Auf ein paar Dinge muss eine liberale Demokratie sich verlassen können. Zum Beispiel darauf, dass die Bürger nicht damit anfangen, sich wegen ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht oder ihrer sozialen Herkunft für höherwertig zu halten als andere. Oder darauf, dass auch Unternehmen bereit sind, durch Steuern zum Gemeinwohl beizutragen. Geht die Zustimmung zu solchen Ideen verloren, kann ein freiheitliches System erstaunlich wenig dagegen tun. Es kann die Leute ja schlecht zwingen, an seine Prinzipien zu glauben. Sonst widerlegt es seinen freiheitlichen Charakter selbst.

Im Grunde ist die Demokratie aber auch darauf angewiesen, dass morgen früh die Sonne wieder exakt zum berechneten Zeitpunkt aufgehen wird. Gesellschaften bleiben nur so lange stabil, wie ihr Wissen von der Welt einigermaßen stabil ist: Die Natur verhält sich im Großen und Ganzen so, wie Physikerinnen, Chemiker und Biologen sie beschreiben. Wenn eine Historikerin sich jahrelang durch Archive gewühlt und durch Fachtagungen geschlagen hat, dann fabriziert sie keine Ideologie, sondern historische Wahrheit. 

Die berühmten Echsenmenschen

Man kann es deshalb ziemlich beunruhigend finden, wenn Studien davon sprechen, dass mehr als die Hälfte der amerikanischen Bürger mindestens einer Verschwörungstheorie anhängen. An der Methodik solcher oder ähnlicher Erhebungen darf man zweifeln: Wenn jemand ungefragt bei Ihnen anruft und fragt, ob die Welt von Echsenmenschen regiert wird, ob der Klimawandel ein Scherz ist und ob der Zusatz von Fluorid zum Trinkwasser noch andere Zwecke haben könnte als die Stärkung ihres Zahnschmelzes, dann rutscht Ihnen vielleicht auch mal ein Ja heraus. Folgt daraus, dass Sie von der Befragung amüsiert sind, oder dass Sie wirklich glauben, was Sie antworten? 

Nichts ist, wie es scheint heißt der gerade erschienene Essay des Tübinger Amerikanisten Michael Butter über Verschwörungstheorien und ihre Anhänger. An Forschungen über Konspirationismus herrscht im Internet kein Mangel, aber die meisten Erklärungen, woher diese oder jene Theorie stammt und warum sie falsch oder gefährlich ist, sind oft selbst nicht sehr wissenschaftlich. Wissenschaftler, die sich mit diesem Thema auf eine Weise beschäftigen, die auch akademisch anerkannt wird, gibt es nur sehr wenige.

Der "paranoide Stil"

Die in etablierten Medien bis heute am häufigsten zitierte Untersuchung zu Verschwörungstheorien ist der Aufsatz The Paranoid Style in American Politics des amerikanischen Historikers Richard Hofstadter von 1964. Er wurde auch oft herangezogen, um Donald Trump und seine Wählerschaft zu erklären. Gerade die klassische Deutung des Konspirationsglaubens als eine geistige Pathologie will Michael Butter mit seinem Buch ein Stück weit revidieren. Sein Hauptargument ist, dass Verschwörungstheorien "stigmatisiertes Wissen" sind, von dem sich zwar mit wissenschaftlicher Gewissheit sagen lässt, dass es falsch ist – keine einzige der großen Verschwörungstheorien über die Weisen von Zion, die Illuminaten, die Ermordung Kennedys oder die Anschläge auf das World Trade Center hat sich je bewahrheitet. Mit dieser Zurückweisung hat man aber noch nichts über die psychologische Funktion für ihre Anhänger, über ihre kulturelle Bedeutung und ihre Geschichte erfahren.