Wenn der Fortschritt ein Auto wäre, dann schon lange keines mehr aus deutscher Produktion. Es wäre vielleicht ein kleiner Japaner oder immer noch ein breiter Straßenkreuzer aus den USA. Der deutsche Fortschritt scheint unterdessen mit einem alten Dieselmotor trübe auf dem Nürburgring im Kreis zu fahren, während die Beifahrerin von fliegenden Taxis fantasiert und der Fahrer sich über englischsprachige Baristas aufregt. Der Geist in diesem Land ist ja ein recht flüchtiges Ding, schwer zu fassen, und noch schwieriger zu belegen.

Aber man hat den Eindruck, als würden Politik und Gesellschaft hierzulande wahlweise den Gott der schwarzen Null umtanzen, sich über Flüchtlinge aufregen oder einfach damit beschäftigt sein, die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufzureißen, einfach so, aus Scheiß. So wenig Fantasie. So wenig Mut zu Neuem. So viele Scheindebatten und darauffolgende Debattenmüdigkeit, anstatt Aufbruchswillen. Den größten Aufbruchswillen kann man traurigerweise der AfD unterstellen, die eifrig an einer Retroversion von Deutschland arbeitet, die sonst keiner will.

Erzählte man einem Psychologen, man bräuchte nur noch etwas mehr Einkommen, etwas mehr Sex und eine noch bisschen geilere Wohnung, dann sei man endlich glücklich, würde der Therapeut sehr gütig den Kopf schütteln und etwas notieren.

Jedes Kleinzeug muss besprochen werden

Natürlich weiß jeder Hobbybuddhist, jeder Psychiater und wahrscheinlich auch man selbst, dass "das kleine bisschen mehr" einen nicht glücklich macht. Trotzdem ist eine ganze Gesellschaft diesem seltsamen Glauben verfallen, man müsse nur noch ein bisschen arbeiten für sein Glück, irgendwann habe man es dann verdient. Das ist im Kleinen falsch, und auch im Großen besorgniserregend, nämlich dann, wenn ein Land gesammelt nichts als wichtiger zu empfinden scheint, als das Bruttoinlandsprodukt, unabhängig von dessen Verteilung.

Wenn alle arbeiten und Steuern zahlen, ohne eigentlich zu wissen, wofür, außer für eine abstrakte Zahl, und ohne eine Idee dahinter, dann ist das gruselig. Es ist befremdlich, dass es über jede nicht-existente Burka eine Debatte gibt, dass jedes Kleinzeug auseinander genommen wird, aber nicht mehr über große Ideen gestritten wird. Streiten: Eh so ein Wort, das keinen Spaß mehr macht. Es klingt wahlweise nach etwas muffeligem AStA-Hörsaal oder Pegida-Aufläufen.

Diskutiert wird nur noch, wie man das Schlimme eindämmen kann, nicht, wie man die Welt schöner machen könnte. Vor allem scheint es darum zu gehen, das Übel der Welt von sich fern zu halten. Die einen bauen sich Safe Spaces und besprechen keine Texte mehr von Autoren, die sexistische Tendenzen in ihrer Literatur haben, die anderen fürchten sich vor der Islamisierung des Abendlandes, sobald sie eine Gemüsehändlerin mit Kopftuch sehen.