Macho: Das kann man ganz zweifellos, darauf sind die Bestattungsinstitute mittlerweile auch eingestellt. Früher kamen die Angehörigen zu den Bestattern, wenn jemand gestorben war. Das war das Geschäftsmodell. Heute werden immer mehr Menschen bei ihnen vorstellig, die ihren eigenen Tod planen und gestalten wollen. Wenn sie Glück haben, leben sie dann noch zehn, 20 Jahre.

Aber auch das Spektrum der Angebote ist sehr gewachsen – früher haben die Religionen die Bestattungsformen ziemlich klar vorgegeben. Heute gibt es eine große Vielfalt: Lieber Seebestattung oder Erde, wenn aber Erde, dann Friedhof oder doch lieber unter einem schönen Baum. Oder Feuerbestattung, ob anonym oder nicht ... 

ZEIT ONLINE: Wie kommt es, dass es heute so viele verschiedene Bestattungsmöglichkeiten gibt? Ist das Teil der normalen Ausdifferenzierung im Kapitalismus?

Macho: Nein, auf den Kapitalismus allein lässt sich das nicht zurückführen, dann hätte sich diese Individualisierung schon früher abzeichnen müssen. Die Leute haben einfach mehr Zeit, sich um ihren Tod zu kümmern. Die Kindersterblichkeit ist zurückgegangen, die Lebenserwartung gestiegen. Ein Mädchen, das 2017 geboren wurde, wird im Durchschnitt 88 Jahre alt werden – im Durchschnitt! Vor 100 Jahren waren es 64 Jahre. Ein solch langes Lebensende fordert natürlich geradezu zur Individualisierung auf. Das Lebensende ist jetzt ein Projekt für uns – dadurch entsteht dann ein breites Angebot.

ZEIT ONLINE: Heute sterben also mehr alte Leute als früher. Dass junge Menschen sterben, ist die Ausnahme, nicht die Regel. Inwiefern verändert das auch den Umgang mit dem Tod?

Macho: Das lässt sich schon an den Todesanzeigen ablesen. Wenn heute jemand mit 56 Jahren stirbt, steht in der Anzeige ganz selbstverständlich, er oder sie sei viel zu früh aus dem Leben gerissen worden. Im 19. Jahrhundert wäre das undenkbar gewesen, weil es ein normales Sterbealter gewesen wäre. Selbst bei sehr alten Menschen heißt es oft, sie seien nach geduldig ertragener schwerer Krankheit verstorben. Sogar bei 80-Jährigen gibt es also anscheinend einen Rechtfertigungsbedarf: Er hat gelitten, deshalb können wir jetzt auch dankbar sein, dass er erlöst wurde.

ZEIT ONLINE: Dass Menschen immer älter werden, trägt auch dazu bei, dass wir – zumindest mit Glück – einen Großteil unseres Lebens mit dem Tod gar nicht in Berührung kommen.

Macho: Früher, vor wenigen Jahrhunderten, vor wenigen Jahrzehnten noch, im Krieg, in der Vertreibung, wäre die Vorstellung, dass jemand 22 Jahre alt wird und noch nie einen Toten gesehen hat, absurd gewesen. Heute rede ich mit meinen Studenten darüber – über ihr Bedürfnis, den Tod auch körperlich zu erfahren, einmal eine Leiche zu sehen.

ZEIT ONLINE: Ihre Studenten wollen mit dem Tod in Berührung kommen?

Macho: Ich kenne mittlerweile viele, die an Sterbebegleitungskursen teilnehmen oder sich ehrenamtlich in Hospizen engagieren. Junge Leute machen Praktika in Bestattungsinstituten. Es gibt Kurse in Letzter Hilfe. Es ist doch absurd, dass jeder Depp, der Auto fahren will, einen Erste-Hilfe-Kurs machen muss, aber niemand lernt, wie man jemanden bei seinen letzten Schritten begleitet.

ZEIT ONLINE: Könnte man sagen, dass die Beschäftigung mit dem Tod eine spirituelle Funktion für uns erfüllen kann, dass sie uns zur Spiritualität führt? Lange war die Lesart ja andersherum: Dass wir nämlich Spiritualität in Form von Religion bräuchten, um mit dem Tod klarzukommen.

Das Bedürfnis, eine Tätigkeit auszuüben, die sinnstiftend ist, nimmt gerade in einer Dienstleistungsgesellschaft zu.
Thomas Macho

Macho: Vielleicht ist Spiritualität zu hoch gegriffen, aber das Bedürfnis, eine Tätigkeit auszuüben, die sinnstiftend ist, nimmt zu – gerade in einer Gesellschaft, in der es immer mehr Dienstleistungsjobs gibt, von denen man ahnt, dass sie niemand wirklich braucht.

ZEIT ONLINE: Der Tod ist aufgrund günstigerer, verbesserter Umstände aus unserem Leben verschwunden und wir holen ihn zurück, weil wir nicht ohne ihn auskommen.

Macho: Ja, genau. Wir wollen die ästhetische, sinnliche Erfahrung machen, einem toten Menschen gegenüberzutreten, und wir können so erleben, dass Sterblichkeit uns nicht trennt, sondern uns verbindet.

ZEIT ONLINE: Wenn wir alle sterben müssen, dann ebnet das ja auch alle vorherigen Unterschiede im Leben ein. Ist der Tod egalitär? 

Macho: In der frühen Neuzeit tauchen die ersten Bildmotive auf, die sogenannte Totentänze zeigen. Da wird dargestellt, dass jeder gesellschaftliche Stand vom Tod betroffen ist: "Der Tod erwürget alle gleich, wie er sie findet, arm ob reich." Auf ironischen Darstellungen holt der Tod den König ab, den Papst, den Arzt. Insbesondere über den Arzt gibt es dann viel Spott, weil man das lustig findet, dass auch der Arzt sterben muss. So gesehen ist der Tod subversiv. Er relativiert Macht.