Todes?

Macho: Ja! Das ist auch kein völlig neuer Gedanke. Die alten Griechen haben sich, wenn sie vor den anderen Bürgern der Polis eine Rede hielten, als Thanatoi angesprochen, als Sterbliche. Da wird die Gemeinschaft über die Vergewisserung der Sterblichkeit hergestellt – im Unterschied zu den Göttern, die unsterblich sind. Ich finde das sehr naheliegend. Wenn unser Sterben das Verbindende ist, dann muss es tatsächlich, wie Sie so schön sagten, vergemeinschaftet werden. 

ZEIT ONLINE: Und wie könnte uns das gelingen?

Macho: Wir müssten mehr miteinander über unser Sterben reden. So erfahren wir nämlich unsere Sterblichkeit als etwas, das wir gemeinsam haben. Und weil wir alle sterblich sind, müssen wir aufeinander achtgeben. Das ist die ethische Pointe, auf die man nicht sofort kommt: Das Tabu, das über das Reden vom Tod verhängt ist, muss aufgebrochen werden, damit wir zueinander finden. Damit wir nicht dem heideggerschen Heroismus ausgeliefert sind. Es muss doch nicht jeder allein zum Schafott.

ZEIT ONLINE: Meinen Sie das, wenn Sie von einer "neuen Sichtbarkeit des Todes" sprechen, über die sie 2007 ein Buch herausgegeben haben?

Macho: Lange galt der Tod als verdrängt. In den 1960er und 1970er Jahren waren sich eigentlich alle einig, dass der Tod in der Moderne keinen Platz mehr habe und es keine kulturelle Auseinandersetzung mehr mit ihm gebe. Das hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten radikal geändert. Der Künstler Andres Serrano fotografiert Leichen und ist damit sehr erfolgreich. Das wäre vor 40, 50 Jahren unmöglich gewesen. Ebenso wie die Fernsehserie Six Feet Under über den Alltag einer Leichenbestatterfamilie.

Es gibt seit zwei Jahrzehnten eine neue Sichtbarkeit des Todes in unserer Gesellschaft.
Thomas Macho

ZEIT ONLINE: Wie sichtbar ist der Tod denn in den neuen Formen der Öffentlichkeit: im Internet?

Macho: Auf Facebook gibt es jetzt schon ungefähr 30 Millionen Accounts von Toten. Man rechnet damit, dass es irgendwann – manche sprechen von dem Jahr 2065, manche von 2098 – mehr Accounts von Toten geben wird als von Lebenden.

ZEIT ONLINE: Könnte Facebook dadurch nicht zu einem sehr gehaltvollen Friedhof werden? 

Macho: Ich bin mir unsicher, wie viele von uns Lebenden dann noch Lust hätten, einen Account zu eröffnen. Aber diese Idee erinnert mich an eine Metapher für das Sterben, die es im Lateinischen gibt: ad plures ire – zu der Mehrheit überlaufen. Meiner Ansicht nach hat das etwas Tröstliches, weil auch das die Idee von Gemeinschaft und Solidarität aufruft.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns über die Planbarkeit des eigenen Todes reden. Sowohl die Hospizbewegung als auch die Möglichkeiten der Patientenverfügung verlangen ja, dass man sich früh und nüchtern mit dem eigenen Tod auseinandersetzt. Kann man den Tod planen?