Es regnet in Strömen, als ich in Durban ins Flugzeug steige, um ins wasserarme Kapstadt aufzubrechen. Ich hatte morgens noch ausgiebig geduscht und einen kleinen Trinkwasservorrat eingepackt. Man weiß ja nie. "Vielleicht haben wir kein Wasser mehr, wenn du ankommst", hatte mich meine Gastgeberin gewarnt. Recherchen über die wohl schlagzeilenträchtigste Wasserkrise Südafrikas führen mich zu ihr nach Kapstadt. Ich betone "schlagzeilenträchtig", denn die Tatsache, dass für viele Menschen auf dem Land oder in den Armenvierteln auch fast ein Vierteljahrhundert nach Ende der Apartheid fließend Wasser noch immer ein Luxus ist, macht kaum Schlagzeilen. Es sei denn, die Proteste wütender Bürger schlagen in Gewalt um. Nun aber geht es um Kapstadt, Südafrikas "Mother City", die erste Millionenmetropole der Welt, in der die Wasserversorgung abgestellt werden könnte.

Leonie March lebt seit 2009 in Südafrika. Die Journalistin berichtet für Hörfunk und Printmedien aus den Ländern der Region. Sie ist Mitglied des Netzwerks freier Auslandskorrespondenten weltreporter.net. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Die Ursachen dieser Krise sind vielfältig: Dürre und Klimawandel, rapides Bevölkerungswachstum, überlastete Infrastruktur, schlechte Planung, Missmanagement. Und dräut also ein Day Zero. Der Tag, an dem die Wasserhähne der Haushalte trocken bleiben könnten und die Bürgerinnen und Bürger ihre Ration nur noch an Sammelstellen bekommen, bewacht von Polizei und Armee. Wahrscheinlich war es dieses unvorstellbare, ja endzeitlich anmutende Szenario, das Kapstädter und Stadtverwaltung endlich wachgerüttelt hat.

Als ich in Kapstadt lande, baut die Stadtverwaltung eilig, weil eigentlich viel zu spät, Meeresentsalzungsanlagen. Landwirte, die offenbar besser auf die Krise vorbereitet waren, teilen Wasser aus ihren Reservoirs mit den Städtern. Und viele Bürger sparen Wasser, wo sie nur können. Der Day Zero wird dadurch nun schon seit Wochen verschoben. Von April auf Mai, Juni, Juli … Mit jedem Aufschub wird er unwahrscheinlicher. Panikstimmung nehme ich hier am Kap daher nicht mehr war. Ich erlebe weder Hamster-Wasser-Käufe in den Supermärkten noch Rangeleien zwischen Bürgern, die am Fuß des Tafelbergs Quellwasser in Plastikkanister füllen.

Subtilere Zeichen der Krise gibt es dagegen überall: In öffentlichen Toiletten prangt der Hinweis "If it's yellow, let it mellow. If it's brown, flush it down." Spülen soll man also nur, wenn es auch wirklich notwendig ist. Selbst Nobelhotels haben die Stöpsel aus den edlen Badewannen entfernt, um ihre Gäste von einem Vollbad abzuhalten. Stoffservietten sind von den Tischen verschwunden, und das Grauwasser aus den Klimaanlagen wird für die Bewässerung der Grünanlagen wieder verwertet. Ungewaschene Autos sind keine Nachlässigkeit mehr, sondern ein Statement. Frauen bringen ihren eigenen Wasserbehälter mit zum Friseur und tragen das Grauwasser wieder nach Hause. Und in Fitnessstudios erklingt nach zweiminütiger Duschzeit ein Warnsignal.

Die Menschen in Kapstadt scheinen sich im Allgemeinen mit der Situation arrangiert zu haben. Südafrikaner sind ohnehin krisenerprobt und Meister darin, einen Plan B zu entwerfen. Es scheint so etwas wie Alltag eingekehrt zu sein. Und doch sieht der deutlich anders aus als bisher – und die Veränderung trifft manche mehr als andere.

Nach der Begrüßung folgt bei meiner Bekannten direkt die Einweisung, wie diverse Eimer, Kanister und Tonnen zu benutzen sind, die bei ihr herumstehen. In der Dusche fange ich das kalte, saubere Wasser in der einen Wanne auf, um damit später Geschirr zu spülen, in einer anderen das Grauwasser, das in den Toiletten landet. Den Spülkasten hat sie kurzerhand abmontiert, um kein wertvolles Trinkwasser zu verschwenden. "The new normal", nennt sie das schulterzuckend. Früher hat meine Gastgeberin ausgiebige Duschen und Vollbäder geliebt. Wo ihr Wasserzähler war, wusste sie nicht einmal. "Wasser war preiswert und augenscheinlich im Überfluss vorhanden", sagt sie. "Erst jetzt verstehen wir, wie verschwenderisch wir mit dieser wertvollen Ressource umgegangen sind."